Jerusalem

„Unser Einsatz mit Gottes Hilfe“

Der Kindergarten der Schwestern des Hl. Karl Borromäus in Jerusalem ist wieder geöffnet.

Kindergarten der Schwestern des Hl. Karl Borromäus in Jerusalem ist wieder geöffnet
Die sozialen Defizite der Kinder ausgleichen: Schwester M. Daniela.TMS Foto: Foto:

Der kleine palästinensische Junge rannte so schnell er konnte von einem Ende des Spielplatzes zum anderen. Er rannte hin und her, sprang dabei durch die Luft und forderte alle zu Wettrennen heraus. Diese sichtbare Freude ist in Israel in Zeiten des Coronavirus keine Selbstverständlichkeit.

Die öffentlichen Spielplätze sind gesperrt, doch nach neun langen Wochen durften in der vergangenen Woche die Kindergärten wieder öffnen. „Man sieht den Kindern förmlich die Freude an, wieder so viel Freiraum zum Herumtoben zu haben“, freut sich Schwester M. Daniela Gabor. Sie ist die Oberin der deutschsprachigen Schwestern des Hl. Karl Borromäus in Jerusalem und leitet als ausgebildete Pädagogin neben deren Pilgerhaus auch deren Kindergarten.

Neun Wochen "eingesperrt"

Mitten in einer jüdisch geprägten Nachbarschaft, die von deutschen Pietisten gegründet worden war, betreuen die Schwestern zusammen mit christlichen und muslimischen Erzieherinnen 130 palästinensische Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. „Es war ja nicht nur unser Kindergarten vorübergehend geschlossen“, beginnt Schwester M. Daniela ihre Antwort auf die Frage, wie die Kinder die Coronakrise verarbeiten. „Neun Wochen waren die Kleinen zuhause regelrecht eingesperrt. Wegen der zeitweise sehr strikten Ausgangssperre in Israel mussten sie in den vier Wänden der Familie bleiben und konnten sich nicht austoben.“

Lerndefizite werden schnell ausgeglichen

Zwar erzählt ein Mädchen im Kindergarten begeistert von den Hausaufgaben, Bastelvideos und Liedern, die ihnen die Schwestern und die Erzieherinnen per Internet in dieser Zeit zugeschickt haben. Doch Schwester M. Daniela weiß und betont es auch im Gespräch: „Das sogenannte Homeschooling ist für Kleinkinder nur sehr bedingt geeignet.“ Und mit sorgenvollen Worten fügt sie noch hinzu: „Die Zeit der Ausgangssperre ist an diesen Kindern nicht spurlos vorübergegangen. Die Lerndefizite werden schnell wieder ausgeglichen sein – nicht so jedoch die sozialen Defizite. Das uns hier sehr wichtige Einüben des Miteinanders, die Toleranz, das Teilen und das Verzeihen – all diese so wichtigen sozialen Verhaltensweisen fallen leider zuhause zu oft unter den Tisch.“

Die von den Schwestern betreuten christlichen und muslimischen Kinder wachsen inmitten des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern auf, der ihnen unter anderem durch Erlebnisse an den Checkpoints und durch die Gewalt, die sie zwischen den Erwachsenen erleben, deutlich vor Augen geführt wird. Dem Coronavirus, diesem unsichtbaren Feind, begegnen sie jedoch auf ihre ganz eigene Art. An den ersten Tagen kamen manche der Kinder stolz mit einem Atemschutz zum Kindergarten, obwohl Kinder unter sieben Jahren nicht zum Tragen verpflichtet sind. Sie wollten wie ihre Eltern sein. Doch je mehr sie wieder mit den anderen Kindern spielen konnten und durften, umso schneller war die Maske auch wieder abgelegt.

Behutsam mit dem Virus bekannt gemacht

Behutsam hatten die Schwestern und Erzieherinnen den Kindern bereits Anfang März und nun wieder in den ersten Tagen durch Bildergeschichten und mithilfe von Handpuppen erklärt, was der Coronavirus ist und wie man sich vor ihm schützt. „Wir stellen nun fest, dass die Vorschulkinder schon richtig kleine Experten sind, was die neuen Sicherheitsregeln betrifft“, erzählt Schwester M. Daniela freudig. „Manche Kinder waschen sich jetzt nach jeder Einheit ganz stolz und intensiv die Hände mit Wasser und Seife.

