Goslar

Todesehrlich

Stefan Lange hat einen Suizidversuch überlebt. Jetzt klärt er auf und plädiert für mehr Offenheit.

Stefan Lange
Es sollten mehr Betroffene über Suizid reden, meint Stefan Lange. Nach einer Zeit in der Schweiz lebt er mittlerweile in der Nähe von Goslar. Foto: privat

Ecke, Linie, Ecke … Ecke, Linie, Ecke“ – Minutenlang, stundenlang? „Puh, dass der Himmel rechteckig ist, hätte ich jetzt nicht erwartet.“ Aber es ist auch nicht der Himmel, sondern die Zimmerdecke. Eigentlich wollte Stefan Lange tot sein. Und eigentlich glaubt er auch nicht an einen Himmel. Wie er in die Gefängniszelle gekommen ist, weiß der 29-Jährige nicht. Rund 80 Tabletten hätten reichen müssen. Die Erkenntnis, dass es nicht geklappt hat, ist fast noch schlimmer als der Schmerz davor. Die Zeit danach auch.

Stefan Lange spricht über alles, ausführlich, ungeschönt, worüber zu viele heute schweigen und worüber zu schweigen immer wieder auch empfohlen wird: über Suizid. Vor gut 25 Jahren hatte er sich nach dem Ende einer kurzen, aber sehr intensiven Beziehung das Leben nehmen wollen. Heute setzt sich der mittlerweile 55-Jährige für mehr Aufklärung über Suizidalität ein. Vor allem durch Betroffene. Insgesamt würden „zu viele Experten und zu wenige Betroffene“ über Suizid sprechen, meint Lange. In Vorträgen, auf Konferenzen, in Videos, in seinem biografischen Roman „SUICIDE“ und auf seiner Webseite (www.stefan-lange.ch) spricht der studierte BWLer in konsequenter Offenheit über seine Erfahrungen und fordert mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Thematik. „Ich kämpfe als erstes dafür, dass sich die Medien dem Thema zuwenden.“

In Deutschland sterben jährlich etwa 10 000 Menschen durch Suizid

Die weitverbreitete Tabuisierung von Suizid aus Angst vor Nachahmer- oder Triggerprozessen hält er für falsch. Die Statistiken geben ihm recht: Selbstmordgedanken und -versuche sind kein gesellschaftliches Randphänomen. Allein in Deutschland sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich etwa 10 000 Menschen durch Suizid. Die Zahl der Versuche liegt schätzungsweise 15- bis 20-mal so hoch. In der medialen Berichterstattung wird das Thema aus der an sich berechtigten Angst vor dem sogenannten Werther-Effekt oft vermieden. Der gegenläufige Papageno-Effekt wird dabei jedoch meist vergessen: Wer über den konstruktiven Umgang mit einer Krise berichtet, kann anderen bei der Bewältigung ähnlicher Problematiken helfen.

Das zeigen auch die Rückmeldungen, die Stefan Lange etwa auf seine YouTube-Reihe „Komm lieber Tod“ erhält. In über 60 Folgen erzählt er darin die Geschichte seines Suizidversuchs, die letztendlich die Geschichte seines Lebens ist. Es beginnt mit einem „kalten, sehr brutalen Elternhaus“. „Liebe und Fürsorge gab es nicht“, erzählt Lange. Ein strenger, sehr dominanter Vater, eine emotional abwesende Mutter, ein älterer Bruder, der immer der Bevorzugte war: Stefan Lange hätte guten Grund, mit seinem Schicksal zu hadern, sich als Opfer grausamer Umstände zu sehen. Das tut er aber nicht. Wenn er jetzt, entspannt, fast trocken, aus seinem Leben erzählt, dann tut er das ohne spürbaren Hass, aber auch ohne Beschönigung. „Ich habe mich über den Tod meines Vaters gefreut“, sagt er ganz offen. Damals war er sechs Jahre alt.


Das Ablegen der Opferrolle sei ein ganz wesentlicher Schritt aus der Krise gewesen. „Man muss emotionale Positionen aufgeben“, so Lange, was definitiv nicht leicht sei. Aber erst wenn man selbst Verantwortung für sich übernimmt und sie nicht der eigenen Vergangenheit oder anderen Menschen zuschiebt, kann man aus der Ohnmacht der inneren Verletzungen herausfinden. „Ich habe bei mir angefangen. Das war der wichtigste Ausweg aus der Krise.“

Nicht mehr ohnmächtig sein: das war paradoxerweise auch das zentrale Gefühl in der Entscheidung für den Suizid. Der Trennungsschmerz, der letztendlich noch viel tiefer Liegendes aufgebrochen hatte, war für Lange überwältigend geworden. „Ich bin ertrunken. Ohnmächtig und absolut machtlos“, erinnert er sich. Ein Strudel immer unerträglich werdender Gefühle. „Ich dachte, es wird nie besser werden. Ich hielt mich für unheilbar, war auch körperlich total erschöpft.“ Der Gedanke an Suizid war in gewisser Weise befreiend. „Nach dem Entschluss hatte ich wieder ein Gefühl von Stärke und Handlungsfähigkeit“, erinnert er sich. Der junge Mann fühlte endlich Frieden, eine innere Ruhe, eine tiefe Gleichgültigkeit. „Ich war emotional völlig losgelöst“, Bedauern gab es nicht.

„Suizidalität ist ein langer Weg (...) Wenn jemand sich
entschlossen hat, ist es meist schon zu spät“

Lange erzählt schlicht, aber in allen Details von seinem Suizidversuch. Wer heute wissen will, wie man sich umbringen kann, der müsse nur googeln, meint er. In seinen genauen Beschreibungen sieht er daher keine Gefahr. Seine radikale Offenheit mag schockieren. Sie ist im Letzten jedoch eine heilsame Hilfe. Nicht nur für Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken tragen und in Langes Geschichte ein hoffnungsvolles Beispiel der überwundenen Krise finden können, sondern für letztlich jeden von uns. Denn Lange will mit seiner Aufklärung nicht nur direkt Betroffene, sondern vor allem das soziale Umfeld gefährdeter Menschen erreichen. „Suizidalität ist ein langer Weg“, meint Lange. „Wenn jemand sich entschlossen hat, ist es meist schon zu spät.“ Häufig merkt das Umfeld auch, dass etwas nicht stimmt, aber es „fehlen die richtigen Worte“ oder man hat nicht den Mut, die Person offen auf die eigene Vermutung hin anzusprechen. Gerade das aber kann Leben retten.

Bei Lange war es eine Freundin, die den Wendepunkt in seiner auch nach dem Suizidversuch anhaltenden Krise markiert hat. Anja hat sich Zeit genommen, zugehört, war einfach verlässlich da. Für diese erste Hilfe braucht es keine professionelle Ausbildung, sondern vor allem einen gesunden Menschenverstand, erklären die beiden. Über Anja hat Stefan Lange dann auch zu einem Therapeuten gefunden. Wenn er jetzt schonungslos über seinen Weg zum Tod berichtet, dann nur, um auch von seinem Weg zurück ins Leben zu erzählen. In ein lebenswertes Leben, wie er findet.

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