Soglio

Unter Italiens Protestanten

Alle Italiener sind katholisch. Wirklich? Eine Begegnung mit einer Ausnahme-Pastorin .

Geheimnisvoller Nebel, seltene Konfession
Geheimnisvoller Nebel, seltene Konfession: Das Bergell, eines der vier italienischsprachigen Täler im Süden Graubündens. Foto: Fotos:

Im Schweizer Hochgebirgskanton Graubünden verbirgt sich eine Weltsensation – italienische Protestanten.

Also „jäh hinuntergestürzt, über eine entsetzlich tiefe Precipice, ohne einen Weg zu sehen“, wie vor 250 Jahren ein Reisender schrieb, der den tatsächlich fast senkrechten Weg aus dem Hochtal Engadin hinunter nahm. Das Bergell, eines der vier italienischsprachigen Täler im Süden Graubündens, ist vermutlich die einzige Region der Welt, in der italienischsprachige Protestanten seit der Reformation die Mehrheit stellen.

Es ist Mai, es ist still, die steinernen Dörfer hängen im Nebel. Im Nebel die Räucherhütten von Europas größtem zusammenhängenden Esskastanienwald, im Nebel die nüchternen Steinbrücken. Der ausklingende Winter war noch stiller als sonst, denn das Bergell grenzt im unteren Talausgang an die entsetzlich von der Pandemie betroffene Lombardei. 90 Prozent des Bergeller Gesundheitspersonals sind italienische Grenzgänger, sie wurden auch während des Corona-Lockdowns eingelassen, die Angst war groß. Nur langsam weicht die Beklemmung. Zwölf der gerade mal 1 250 Bergeller steckten sich mit dem Coronavirus an, inzwischen sind aber alle genesen, es gab keine Toten.

Engagierte Pastorin

Auf dem Friedhof von Soglio steht ein alter Mann. Er steht vor einer dunkelgrauen Betonwanne, ins Wasser sind Metallplättchen mit eingravierten Namen versenkt. „Da“, sagt der alte Bergeller, „lege ich mich nicht hinein.“ Die zwei Betonwannen auf dem Friedhof werden von zwei grünen Gießkannen bewacht, leicht schräg, in präziser Parallelität aufgestellt.

Simona Rauch ist die Pastorin des Bergells. Ein kurzer Haarschopf, ein breites Lachen. Einen Steinwurf von Alberto Giacomettis Elternhaus zeigt sie einen strengen, mit dunklem Holz ausgkleideten Saal, der für Gottesdienste im Winter genutzt wird. Die versenkten Plättchen, versichert die Pastorin, sind keine Gräber. Rauch ist relativ traditionsbewusst. Modische Zumutungen, etwa die Forderung von Eltern, sie möge das Neugeborene im Rahmen einer Gartenparty taufen, lehnt sie ab. Sie tauft in der Kirche.

Simona Rauch ist zweimal ein bisschen berühmt geworden: 2016 bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels und 2020 wegen ihrer gewitzten Reaktion auf die Coronakrise. Der Staatsakt zur Einweihung des 12 Milliarden Franken teuren Tunnels verriet etwas über das spirituelle Selbstverständnis der Schweiz. Pastorin Rauch vertrat beim Staatsakt alle Protestanten der Schweiz, daneben aber auch alle Italienischsprachigen und alle Frauen – der Pfarrer, der Imam, der Rabbi und auch der Atheist – „den hat vermutlich das Verkehrsministerium ausgesucht“ – waren nämlich alle Männer. „Sacre del Gottardo“, die im Tunnel dargebotene Theatereinlage des deutschen Regisseurs Volker Hesse, an der 600 Personen mitwirkten, wurde von manchen Kritikern als satanistisch gedeutet. Wie empfand die Pastorin den räudigen Tanz sparsam verhüllter Frauen? „Er war sehr seltsam. Ich habe darauf wie auf ein abstraktes Bild geschaut, das man nicht versteht.“

