Überwundene Feindseligkeit

Osteuropäische Priesteramtskandidaten zu Gast bei der Kommende Dortmund. Von Anja Kordik

Branko Horvat studiert seit zwei Jahren an der Päpstlichen Universität Gregoriana und lebt im Collegium Germanicum in Rom. Der junge Kroate stammt aus der Diözese Varaždin im Norden seines Heimatlandes. Zurzeit ist er einer von 23 Teilnehmern der Sozialakademie der Kommende Dortmund, Sozialinstitut im Erzbistum Paderborn.

In diesem Jahr findet dieses Programm für junge Priesteramtskandidaten aus verschiedenen Ländern Osteuropas unter dem Titel „Europa eine Seele geben“ zum sechsten Mal statt. Künftige Priester aus Polen, Rumänien, Bosnien-Herzgowina, Kroatien, Lettland und der Ukraine befassen sich intensiv mit der katholischen Soziallehre, gewinnen zusätzlich praktische Einblicke durch Besuche in Betrieben, Gemeinden, kirchlichen Jugendeinrichtungen. Alle Seminaristen eint die Erfahrung mühevoller Transformationsprozesse in ihren Heimatländern nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“. Auch Branko Horvat hat erfahren, wie schwierig dieser Prozess ist, wie kompliziert sich der Weg Kroatiens in die Europäische Union gestaltet. Im Januar 2012 sprach sich das kroatische Volk in einem Referendum schließlich mit knapper Mehrheit für einen EU-Beitritt aus, so dass Kroatien hofft, am 1. Juli 2013 als 28. Mitgliedsstaat Teil der Europäischen Union werden zu können.

Allerdings, so Branko Horvat, seien die Befürchtungen in der kroatischen Bevölkerung im Hinblick auf eine EU-Mitgliedschaft damit noch nicht beseitigt. Der junge Kroate ist überzeugt, dass der Druck, der von Seiten der EU in den vergangenen Jahren ausgeübt worden sei im Hinblick auf wirtschaftliche, administrative und politische Reformen als Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft, eine eher skeptische Haltung erzeugt hat. „Immer wieder gab es neue Forderungen und zunehmend Unverständnis in unserer Bevölkerung: Warum zum Beispiel muss Kroatien die Streitfrage mit dem Nachbarn Slowenien über den Grenzverlauf zwischen beiden Ländern in der Bucht von Piran unbedingt regeln, wenn im Falle eines EU-Beitritts die Grenzen ohnehin offen sind, Grenzen also keine Rolle mehr spielen?“ Auch die wirtschaftlichen Vorteile einer EU-Mitgliedschaft werden inzwischen eher skeptisch gesehen: „Es gibt Befürchtungen, dass durch die Konkurrenz aus Westeuropa zum Beispiel die in vielen ländlichen Regionen traditionell das Überleben sichernde Heimarbeit, etwa im Textilbereich, verdrängt werden könnte.“

Insgesamt aber, so der kroatische Seminarist, sei die Bereitschaft in seiner Heimat, sich auf den noch immer unklaren Weg nach Europa einzulassen, nach wie vor vorhanden. Teilweise habe der Reformdruck auch schon positive Effekte gehabt, etwa bei der Korruptionsbekämpfung und bei der Reform des Justizwesens.

Die katholische Kirche Kroatiens spiele in der Gesellschaft nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie habe auch große Bedeutung für die weitere Bewältigung des Balkankrieges und die Versöhnung mit dem Nachbarn Serbien: „Der neue Patriarch der Serbisch-Orthodoxen Kirche, Irinej, war erst kürzlich zu Besuch in Zagreb und hat sich dort mit unserem Erzbischof, Josip Kardinal Bozaniæe, getroffen. Dies zeigt, dass sich die ökumenische Zusammenarbeit beider Kirchen positiv entwickelt und Wirkung hat für den weiteren Prozess der Aussöhnung zwischen beiden Völkern. Und dieser Prozess kann am besten gelingen, wenn es möglichst wenig Einflüsse von außen gibt.“

Ein Vertreter einer ganz anderen Weltregion ist in diesem Jahr Gast bei der Sozialakademie der Kommende: Auf Einladung von Direktor, Prälat Peter Klasvogt, ist aus Ruanda Father Emmanuel Rubagumya, Caritasdirektor der Diözese Kibungo, als Referent zugegen. Er vermittelt den jungen Seminaristen eine Vorstellung vom ebenfalls schwierigen Transformationsprozess seines Landes nach dem Genozid von 1994. Die Regierung, aber auch die Gesellschaft Ruandas insgesamt, so der afrikanische Priester, „haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um die Situation zu stabilisieren und Kräfte zu bündeln“.

Der wesentlichste Fortschritt, so Father Emmanuel, sei die Überwindung der Trennung zwischen den sozialen Gruppen der Hutu und der Tutsi. „Heute gibt es keine Feindseligkeit mehr zwischen beiden Gruppen, und diese Entwicklung hat dazu geführt, dass sich Ruanda in den vergangenen 15 Jahren in einer Weise entfaltet hat wie in keiner Phase in den Jahrzehnten zuvor.“ Natürlich sei dieser Prozess der Versöhnung und gesellschaftlichen Integration noch nicht an sein Ende gelangt, brauche weiterhin die Unterstützung sowohl der Regierung, als auch der Bevölkerung.

Als wichtige Orte zur Integration bezeichnet der Priester die Schulen: „Es gibt eine inzwischen gut entwickelte Infrastruktur bei den Grundschulen, und entsprechend hat sich der allgemeine Bildungsstand verbessert. Auch das ist ein wesentliches Merkmal gesellschaftlichen Fortschritts.“ Wichtig sei auch: „An den Schulen gibt es keine soziale Trennung. Kinder aus Hutu- und Tutsi-Familien lernen gemeinsam.“ Auch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz spiele die Zugehörigkeit zu einer Gruppe heute keine Rolle mehr. Und dieser Prozess gesellschaftlicher Integration reiche inzwischen bis in die Familien hinein.

Die katholische Kirche Ruandas hat laut Father Emmanuel einen wichtigen Part im Prozess der sozialen Entwicklung des Landes. Zwar hätten sich die Lebensverhältnisse in Ruanda insgesamt verbessert. Noch immer aber gebe es Armut in großen Teilen der Bevölkerung, Krankheiten wie Aids seien ein schweres Problem. Und so engagiert sich die Caritas in Father Emmanuels Diözese gerade beim Bau von Gesundheitszentren, um zum Beispiel die Betreuung von Schwangeren und jungen Müttern mit Kleinkindern zu sichern sowie die Versorgung von Aids-Kranken mit Medikamenten. Den jungen Seminaristen aus Osteuropa versucht der Gast aus Afrika zu vermitteln: Die Entwicklung eines Landes – nach einer Zäsur, einer schweren Krise – braucht Ausdauer, einen langen Atem. Sie kann aber gelingen, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenarbeiten.

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