Unter Drusen

Ihr Glaube ist aus dem schiitischen Islam hervorgegangen. Bis heute bilden die Drusen eine Welt für sich. Von Gerhild Heyder
Foto: KNA | Schnauzer, weiße Kappe und schwarze Kleidung: typisch für eingeweihte Drusen.
Foto: KNA | Schnauzer, weiße Kappe und schwarze Kleidung: typisch für eingeweihte Drusen.

Monas Hochzeitstag war der traurigste Tag ihres Lebens.“ Wer den aus dem Jahr 2005 stammenden Film „Die syrische Braut“ des israelischen Regisseurs Eran Riklis gesehen hat, mag eine Ahnung vom Leben in der drusischen Gemeinschaft bekommen haben – und vom Dorf Majdal Shams ganz im Norden der Golanhöhen, in dem er spielt und auch gedreht wurde. Mona wird auf Beschluss ihrer Familie mit einem drusischen syrischen Fernsehstar verheiratet, muss dazu die Grenze überqueren und darf nie wieder zurückkehren – so lautet die Regel der Drusen. Überall, nicht nur auf den Golanhöhen, wo die für das christlich-europäische Weltverständnis sehr fremd anmutende Geschichte ihren Ausgang nimmt.

International anerkannt als Teil Syriens, befinden sich die Golanhöhen seit dem 6-Tage-Krieg von 1967 größtenteils unter israelischer Kontrolle. Israel verwaltet die annektierten Gebiete als Teil seines Nordbezirks; Syrien beansprucht das Gebiet komplett und zählt es zu seinem Gouvernement Quneitra. Die vier drusischen Dörfer mit insgesamt etwa 23 000 Bewohnern im Norden der Golanhöhen, von denen Majdal Shams das größte ist, gehören somit de facto zu Israel. Politisch gesehen ist die 1979 angebotene israelische Staatsbürgerschaft von einigen drusischen Bewohnern angenommen worden (84% der Männer dienen sogar in der israelischen Armee); viele bekennen sich indes zu Syrien, trotz der ihrer Religion innewohnenden Loyalität zu dem jeweiligen Land, in dem sie leben. In ihren israelischen Ausweisen steht unter der Zeile „Staatsbürgerschaft“ das Wort „ungeklärt“.

Die arabischsprachige Religionsgemeinschaft der Drusen entstand im frühen 11. Jahrhundert in Ägypten als Abspaltung der ismailitischen Schia. Der damals regierende Kalif al-Hakim wurde als Gott verehrt. Ihre Lehre hat sich weit entfernt vom Islam, sie ist geprägt von einer allegorischen Interpretation des Koran mit einer eigenen Doktrin und Berührungspunkten zum Hinduismus, Buddhismus, Neuplatonismus, auch zum Judentum und zum Christentum. Drusen erkennen Evangelium und Koran an, ordnen ihnen aber ihre eigenen Schriften über. Sie glauben an Seelenwanderung, die Seele geht nach dem Tod eines Menschen sofort in einen anderen Menschen desselben Geschlechts über, nicht in andere Wesen. Ihr Gott kann mehrmals Mensch werden, seine Rückkunft wird am „Ende der Zeiten“ erwartet.

Glücksspiel ist den Drusen ebenso verboten wie Alkohol- oder Drogenkonsum. Sie dürfen nicht rauchen und wie Juden oder Muslime kein Schweinefleisch verzehren.

Es wird nicht missioniert, man darf der Gemeinschaft aber auch nicht freiwillig beitreten. Druse ist nur, wer Kind drusischer Eltern ist, und es darf auch nur untereinander geheiratet werden. Wer dieses Gesetz missachtet, wird verstoßen und aus der Familie (auch der privaten) ausgeschlossen. Die Bevölkerung der Drusen weltweit sollte immer etwa konstant bleiben (rund eine Million), daher bleibt auch die Anzahl der Kinder in etwa gleich: 2,3 Kinder pro Paar sind die Regel.

