Traumberuf: Gesundheitshelferin

Zu Fuß unterwegs in Äthiopien auf der Suche nach Tuberkulose-Infizierten. Von Sabine Ludwig
Foto: Enric Boixadós | Die kleine Worki Nura leidet an Tuberkulose. Jeden Morgen läuft sie eine Stunde, um ihre Tabletten zu bekommen. Die muss sie unter Aufsicht einnehmen.
Foto: Enric Boixadós | Die kleine Worki Nura leidet an Tuberkulose. Jeden Morgen läuft sie eine Stunde, um ihre Tabletten zu bekommen. Die muss sie unter Aufsicht einnehmen.

Meseret Deresse hat ihren Traumberuf gefunden. Sie ist Gesundheitshelferin in dem kleinen Ort Ifa Lode. Hier ist sie geboren und aufgewachsen. Für ihr Dorf, für ihre Nachbarn wollte sie sich einsetzen. Mit dem Beruf, den sie dafür ausgewählt hatte, konnte sie sich ihren Wunsch erfüllen. Schon zu Beginn ihrer Ausbildung im weit entfernten Trainingszentrum stand für die junge Frau fest, dass sie zurückkommen wird nach Ifa Lode im Zentrum von Äthiopien. Das Versprechen der staatlichen Gesundheitsbehörde, bei bestandener Prüfung zuhause arbeiten zu dürfen, erfüllte Meseret mit Ehrgeiz und Fleiß.

Ifa Lode liegt im Bezirk Arsi im Hochland von Äthiopien. Die auf 4 000 Meter Höhe gelegene Bezirkshauptstadt Asela ist bekannt für ihre Langstreckenläufer, wie die Olympiasieger Derartu Tulu und Haile Gebresilassie. Frühmorgens, wenn es noch kühl ist, trainieren junge Leute auf roten Staubpisten, um ihren Idolen nachzueifern und vielleicht auch einmal zu Ruhm, Ehre und Preisgeld zu kommen. Zu dieser Zeit macht sich auch die kleine Worki Nura auf den Weg. Nur, dass es bei ihr nicht ums Laufen geht, sondern um ihre Gesundheit. Das kleine Mädchen hat Tuberkulose (TB). Seit Wochen kommt es täglich um sechs Uhr an der Hand des Vaters oder der Mutter in den Gesundheitsposten zu Meseret.

Jetzt sitzt die angeblich Zehnjährige auf dem Schoß ihres Vaters Kedir. Genau kennt er das Geburtsdatum seiner Tochter nicht, doch Worki ist wohl noch viel jünger. Denn Geburtsdaten sind nebensächlich in einer Gegend, in der das Einkommen der Menschen oftmals nur für den nächsten Tag reicht. Als Worki die Gesundheitshelferin entdeckt, gibt es kein Halten mehr. Sie stürmt auf sie zu. Die Kleine weiß, dass die Frau ihr helfen wird, wieder ganz gesund zu werden. Bald darf sie auch ihren Mundschutz, ein weißes Tuch, ablegen. Denn nach ein paar Wochen ist ihr Husten nicht mehr ansteckend. Sie nimmt die zwei Tabletten und steckt sie in den Mund. Meseret gibt ihr einen Plastikbecher mit Wasser. Worki zögert ein wenig. Dann, zwei, drei große Schlucke, und die dicken, braunen Pillen sind hinuntergespült. Worki verzieht das Gesicht. Früher ist ihr das Schlucken viel schwerer gefallen. Jetzt nur noch ganz selten. Sicher liegt das auch am geduldigen Zuspruch von Meseret.

Nach der einjährigen medizinischen Ausbildung kam die 25-Jährige nach Ifa Lode zurück. Als eine von über 900 Gesundheitshelferinnen an rund 500 ländlichen Gesundheitsposten im Bezirk Arsi wurde sie von der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe für die Arbeit mit TB-Patienten geschult. Sie alle werden im Rahmen des TB-Programmes ausgebildet und betreut. Zu ihren Aufgaben gehört das Active Case Finding, die Suche nach TB-Infizierten in den umliegenden Dörfern.

Seit 1958 ist die DAHW im Land vertreten. „Mit Äthiopien fing das Engagement auf dem afrikanischen Kontinent an“, sagt Repräsentant Ahmed Mohammed. Die DAHW finanziert Aufklärungsprogramme, die Schulung von Gesundheitspersonal und ihre regelmäßige Vernetzung, die Bereitstellung von Mikroskopen und Laborausstattung zur raschen Erkennung und Diagnose sowie Autos, um Patienten in abgelegenen Regionen zu erreichen. „Vor drei Jahren gab es hier über 5 000 neue TB-Fälle. Dass sie erkannt und behandelt werden, ist zum großen Teil den Mitarbeiterinnen zu verdanken.“

An drei Tagen in der Woche ist Meseret unterwegs. Montags, Donnerstags und Freitags. Woche für Woche. Immer zu Fuß. Die langen Wanderungen durch das karge Hochland machen ihr nichts aus. In den Dörfern arbeitet sie mit den Clan-Ältesten zusammen. Die wissen immer, wer hustet oder krank ist. Auch gibt es in den kleinen Orten spezielle Teams als Anlaufstelle für Kranke und Schwache. Sie werden von den Gesundheitshelferinnen geschult und von der DAHW unterstützt. Damit Diagnose und Behandlung von TB problemlos aufeinander abgestimmt werden können. Dabei sind und bleiben Expertinnen wie Meseret erste Ansprechpartner für die Teams. Sobald Zweifel über den Zustand eines Dorfmitglieds auftauchen, wird die junge Frau kontaktiert. Dann beginnt ihre Arbeit. Sie sucht die Patienten auf und schreibt die Ergebnisse ihrer Befragung nieder. Sie rät ihnen, dringend den nächsten Gesundheitsposten aufzusuchen. Bei alten und zu schwachen Patienten sammelt sie selbst die Speichelproben ein, um sie zur Untersuchung zu bringen. Wie immer zu Fuß. Denn das Labor liegt auch wieder kilometerweit entfernt. Nach einem festen Plan wird das Mikroskop jeweils für ein paar Tage gemeinsam mit einem Laborarbeiter an die Gesundheitsposten ausgeliehen.

Die Familie der kleinen Worki kannte sie bereits länger. Workis Schwester litt schon an TB, und Meseret kümmerte sich um die Genesung des Kindes. Die Familie ist arm. Zu arm, um sich an den Kosten für die Behandlung beteiligen zu können. Doch die Unterstützung durch die DAHW ist kostenlos. Genau wie die Tabletten, die vom staatlichen Gesundheitsdienst ausgegeben werden. Zuerst hatte Worki Angst, die Pillen einzunehmen. Sie kann sich noch allzu gut an die Weigerung ihrer Schwester erinnern. Die konnte sie kaum schlucken. Worki wollte es besser machen. Meseret zuliebe. Auf einmal war das Schlucken ganz einfach. Die Kleine greift nach der Hand der Gesundheitshelferin. Sie weiß, was sie ihr zu verdanken hat. Nur noch ein paar Monate sind zu überstehen. Dann ist sie gesund. Das hat ihr Meseret versprochen. Und der glaubt sie.

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