Unterwegs

Hinter den verborgenen Mauern der Klöster Israels

Der Journalist Michael Ragsch begibt sich hinter die verborgenen Mauern der unzähligen Klöster Israels und trifft auf faszinierende Mönchs-Persönlichkeiten.

Vater Shimon
Vater Shimon aus dem syrisch-orthodoxen Markuskloster in Jerusalem.
Vater Erothios lebt im Kloster Theodosios
In dem griechisch-orthodoxen Kloster Theodosios lebt Vater Erothios. Foto: Nadir Mauge

Warum machst du eigentlich dieses Buch? Die großen Wahrheiten sind doch alle schon niedergeschrieben, es ist alles gesagt.“ Es ist nicht nur diese fast kindliche Ehrlichkeit des griechisch-orthodoxen Mönchs Vater Prodromos, die Mitteleuropäer vor den Kopf stoßen kann. Fotografiert werden möchte er „auf gar keinen Fall“. Begibt man sich in eines der über tausend Jahre alten Klöster des Heiligen Landes, taucht man in eine neue Welt ein. Fast ist man versucht zu sagen „fernab der Zivilisation“. Die Postmoderne scheint vor den alten Gemäuern der vorwiegend orthodoxen Klöster Halt gemacht zu haben.

Unterschiedliche Klöster

Der Journalist, Moderator und Autor Michael Ragsch besuchte 2018 und 2019 fünfzehn orthodoxe und katholische Väter in ihren Gebetsstätten, die über ganz Israel, von der totalen Abgeschiedenheit in der judäischen Wüste bis zu dem politisch aufgeladenen Pulverfass Hebron, verstreut sind. Die Klöster und die darin lebenden Mönche unterscheiden sich in Aufgabe und Berufung: Die Trappisten von Latrun betreiben Wein- und Olivenanbau, andere, wie das Kloster Quarantal in Jericho, werden von Touristen bevölkert, wieder andere, wie die Dormitio-Abtei der Benediktiner, sind offene Häuser des theologischen Austauschs und des interreligiösen Dialogs.

Orte des Gebets

Was die Klöster jedoch bei aller Unterschiedlichkeit vereint: Alle sind Orte des seit Jahrhunderten andauernden Gebets, die von mönchischen Vätern geführt werden, die durch Persönlichkeit gekennzeichnet sind. Der Geistliche, der bei Michael Ragsch den meisten Eindruck hinterlassen hat, ist der schon erwähnte Vater Promodros, der das abgeschiedene Mar Saba, ein Wüstenkloster aus dem 5. Jahrhundert ohne Elektrizität, sein Zuhause nennt. Der orthodoxe Grieche kennt ein Leben außerhalb der Klostermauern. „Meine Eltern waren nicht religiös, also habe ich mich auf die Wissenschaft konzentriert“, erzählt er. Doch mit 30 fangen ihn die existenziellen Fragen des Lebens zu plagen an. In dieser Zeit trat Gott in das Leben von Vater Prodromos: „Es gab eine Zeit, als alles anders und neu wurde. Als Gott sich offenbart hat und ich ihn richtig kennengelernt habe.“

24 Stunden in Mar Saba

Wüstenkloster Mar Saba
Das Wüstenkloster Mar Saba von einer Höhle aus gesehen. Foto: Nadir Mauge

Bevor es ihn endgültig ins Heilige Land verschlug, besuchte er den Berg Athos. Dem Journalisten und seinem Begleiter Nadir Mauge aus Bethlehem, der die Fotografien für das Buch anfertigte, wurde die seltene Ehre zuteil, 24 Stunden in Mar Saba zu verbringen. Dafür benötigen Männer (Frauen ist der Zutritt versagt) ein eigenes Empfehlungsschreiben aus dem Patriarchat in Jerusalem. Vom „Service“ kann man sich hier nicht viel erwarten: Kalte Linsensuppe, altes Brot, kein Internet und um ein Uhr Nachts weckt ein unsanftes Klopfen zur Liturgie – die zwei Stunden dauert. Drei Stunden später, um sechs Uhr, ist Frühstück angesagt.

Mar Saba kann den urbanen Menschen alles lehren

Doch all das sind Oberflächlichkeiten, die in dem Wüstenkloster keinen Wert besitzen. Michael Ragsch ist überzeugt: „Wenn es wahr ist, dass aus der Stille Kraft erwächst und der Geist in der Wüste neue Impulse bekommt, dann könnte eine Nacht in Mar Saba den urbanen Menschen alles lehren über das, was wirklich zählt.“ Doch der Journalist ist auch kritisch: „Die Frage ist, ob der postmoderne Mensch Mar Saba oder auch andere abgelegene Einrichtungen wie das Theodosios-Kloster nicht eher als Kuriosum wahrnehmen möchte, statt als Option für seine Seele.“ Zusammen mit Vater Prodromos sinniert er über den Glaubensverlust der postmodernen Gesellschaft. Für den Mönch ist die Gottesfinsternis des 21. Jahrhunderts keine Folge eines Widerspruchs zwischen Glaube und Wissenschaft, sondern hat eher mit dem Narzissmus einer Zeit zu tun, in der jeder ein YouTub-Star werden kann. „Unsere Zeit hat Monster des Egoismus hervorgebracht“, schlussfolgert der Grieche.

Das fünfte Evangelium

Der Autor von „Väter des Heiligen Landes“ ist kein „Neuer“ in Israel. Seit 2009 zieht es den studierten Politikwissenschaftler mehrmals jährlich in das Land, das auch als das 5. Evangelium bezeichnet wird. Drei Bücher, davon eines über ein Waisenhaus in Bethlehem und ein weiteres über die Grabeskirche, hat der Israel-Liebhaber bereits verfasst. Was ist es, das Ragsch so sehr an der Region fasziniert? „Dass das Land so voller Geschichten ist.“ Einen Landsmann findet der aus Wattenscheid kommende Journalist in dem Abt der Dormitio-Abtei. Der Ostpreuße Bernhard Maria Alter war 20 Jahre als Priester in Bayern tätig, bevor er in das Heilige Land kam. Vor seiner Wahl zum Abt lebte er jahrelang in einer einfachen Hütte in der Wüste und malte Ikonen. Auch das macht diese christlichen Väter Israels aus: Sie bringen alle ihre eigenen Geschichten, Hintergründe und Nationen mit zum „Nabel der Welt“. Dieser Umstand verleiht den Klöstern einen unglaublichen Reichtum und eine Vielfältigkeit.

„Europa ist im Heiligen Land immer sehr weit weg.“

Trotz der Tatsache, dass viele von ihnen aus Europa stammen oder Zeit ihres Lebens auf dem europäische Kontinent verbracht haben, sind die Probleme, Sorgen und Errungenschaften der Kirche dort kein großes Thema unter den Mönchen. „Europa ist im Heiligen Land immer sehr weit weg“, bestätigt auch der Autor des Buches. In Israel wird einem bewusst: Der Alte Kontinent ist eben nicht das Herzstück des christlichen Glaubens.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.