Theodor Herzl, Vater des politischen Zionismus

Vor 150 Jahren geboren – Ausstellung beim Ökumenischen Kirchentag in München

Würzburg (DT) „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, so untertitelte Herzl seinen 1902 verfassten utopischen Roman „Altneuland“, in dem er die Idee einer künftigen Heimstatt für Juden darstellte. In Altneuland beschrieb er seine Vorstellung, wie ein jüdischer Staat einst aussehen könnte. Seine Vorstellungen reichten von der Stadtplanung über die Elektrifizierung des Landes bis hin zur großflächigen Landwirtschaft. Eine im Jahre 2008 anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung des Staates Israel unter Mitwirkung von Studenten der Universität Potsdam konzipierte Foto/Text-Ausstellung, die aktuelle Bilder des Landes den Zitaten von Herzl gegenüberstellt, wandert seitdem durch Israel und Deutschland. Die zuletzt in der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und der University of Haifa gezeigte Ausstellung „Herzls Utopie – Israels Gegenwart“ wird während des 2. Ökumenischen Kirchentages vom 12. bis 16. Mai in München zu sehen sein. Eine von Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps herausgegebene Broschüre zur Ausstellung beinhaltet die ausgestellten Bild/Text-Motive und dokumentiert darüber hinaus in zwei Aufsätzen die Entwicklungsgeschichte von Herzls „Altneuland“. Der Vater des politischen Zionismus hat am 2. Mai 150. Geburtstag.

In jungen Jahren Übertritt zum Christentum überlegt

Bereits 1896 hatte Herzl in seinem politischen Hauptwerk „Der Judenstaat“ einen eigenen Staat für die Juden gefordert und so die zionistische Bewegung begründet. Auslösendes Moment war die Affäre um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Sie lenkte Herzls Augenmerk auf die in Europa immer lauter artikulierte „Judenfrage“. Herzl war seit 1891 in Paris als Korrespondent für die Wiener Neue Freie Presse tätig und somit Augenzeuge und Berichterstatter jener folgenschweren Ereignisse, die einen Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Europa darstellten. „Spätere Juden werden lichtere Tage sehen, die jetzigen sind einfach übel dran.“ Mit diesen Worten schilderte Theodor Herzl die Situation der französischen Juden in seinem bereits 1895 erschienenen Buch „Das Palais Bourbon“. Die unvorstellbaren antisemitischen Ausbrüche, die im Umfeld des Prozesses und der öffentlichen Degradierung Dreyfus' in den Wintermonaten 1894/95 zu beobachten waren, hatten auf den jungen Wiener Journalisten wie ein Schock gewirkt. „Zum Zionisten hat mich der Prozess Dreyfus gemacht“, schrieb Herzl 1899 in einem Artikel, den er in der „North American Review“ unter dem Titel „Zionismus“ veröffentlichte. „Ich sehe den Angeklagten noch in seiner dunklen, verschnürten Artilleristenuniform in den Saal kommen ...“, erinnerte sich Herzl weiter. „Und auch der Wutschrei der Menge auf der Straße gellt mir noch unvergesslich in den Ohren: A mort! A mort les juifs! Tod allen Juden ...“ Diese Ereignisse hätten ihn endgültig davon überzeugt, die Lösung der „Judenfrage“ nicht im Prozess der Integration und Assimilation, sondern in der Rückkehr zur eigenen Nation und in der Sesshaftmachung auf eigenem Grund und Boden zu suchen. Herzl beschrieb seine Hinwendung zur Idee eines eigenen Judenstaates als einen zwölf Jahre dauernden Prozess, der in der Dreyfus-Affäre seinen Abschluss fand. Der zunehmende Antisemitismus in den Ländern Europas war für ihn ursächlich für seine Rückkehr zum Judentum. Dabei spielten für Herzl zwei weitere Ereignisse eine wesentliche Rolle: zum einen die Lektüre von Eugen Dührings Schrift „Die Judenfrage“ – Dühring war einer der Begründer des rassistischen Antisemitismus in Deutschland –, zum anderen die antisemitischen Vorfälle, die 1883 zu seinem Austritt aus der Burschenschaft Albia geführt hatten.

