Unsere Stimme verkaufen wir nicht an die Kandidaten

Die Brasilianer wählen einen neuen Präsidenten als Nachfolger Luiz Inácio Lula da Silvas – am 31. Oktober steht die Stichwahl zwischen Dilma Rousseff und José Serra an. In Nordostbrasilien wissen mittlerweile Jugendliche, wie Politik funktioniert. Das haben sie in den Kursen des Kolpingwerkes und der Konrad-Adenauer-Stiftung gelernt und angewendet – schließlich mussten ja Anfang Oktober auch schon 513 Bundesabgeordnete, 54 der insgesamt 81 Senatoren, die Gouverneure der 27 Bundesstaaten sowie deren Landesparlamente vom Volk bestimmt werden.

Eine Reportage Von Stefan Wahl

Würzburg (DT) Seit Monaten bestimmte der Wahlkampf das Straßenbild in Fortaleza. In der Hauptstadt des Bundeslandes Ceará in Nordostbrasilien standen an fast allen großen Straßenkreuzungen Menschen mit großen Fahnen, auf denen der Name eines Kandidaten und ein Zahlencode für den Wahlcomputer zu lesen sind. Kurz vor dem ersten Wahltermin am 3. Oktober fuhren Kleinwagen mit Lautsprecherboxen auf dem Dach durch die Straßen und warben für diesen oder jenen Kandidaten.

Es gibt aber auch einen Wahlkampf, der eher im Verborgenen abläuft. Ana Maria Meyne Martim de Sousa berichtet, dass sie in der Vergangenheit oft von Politikern angesprochen wurde. Als Vorsitzende der Kolpingsfamilie Jovem Estudante (Kolping und Schüler) erkennen die Wahlkandidaten in der Kleinstadt Baturité sie als einflussreiche Frau an. „Unsere Kolpingsfamilie ist in Baturité eine sehr bekannte Nichtregierungsorganisation, und mit unseren Angeboten erreichen wir viele Menschen“, sagt sie. „Deshalb bieten mir viele Politiker finanzielle Unterstützung an, vorausgesetzt, ich werbe für sie in unserem Kolpinghaus.“ Das lehnt sie empört ab. So wie die Vorsitzende beklagen auch die anderen Mitglieder der Kolpingsfamilie die offenen Bestechungsversuche von Politikern. Jovem Estudante ist mit 15 jugendlichen Mitgliedern eine der kleinsten Kolpingsfamilien in Brasilien. Sobald man die jungen Leute auf die Politik in Brasilien anspricht, werden die Gespräche sehr engagiert, das ist ein Thema, das sie aufregt.

Einige von ihnen haben in einem Jahr an einem Kurs zur politischen Bildung teilgenommen. Diese bietet das Kolping-Regionalbüro in Fortaleza gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung an. Das Angebot geht auf eine Anregung von Kolpingjugendlichen zurück. Sie hatten sich politische Bildungsangebote gewünscht, da es in den Schulen keinen Politikunterricht gibt.

Die Vorsitzende der Kolpingsfamilie in Baturité beobachtet eine große Passivität bei den Bürgern. Viele fänden sich damit ab, dass es auf dem Land oft keine vernünftigen Straßen, keine fuktionierende Wasserversorgung und keine Kindergärten gebe. „Sie kennen ihre Bürgerrechte nicht und wissen nicht, was ihnen zusteht. Und oft nutzen Politiker die Unwissenheit der Menschen und ihre Armut aus und versprechen ihnen eine dringend benötigte Tankfüllung Trinkwasser oder die Bezahlung einer Stromrechnung für ihre Stimme bei der Wahl.“ „Aber Politik ist nicht gleichzusetzen mit Korruption“, ergänzt das 23-jährige Kolpingmitglied Maria Leidiane. „Das habe ich in den Kursen des Kolpingwerkes gelernt. Wir können Einfluss auf die Politik nehmen, indem wir nachfragen und uns auch selbst engagieren.“ Maria Leidiane wurde in einen Bürgerrat der Stadt Baturité, ein sogenanntes Conselho, berufen. Die Conselhos werden vom Bürgermeister einer Stadt zu verschiedenen Themen eingerichtet. Sie haben eine beratende Funktion und sie setzten sich zu gleichen Teilen aus Bürgern, Mitarbeitern der Stadtverwaltung und Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen zusammen. Die Einrichtung von Conselhos ist für Städte Voraussetzung, wenn sie Geld vom Staat für ihre Arbeit bekommen möchten. Deshalb ist es in der Regel notwendig, Conselhos für die Bereiche Gesundheit, Sozialhilfe, Wohnung und Bildung zu haben und sie vor jeder Entscheidung anzuhören.

