Jekaterinenburg

Kathedrale auf dem Blut: Verbindung zwischen den Zeiten

Über der Schädelstätte der Romanows erhebt sich heute die „Kathedrale des Blutes“.

Fünf goldene Kuppeln leuchten am Rande Europas, inmitten der Millionenstadt Jekaterinburg, dem Tor Sibiriens. Von weitem schon ist die Kathedrale auf dem Blute zu sehen. Als hätte sie sich aus dem Himmel herabgesenkt, verleiht die über der Stätte der Ermordung des letzten Zaren erbaute Sühnekirche der qirligen Industrie- und Wirtschaftsmetropole des Ural ein wenig jenseitigen, byzantinischen Glanz. Die auf Erlass Peters des Großen zur Eisenverhüttung gegründete und nach seiner Frau benannte Festungsstadt war wohl nie eine besondere Schönheit. Ihre neoklassizistischen Anfänge wie auch die konstruktivistischen Einsprengsel im Stadtbild wurden von den riesenhaften Hinterlassenschaften des Sozialismus? zugedeckt.

Seitdem aber die Träume von Gleichheit in Gleichmacherei zerbrachen, zerbröckeln auch ihre gigantomanischen Fassaden, worüber die in den 90ern errichteten Stahl-Glas-Türme nicht hinwegtäuschen können. Zu niedrig, den Himmel zu kratzen, überragen diese Kathedralen des neuen Geldes inzwischen den alten Stadtkern, dessen Historizität ab und an dazwischen hervorleuchtet – meist nur ein- bis zweistöckige, bunt getünchte Schaufronten, deren zaristischer Eklektizismus den späteren der Stalinzeit bereits vorweg nahm.

Aufstieg am Himmelfahrtshügel

Vor der Revolution siedelten sich die besseren Katherinenburger am Rande des Zentrums an. Prominent war der nach dem Gotteshaus auf seinem Gipfel benannte Himmelfahrtshügel, auf dem man der Dunstsphäre der Arbeiterklasse entrückt war. Die Aussicht auf den Fluss Isset dürfte auch der Bergbaubeamte Iwan Redikortsew geschätzt haben, der in den 1880er Jahren an der Westseite des Hügels seine Datscha errichtete. Vom noblen Himmelfahrtsprospekt, heute trägt die vielbefahrene, vierspurige Straße den Namen Karl Liebknechts, trat man ins Erdgeschoss des Gebäudes, das zum rückwärtigen, kleinen Garten hin aber aufgrund des Höhenunterschieds den ersten Stock darstellte. Drei Jahrzehnte später wurde es von Nikolai Ipatjew erworben, mit dessen Namen das Anwesen schicksalhaft verbunden bleiben sollte.

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Ende April 1918 wurde der Ingenieur ins Büro des örtlichen Arbeiterrats, des Ural-Sowjet, einbestellt und gezwungen, sein Haus sofort zu räumen. Man benötigte es „zur besonderen Verwendung“. Ein Jahr zuvor war im fernen St. Petersburg die Revolution ausgebrochen und Zar Nikolaus II. zurückgetreten. Im Oktober hatten dann die radikalen Bolschewiki die Macht an sich gerissen und ihr Führer Lenin plante, den noch von der bürgerlichen Vorgängerregierung ins sibirische Tobolsk verbrachten Zaren in einem Schauprozess zum Tode verurteilen zu lassen. Da sich im Land aber inzwischen der Widerstand regte und die Bolschewiki in Sibirien außerhalb Jekaterinburgs kaum Anhänger hatten, beschloss man, die Zarenfamilie in die Bergbaustadt zu verlegen.

Bolschewiki in Jekaterinenburg

Da Thronfolger Alexej wegen seiner Bluterkrankheit reiseunfähig war, kamen am 30. April zunächst nur der Zar, seine Frau Alexandra Fjodorowna und die zweitjüngste Tochter Marija in Jekaterinburg an, wo sie am Bahnhof von einer fanatisierten Arbeitermeute erwartet wurden. Erst in der Nacht konnten sie in ihr neues Quartier gebracht werden; die übrigen Mitglieder der Zarenfamilie folgten den Eltern am 23. Mai. Um sie zu isolieren, hatte man die Fenster mit Tünche geblendet und hastig einen übermannshohen, doppelten Bretterzaun errichtet; Besuche im Garten sind nur selten erlaubt. Bald müssen auf dem Dach Maschinengewehre postiert werden – keinesfalls sollen die Gefangenen in die Hände der herannahenden Konterrevolutionäre fallen; im Land herrscht in diesem Sommer 1918 ein offener Bürgerkrieg.

