Tulpen, Lichter und ein „Mirakel“

In Amsterdam muss man den Katholizismus heute suchen – das war nicht immer so. Von Esther von Krosigk
Frei
Foto: VidiPhoto für TPN | Tulpen und Lebensfreude kann man in Amsterdam im Frühling leicht entdecken.

Es ist Frühling in Amsterdam, was nicht nur an den sprießenden Tulpen und Narzissen im Cafégarten der Oude Kerk abzulesen ist. Nein, gleich ums Eck beginnen auch die Geschäfte der leicht bekleideten Damen wieder zu blühen. Lasziv sitzen sie in den ebenerdigen und von roten Neonröhren umrandeten Schaufenstern und harren der Kundschaft. Diese schiebt sich als gaffende Masse durch das Rotlichtviertel der niederländischen Hauptstadt – was andernorts diskret gehandhabt wird gehört hier längst zum Touristen-Entertainment. De Wallen heißt der Distrikt, der direkt an den Hauptbahnhof anschließt und als einer der ersten Orte weltweit die Prostitution zuließ. Doch inmitten der roten Laternen brannte und leuchtet auch weiterhin ein ganz anderes Licht. Denn im Herzen des ältesten Teils der Stadt hat der Katholizismus seine Heimat. Die Oude Kerk allerdings, im frühen 13. Jahrhundert errichtet und geweiht vom Bischof von Utrecht, ist seit 1578 fest in protestantischer Hand. Rembrandt war übrigens häufig einer ihrer Besucher, seine Kinder wurden hier getauft. Heutzutage fungiert die Kirche auch als Veranstaltungsort.

Doch zurück zu den Anfängen: die frühe Siedlung an der Amstel lebte hauptsächlich vom Bierbrauen und Fischfang, erwarb sich dann aber 1345 durch das „Mirakel von Amsterdam“, auch Hostienwunder genannt, einen Ruf als bedeutende Pilgerstadt. Der Legende nach verlangte ein Sterbenskranker nach einem Priester. Nach Beichte und Kommunion musste sich der Kranke jedoch plötzlich übergeben – seine Pflegerin fegte sodann das Erbrochene zusammen und warf es ins lodernde Feuer. Am nächsten Tag sah die Frau nun die Hostie unversehrt über den Flammen schweben und konnte diese sogar mit der Hand berühren ohne sich zu verbrennen. Nachdem sie die Hostie in ein reines Leinentuch gehüllt hatte, berichtete sie dem Priester, was sich ereignet hatte. Dieser nahm das Allerheiligste mit in die Pfarrkirche, doch am nächsten Morgen fand sich die Hostie plötzlich wieder in der Truhe der Frau.

Dies wiederholte sich solange, bis der Priester zu erkennen meinte, dass Gott das Hostienwunder nicht im Verborgenen lassen wollte. Sodann wurde die Hostie in einer feierlichen Prozession unter Beteiligung von Klerus und Volk zur Kirche gebracht. Das Amsterdamer Mirakel zog in den folgenden Jahrzehnten weitere Heilungen und Wunder nach sich – was sogar dazu führte, dass die wichtigste Zufahrtsstraße zur Stadt als „Heiliger Weg“ bezeichnet wurde. Und auch heute wird jährlich um den 16. März herum, dem Tag des Wunders, mit einem Stille Omgang, einem Schweigegang, dieses besonderen Ereignisses gedacht. Tausende Menschen aus ganz Holland nehmen betend daran teil. Mit den Strömen an Gläubigen im 14. und 15. Jahrhundert wuchs nicht nur rasant die Bevölkerung, sondern Amsterdam entwickelte sich zu einer der wichtigsten Handelsmetropolen des gesamten Kontinents. Diese Entwicklung mündete in das „Goldene Zeitalter“, ein wirtschaftlich prosperierendes Jahrhundert ab den 1580er Jahren, das die kleine Niederlande als weltumspannende Handels- und Kolonialmacht bis nach Nordamerika, Afrika und Japan expandieren ließ.