Maria Leidiane wurde mit einem anderen Mitglied ihrer Kolpingsfamilie in das Conselho für Kinder und Jugendliche berufen, weil Kolping in diesem Bereich als erfahrene Gruppe anerkannt ist. Die Kolpingjugendlichen kritisieren, dass es zwar das Bürgerrecht gibt, in einem Conselho mitzuwirken, dass aber die Delegierten in keiner Weise auf ihre ehrenamtliche Mitarbeit vorbereitet werden. Das ist bei den Jugendlichen, die an einem Kolpingseminar teilgenommen haben, inzwischen anders, da sie verstehen, wie Politik auch auf kommunaler Ebene funktioniert.

Bernadete Nunes de Andrade, die Leiterin des Kolping Regionalbüros für den Nordosten, freut sich über den Erfolg der Kurse und die gute Zusammenarbeit mit dem Büro der Konrad-Adenauer-Stifung in Fortaleza. In diesem Jahr umfassen die Kurse fünf Module: Zunächst setzen sich die Teilnehmer mit der brasilianischen Geschichte und dem politischen System in Brasilien auseinander. Einen großen Stellenwert hat dabei die brasilianische Verfassung von 1988, da sie den Übergang von der Diktatur zur Demokratie markiert und den Bürgern weitreichende Rechte einräumt. „Zunächst geht es darum, den Teilnehmern Grundlagenwissen zu vermitteln“, sagt Anja Czymmeck, die Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung für Nordostbrasilien. „Wir erklären unter anderem, was Parteien sind, welche es gibt und wofür sie stehen. Und wenn die Teilnehmer verstanden haben, dass das Verkaufen der eigenen Stimme an einen Politiker der falsche Weg ist, dann haben wir schon viel erreicht.“

Allerdings gibt es auch schon Erfolge, die über diesen Wunsch hinausgehen: Die Teilnehmer werden parallel zu den Kursen aktiv und engagieren sich politisch. In Flores im Bundesland Pernambuco haben Jugendliche den Bürgermeister zu einem öffentlichen Gespräch eingeladen. Sie haben ihn bei der Versammlung aufgefordert, mehr für die politische Bildung in der Kommune zu tun. Daraufhin hat der Bürgermeister die Geschäftsführerin des Kolpingbüros in Fortaleza angesprochen, um gemeinsam mit ihr über den Aufbau weiterer Kurse zu sprechen. Andere Jugendliche laden die Bürger in Parajaru regelmäßig zu Mitmachaktionen ein, zum Beispiel zum Müllsammeln am Strand. „Mittlerweile kopieren Teilnehmer sogar unsere Seminarunterlagen und unsere Videos über brasilianische Geschichte und Politik“, freut sich Geschäftsführerin Bernadete Nunes de Andrade. Das Material nutzen sie, um Vorträge in ihren Schulen oder im Bekanntenkreis zu halten. Und der Bedarf an politischer Bildung ist groß. Inzwischen hat Kolping einen ersten Kurs für Verwaltungsbeamte der Stadtverwaltung im Bundesland Bahia angeboten, da es selbst bei Mitarbeitern der Kommunen große Wissenslücken gibt.

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