„Mit Nicky Karten gespielt. 10 Uhr zu Bett“, notiert die Zarin am späten Abend des 16. Juli 1918. Kurz nach Mitternacht werden die Romanows und ihre letzten Getreuen – Leibarzt Botkin, Kammerdiener Trupp, Leibkoch Charitonow und die Kammerfrau Anna Demidowa – geweckt und ins untere Geschoß gebracht. Moskau benötige ein Foto, heißt es. Anstelle eines Photographen aber führt der Geheimdienstler Jakow Yurowski zehn Bewaffnete in den Raum, denen man für das Bevorstehende reichlich Wodka ausgegeben hat. Dann verkündet er Lenins Todesbefehl. „Was?“ Auf seine Frage erhält der Zar keine Antwort mehr, er bricht als erster unter dem anhebenden Geballer zusammen, dann die Zarina, ihre Tochter Olga sowie das Gefolge. Bei den übrigen Großfürstinnen Tatjana, Marija und Anastasia aber prallen die Gewehrkugeln ab! Für den Fall einer notwendigen Flucht hatten sie Juwelen in ihre Korsagen eingenäht; jetzt sind es kugelsichere Westen. Auch der Zarewitsch lebt noch! Panisch machen sich die Betrunkenen mit Bajonetten und Kopfschüssen daran, ihr blutiges Werk zu vollenden; nach endlosen zwanzig Minuten herrscht Stille! Dann bringt man die Opfer aus der Stadt, um sie zu verscharren und die Spuren der Bluttat zu verwischen. Neun Tage später werden die zarentreuen Weißen Garden Jekaterinburg erreichen, doch nur die von Kugeln zerfetzte Kellerwand und einige in einem nahen Waldstück gemachte Einzelfunde bezeugen noch das Verbrechen; darunter ein abgetrennter kleiner Finger.

Ort des Verbrechens

Während die Zarenfamilie verschwunden bleibt, diente das berüchtigte Ipatjew-Haus in den folgenden Jahrzehnten als Wohnheim, dann als Museum. Erst 1975 erging der Befehl, es zu zerstören; angeblich, weil konterrevolutionäre Kreise den Bau für propagandistische Zwecke ausnutzen würden. Doch in Swerdlowsk, wie Jekaterinburg zur Sowjetzeit hieß, ließ man sich damit Zeit. Erst der neue Sekretär der örtlichen Kommunisten machte sich tatkräftig daran, die Anordnung aus der Moskauer Parteizentrale auszuführen – Boris Jelzin ließ den fraglichen Häuserblock 1977 dem Erdboden gleichmachen.

Indes das Haus verschwand, tauchten im Jahr darauf drei Schädel auf – die verschollenen Romanows? Erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR war die Zeit dafür reif. 1991, Boris Jelzin war zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Russlands geworden, bargen Militärs die Gebeine von neun Ermordeten. Erst 2007 fand man auch Zarewitsch Alexej und seine Schwester Marija, um sie in der Petersburger Romanow-Gruft zu bestatten. Zur Jahrtausendwende folgte das Moskauer Patriarchat der russischen Auslandskirche und kanonisierte die kaiserlichen Toten – zusammen mit über 1.100 weiteren Opfern der Sowjet-Diktatur; ein Kompromiss zwischen Royalisten und Gegnern, um die Grenze zwischen politischem Mord und Martyrium nicht zu verwischen.

Mit der Errichtung des Tempels auf dem Blute in Jekaterinburg, wie die Stadt wieder heißt, wurden die Architekten Viktor Morosow und Wladimir Grachew beauftragt. Die Kirche bietet ca. 1900 Besuchern Platz und überdeckt in etwa den letzten Gefängnisort der Zarenfamilie. Der Bau des Gotteshauses erfolgte in einem Tempo, welches Peter dem Großen würdig gewesen wäre – täglich rackerten bis zu 300 Arbeiter in zwei Schichten; 2000 war Grundsteinlegung, die Weihe erfolgte 2003. Außen ist die Blutkirche bis zum Fries der Bronzeikonen mit rotem Granit verblendet, die Apsiden mit grauem.

Zeichen für die Wiederbelebung der Orthodoxie

Im Inneren der allen Heiligen Russlands geweihten Oberkirche triumphiert eine Symphonie aus lichtdurchflutetem Gold, indes die Unterkirche deutlich zurückhaltender gestaltet ist. Rechts, aus der Mitte gerückt, befindet sich dort ein kryptenartiger Raum in rötlichem Dämmer. Die Wände und der Boden sind mit rotem Onyx ausgekleidet, dessen Farbe an das hier vergossene Blut erinnern soll. Das Mosaikbild über dem Altar zeigt die Zarenfamilie, seitlich sind die ebenfalls heiliggesprochenen Diener dargestellt.

Die Komposition, so heißt es, sei von der Stellung der Opfer im Moment ihrer Ermordung inspiriert. Besonders anrührend aber sind hier unten vor allem die in einem Nebenraum aufgehängten Kinderzeichnungen, auf denen meist die traurigen Augen des 14jährigen Zarewitsch zu sehen sind.

Stilistisch, so das Architektenteam, soll das von einem zehn Meter hohen Kreuz bekrönte Bauwerk „die Verbindung zwischen den Zeiten und die Wiederbelebung der orthodoxen Tradition symbolisieren“. Gerade dies könnte die Blutkirche in Zukunft zu einem wahren Schatz des Christentums werden lassen. Wer nimmt es da schon so genau und wollte mäkeln, dass sich der eigentliche Mordkeller zehn Meter weiter östlich, außerhalb der heutigen Kirche befand? Ein Kanaldeckel markiert in etwa die Stelle.

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