Es werden Unwissende und Eingeweihte unterschieden

Die Gläubigen werden in „Unwissende“ und „Eingeweihte“ unterschieden. Zu den letzteren, auch „Älteste“ genannt, gehören sowohl Männer als auch Frauen, sie sind Hüter und Bewahrer der Religion, ihrer Praktiken und Geheimnisse, die den „Unwissenden“ nicht bekannt sind, und Außenstehenden schon gar nicht. Es gibt „Heilige Bücher“, in denen die Glaubenssätze erhalten sind, die Schriften sind aber auch nur den „Eingeweihten“ zugänglich, die äußerlich erkennbar sind an einer weißen Kopfbedeckung und schwarzer Kleidung. Frauen gehen unverschleiert aus dem Haus. Moscheen gibt es nicht in den Drusendörfern des Golan, die Gebetsräume befinden sich hier hinter normalen Haustüren.

Wir besuchen das drusische Dorf Majdal Shams. Das Bergdorf – eigentlich schon ein Städtchen – schmiegt sich an den Hang des Mount Hermon. Wir werden in einem kleinen Restaurant willkommen geheißen und nach dem obligatorischen Händewaschen im Vorraum des Lokals zu einem exzellenten Mittagessen gebeten, mit allen orientalischen Köstlichkeiten, die man sich nur vorstellen kann und die alle frisch für uns zubereitet werden: Hummus, Safranreis mit und ohne Huhn, Hirse, Falafel, Salate, Käse und Obst und zum Abschluss nicht zu süßes Baklava, das auf der Zunge zergeht.

Das anschließende Gespräch mit der „Aktivistin“ Shefaa Abu Jabal, die sich im gewaltlosen Kampf gegen den syrischen Präsidenten Assad engagiert, überrascht – die persönliche Begegnung ist auch bei aller sorgfältigen Vorbereitung durch nichts zu ersetzen.

Die 30-jährige Juristin, Kriminologin und Übersetzerin ist als syrische Drusin in Majdal Shams geboren und lebt in Haifa. An den Wochenenden kommt sie in ihre Heimat und zu ihrer Familie zurück. Die sehr lebendige junge Frau, die keinen israelischen Pass besitzt, weil sie das nicht will, sondern nur ein „Laissez passer“, die israelische Reiseerlaubnis, sieht aus wie viele moderne selbstbewusste Frauen ihres Alters, gleich welcher Nation. Sie beantwortet bereitwillig und offen unsere Fragen nach ihrem Leben und ihrem religiösen Selbstverständnis.

Ausschluss aus der Familie droht

Shefaa ist hineingeboren in eine drusische Familie, in ein drusisches Umfeld. Die meisten ihrer Freunde sind gläubige Drusen, das akzeptiert sie ganz selbstverständlich, obwohl sie selber einen anderen Weg eingeschlagen hat – besonders, wenn es um religiöse Fragen geht: „Im Mittleren Osten prägt die Religion alles: wer einen liebt und wer einen hasst, wer mit einem redet und wer nicht. Die Menschen hier nehmen Religion zu ernst, finde ich.“

Ihre Familie unterstützt Shefaa und lässt sie ihr selbstbestimmtes Leben in Haifa führen – das funktioniert aber nur so lange, wie sie unverheiratet ist. Und da wird die zugewandte junge Frau, die zurzeit als Fundraiserin in einer Investmentfirma arbeitet, plötzlich nahezu abweisend und ganz streng: Nie würde sie sich den Regeln der drusischen Gemeinschaft widersetzen, was eine mögliche Eheschließung betrifft. Wenn sie jemals heiratet, dann selbstverständlich einen Drusen, mit dem die Eltern einverstanden sind. Sollte sie jemand anderen wählen, würde sie ausgeschlossen aus der Familie und Gemeinschaft, daran hat sich über die Jahrhunderte nichts geändert. Und da die Familie in dieser Welt existenzielle Bedeutung hat, wäre ein solcher Schritt für Shefaa absolut unvorstellbar. So sind eben die Gesetze, daran hat man sich zu halten – Ende der Durchsage. Natürlich kennt sie den Film „Die syrische Braut“, aber das wird nicht ihre Geschichte sein. Welche es sein kann, wird sich weisen.

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