Bezeichnenderweise wurde fast zeitgleich die Quelle, die diesen Wohlstand mit in Fluss gebracht hatte, trockengelegt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts nahm der Widerstand gegen den Katholizismus zu. Zwar konnten im freien und fortschrittlichen Amsterdam ungehindert Geschäfte betrieben werden. Doch die religiösen Auseinandersetzungen waren, wie vielerorts in Europa, bestimmend. Das unabhängige und stolze Bürgertum von Amsterdam wandte sich eindeutig der Lehre Luthers zu, statt sich den Ansprüchen der katholischen Habsburger zu unterwerfen. Im Mai 1578 vollzog Amsterdam den Übertritt zum Protestantismus, die spanisch-katholisch gesinnte Stadtregierung wurde durch eine calvinistische abgelöst. Als Folge beschlagnahmte die neue Stadtregierung alle religiösen Gebäude: Die Klöster wurden geschlossen und die Kirchen von nun an für den protestantischen Gottesdienst genutzt. Allerdings wurde den einzelnen Konfessionen zugestanden ihren Glauben auszuüben – nur nicht öffentlich. So entstanden nach und nach über dreißig, teils aufwendig ausgeschmückte Hauskirchen in der ganzen Stadt. Eine davon ist die „Ons' Lieve Heer op Solder“ („Unser lieber Herr auf dem Dachboden“), eine auf drei Stockwerken angelegte Kirche in einem Grachtenhaus, welches sich ebenfalls im Rotlichtbezirk befindet. Errichtet wurde sie von Jan Hartmann, der ein katholischer Kaufmann deutscher Herkunft war, und die Speicherkirche erst Mitte des 17. Jahrhunderts in sein winkeliges Patrizierhaus einbauen ließ. Zu jener Zeit war Amsterdam seit achtzig Jahren protestantisch, doch wohlhabende Unternehmer wie Hartmann genossen Einfluss.

Um eine Art Kirchenschiff mit Galerien zu schaffen, wurden Böden entfernt und schwere Dachbalken durchgesägt. Ein Teil des Speichers blieb jedoch als Lagerplatz für Hartmanns Tuchwaren bestehen. Die Gottesdienstbesucher gelangten von der Gasse direkt über zwei enge Treppenhäuser in die Kirche – wem das Gewissen drückte, konnte im Stockwerk unter der Kapelle noch in den dortigen Beichtstuhl schlüpfen. Mit dem Jahre 1798 wurden die Vorschriften gelockert, jeder durfte seinen Glauben nun öffentlich bekennen. Doch erst nach Vollendung der St. Nikolauskirche fast ein Jahrhundert später verloren die Hauskirchen an Bedeutung. Das Haus mit „Ons' Lieve Heer op Solder“ wurde zu einem Museum.

Mitte des 20. Jahrhundert kam es innerhalb kürzester Zeit zu zwei überraschenden Entwicklungen: Nach dem Krieg war der katholische Glaube in den Niederlanden ein sehr lebendiger und zudem expansiv. Dreiviertel der rund 4,5 Millionen Katholiken in Holland waren praktizierende Gläubige und befanden sich mit ihrer Treue zur Kirche an Europas Spitze. In den 1960er Jahren hatte sie zahlenmäßig soweit aufgeholt, dass über vierzig Prozent Katholiken 37 Prozent Reformierten gegenüberstanden. Und das im klassischen Land der Reformation.

Dann, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, führte alles innerhalb weniger Jahrzehnte in eine völlig andere Richtung: Die Zahl der praktizieren Gläubigen reduzierte sich so stark, dass der Großteil der Kirchen inzwischen vor dem Aus steht. Die Gründe für diese Entkirchlichung sind vielfältig und reichen von einer wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber der Religion bis hin zu den Nachwirkungen der Missbrauchsskandale.

Jetzt im Frühling blühen die Tulpen nicht nur vor der Oude Kerk, sondern auch auf dem Petersplatz in Rom. Seit 32 Jahren sorgen holländische Blumenhändler dort für den floralen Osterschmuck. Was dies betrifft, sind sie Rom treu geblieben.

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