Auf Wanderschaft mit der Bibel

Während der Coronakrise ist die Bergeller Pastorin erneut im Schweizer Fernsehen zu sehen. Nun, da keine Gottesdienste stattfinden, ist Rauch eine Hirtin auf Wanderschaft. Sie druckt ihre Sonntagspredigten mit klassischen Bibel-Illustrationen aus, packt sie in ihren Rucksack, geht von Tür zu Tür und wirft die Predigt in die Briefkästen. Ihr dauerndes Unterwegssein führt zu zahllosen Gesprächen auf der Straße oder zwischen Tür und Angel. Dabei den empfohlenen Mindestabstand einzuhalten – das ist bei einer Bevölkerungsdichte von sechs Bergellern pro Quadratkilometer das geringste Problem. Die Tessinerin sagt, sie wurde nicht aufgrund einer „Erleuchtung“ Pastorin. Sie arbeitete zunächst als Logopädin im Tessin, bevor sie in Genf und Neuchatel Theologie abschloss. Ihr Vater ist Pastor, ein Bündner aus dem protestantisch-rätoromanischen Unterengadin. Sie verbrachte ihre ersten sechs Jahre im Bergeller Dorf Vicosoprano, wo sie auch jetzt wieder lebt, ist also ein bisschen von hier. Den lokalen Dialekt Bregagliotto versteht sie gut, weil sie ihn als Kind gehört hat und „und weil es dem rätoromanischen Idiom Vallader ähnelt, das mein Vater mit seiner Schwester sprach“. Mit ihr endet die Pfarrerdynastie wohl, sie ist kinderlos.

Als sie hier 2007 ihre erste Kirchgemeinde bekam, staunte sie: Italienische Protestanten sind überall „eine verstreute Diaspora“, im Bergell hingegen wird so etwas wie die Einschreibung zum Konfirmations-Unterricht „als selbstverständlich vorausgesetzt“. Im katholischen Tessin hatte sie ein Privatleben: Wenn sie mit einer Freundin im Café saß, wurde sie kaum je von jemandem erkannt; im Bergell ist sie immerzu die Pastorin. Sie nennt die dreizehn Bergeller Jahre eine lange Zeit. Sie imkert und wandert und findet die Bedingungen für ihren „spirituellen Weg“. Es ist ruhig. Sehr ruhig. „Man muss stabil sein.“

Eine Minderheit, die sich wie die Mehrheit benimmt

Dann sagt sie: „Wir sind schon eine Minderheit, benehmen uns aber noch, als wären wir die Mehrheit.“ Sie rechnet vor: An den sieben Bergeller Kultstätten gibt es sonntags vier bis sechs Gottesdienste, zu denen insgesamt 50 der circa 1 000 Bergeller Protestanten erscheinen. Sind das nicht Zahlen wie aus Großstädten? Sie bejaht das. Nur in Castasegna kommen sonntags fünfzehn Leute. Castasegna ist der Grenzort zur Lombardei, von wo aus die wenigen Bergeller Katholiken betreut werden. Rauch schätzt den alten katholischen Pfarrer, sie hat schon einige ökumenische Veranstaltungen mit ihm organisiert. In den Zeiten von Corona, sagt sie, „habe ich nicht mit meinem katholischen Kollegen gearbeitet. Ich weiß daher nicht, ob er in die Schweiz kommen konnte.“

Und wie geht es weiter? Seit Mitte Juni stehen die Zeichen auf Lockerung. Nun wird sich zeigen, ob von den vielen Bergellern, denen die Pastorin mit dem Rucksack begegnet ist, einige den Weg zurück in die Kirche finden. In einigen Bergeller Dörfern, gesteht sie, hatte sie vor Corona „manchmal zwei, drei Personen, in einer großen Kirche wirkt das entmutigend“. Als eines Sonntags nur eine einzige Dame erschien, gingen sie nach Hause auf einen Kaffee. Auch auf den Gedanken, dass sie irgendwann einmal allein in der Kirche steht – auch darauf ist Simona Rauch vorbereitet.

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