Anderen merkt man an, dass ihnen die Prozedur schnell lästig wird und sie fragen uns: ,Gibt es auch Hy-Gel?‘ – weil es mit Desinfektionsmittel schneller geht.“ Die Kinder haben sich innerhalb der ersten Woche zurück im Kindergarten in die neue Normalität gut eingelebt. Der Konvent der Schwestern des Hl. Karl Borromäus in Jerusalem ist krisenerfahren durch seine lange Tätigkeit im Schatten des israelisch-palästinensischen Konflikts. Bereits 1905 fingen die Schwestern an, sich um elternlose und vernachlässigte Kinder zu kümmern. Und von Anfang an galt besonders Mädchen in der primär männlich dominierten Gesellschaft ihre besondere Zuwendung. Jahrzehntelang betrieben sie eine Heimschule für palästinensische Mädchen und 1989 gründeten sie dann den Kindergarten für palästinensisch-arabische Kinder, die innerhalb des Staatsgebietes Israels leben.

Gegenseitige Wertschätzung

„Zu Beginn konnten wir nur Kinder aus 20 Familien betreuen. Heute können wir nicht alle Kinder aufnehmen, die sich bei uns bewerben, da unsere Kapazität leider nur für rund 130 Kinder ausreicht“, stellt Schwester M. Daniela fest. Gerne würde sie noch mehr Kinder aufnehmen können, denn sie sieht die gezielte Bildung und Förderung gerade in diesem Alter als wichtigen Baustein für Hoffnung und Zuversicht in dieser krisenreichen Region. „Wir möchten unsere Kinder, die aus muslimischen und christlichen Elternhäusern kommen, durch das Miteinander zu gegenseitigem Respekt, Toleranz und Wertschätzung der verschiedenen Religionen und Kulturen veranlassen.“

Und dazu gehört auch, worauf sie explizit hinweist, dass der Kindergarten nur von Montag bis Freitag geöffnet ist. „Unser eigenes gelebtes Beispiel ist es, die Sabbatruhe unserer jüdischen Nachbarn zu achten. Aufgrund unserer christlichen Prägung haben wir außerdem den Sonntag als freien Tag. Die Familien – auch die muslimischen – unseres Kindergartens akzeptieren dieses Wochenprogramm sehr gut.“

Kindergarten braucht Einnahmen

Neben dem israelisch-palästinensischen Konflikt stellt die Coronakrise nun nicht nur eine weitere pädagogische Herausforderung dar, sondern auch eine finanzielle. „In Notlagen und bei besonderen Projekten steht uns Gott sei Dank unser Förderverein ,St. Charles Convent‘ mit wohlwollenden Menschen zur Seite“, sagt Schwester M. Daniela. Doch sie blickt sorgenvoll in die Zukunft. Für die Bezahlung der Gehälter der Erzieherinnen erhält der Kindergarten staatliche Zuschüsse und die Familien der Kinder bezahlen moderate Gebühren. „

Die Aufnahme eines Kindes bei uns soll ja nicht am Geld scheitern“, betont sie. Doch eine wichtige finanzielle Säule des Kindergartens ist das momentan leerstehende Pilgerhaus des Ordens, das Deutsche Hospiz St. Charles. „Unser frisch renoviertes Gästehaus ist geschlossen und es ist ungewiss in diesen Zeiten der Pandemie, wann wieder mit Gästen und Pilgern im Heiligen Land zu rechnen ist.“ Ohne diese zusätzlichen Einnahmen ist der Kindergarten auf Dauer nicht finanzierbar.

Erfolge spornen an

Schwester M. Danielas sorgenvoller Blick in die Zukunft lichtet sich jedoch, als sie beginnt zu erzählen, warum sie überzeugt ist, dass, wie sie es formuliert, „sich unser Einsatz mit Gottes Hilfe absolut lohnt“. Sie erzählt von einem ehemaligen Kindergartenkind, das eigentlich bei den Eignungstests durchgefallen war. „Jamile wollte zuerst einfach kein Wort mit uns sprechen. Daraufhin bin ich ihr bis ans Kindergartentor nachgelaufen und fragte sie etwas. Da taute sie auf und redete mit mir. Wir nahmen sie für das kommende Jahr auf und sie ging ihren Weg.“ Vor einigen Monaten, nach ihrem Abitur, stand sie nun nach vielen Jahren freudestrahlend wieder an eben diesem Tor. „Sie erzählte mir, dass sie nun in Deutschland Psychologie studieren werde, um danach zurückzukommen und den Frauen hier im Land bei ihren Problemen zu helfen.“

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