Theodor Herzl war am 2. Mai 1860 in Budapest in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren worden. Sein Vater Jacob war im Speditions- und Kommissionsgeschäft tätig, später dann Direktor der Hungaria-Bank. Für Theodors Erziehung war seine Mutter Jeanette zuständig, die, wie unter assimilierten Juden in Österreich-Ungarn allgemein üblich, ihn und seine Schwester Pauline in das deutsche Kulturgut einführte. In religiösen Dingen war man in diesen Kreisen liberal eingestellt. Herzl besuchte die Israelitische Normalhauptschule, dann die Städtische Oberrealschule. Anschließend studierte er in Wien Jura und promovierte, wandte sich jedoch schon bald der Schriftstellerei zu und schrieb Feuilletons für Wiener und Berliner Zeitungen. 1889 heiratete Theodor Herzl Julie Naschauer, mit der er drei Kinder hatte: Pauline, Hans und Margarete. Während er noch 1892 mit dem Gedanken spielte, zum Christentum überzutreten – schon um seinem Sohn die Kränkungen und Zurücksetzungen zu ersparen, die er selbst erleiden musste –, begann in seiner Zeit als Korrespondent in Paris das Judentum in Herzl zu erwachen. Innerhalb von 17 Tagen schrieb er in einem fast rauschhaften Zustand ein Theaterstück, „Das Ghetto“, in dessen Mittelpunkt er die Judenfrage stellte. Die gewonnene Überzeugung, zur Rettung der europäischen Juden und ihrer Heimführung in einen eigenen Staat berufen zu sein, kommentierte er in seinem Tagebuch beispielsweise am 16. Juni 1895 mit den Worten: „Ich glaube, für mich hat das Leben aufgehört und die Weltgeschichte begonnen.“

Die Idee eines jüdischen Nationalstaates begann konkrete Formen anzunehmen. Es folgte die Publikation „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“. Herzl schrieb: „Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale noch eine religiöse, ... Sie ist eine nationale Frage. Wir sind ein Volk, ein Volk.“ 1897 fand in Basel der erste Zionistenkongress statt, fünf weitere sollten noch zu seinen Lebzeiten folgen. Anfangs hatte Theodor Herzl noch nicht unbedingt an einen jüdischen Staat in Palästina gedacht, so stand Ostafrika zeitweise im Mittelpunkt seiner Planungen. Letztendlich kam Herzl als Konsequenz aus dem Scheitern dieser Pläne wie auch unter dem Eindruck der Nachrichten über die Pogrome in Russland jedoch zu der Überzeugung, dass die Zukunft des jüdischen Volkes nur in Palästina liegen konnte – in dem Land, das Gott einst dem Volke Israel geschenkt hatte.

Der Visionär und Wegbereiter des modernen jüdischen Staates starb am 3. Juli 1904 in Edlach am Semmering an einem Herzleiden. Ein jahrelanger rastloser Kampf um die Zukunft des jüdischen Volkes hatte seine Gesundheit ruiniert. Kurz zuvor schrieb er noch seinen Mitstreitern ins Stammbuch: „Machet keine Dummheiten, während ich todt bin.“

Am 7. Juli wurde Herzl auf dem Döblinger Friedhof in Wien zu Grabe getragen, mehr als sechstausend Menschen folgten seinem Sarg. Der Schriftsteller Hermann Bahr, wegen dessen antisemitischer Rede Theodor Herzl die Studentenverbindung Albia verlassen hatte, war Augenzuge der Trauerfeierlichkeiten: „Ich lernte, was eigentlich Herzl meinte, doch erst verstehen bei seinem Leichenbegängnis. ... Diese leise, meinen Ohren Unverständliches murmelnde dunkle Masse wälzte sich durch die Wienerstadt nach dem Lande der Verheißung. Das ist die Tat Herzls; er gab seinem Volk wieder das Gefühl einer Heimat.“

Das Revolutionäre war, dass sich Juden wieder als Volk verstanden

Dies war auch das eigentlich Revolutionäre an Herzls Idee eines jüdischen Nationalstaates. Die Vorstellung Angehöriger, nicht in erster Linie einer Religion, sondern eines Volkes zu sein mit dem Recht auf eine Heimat, einen eigenen Staat, führte bei vielen Juden zu einer Stärkung ihres jüdischen Bewusstseins. So mancher assimilierte Jude wurde sich seiner „Jüdischkeit“ gar erst bewusst. Nicht wenige schlossen sich den Einwanderungsbewegungen vornehmlich aus Osteuropa stammender Juden an und beteiligten sich am Aufbau landwirtschaftlicher Siedlungen in Palästina. Herzls Bedeutung lag darin, dass es ihm gelang, die verschiedenen Zionistischen Gruppierungen unter einem Dach zu einen und der Bewegung ein Programm zu geben. Mit Kongress, Zionistischer Organisation und jüdischer Kolonialbank verlieh er der Bewegung Strukturen, die sich als so stabil und dauerhaft erwiesen, dass sie von der britischen Regierung für fähig erachtet wurden, als Grundlage für die Errichtung eines jüdischen Staates zu dienen. Von Herzls Verhandlungen mit den Briten führte ein direkter Weg zur Balfour-Deklaration des Jahres 1917, zum britischen Palästina-Mandat, dem UN-Teilungsplan und der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948.

In seinem Testament hatte Theodor Herzl verfügt, dass seine Gebeine einst nach Palästina gebracht werden sollten. So war es eine der ersten Handlungen des jungen Staates Israel, die sterblichen Überreste Herzls nach Jerusalem zu überführen und auf dem nach ihm benannten Berg in der Jerusalemer Neustadt beizusetzen. Dort ruht der Vater Israels unter einem schwarzen Marmorblock, umgeben von weiteren bedeutenden Zionisten und politischen Führern des Landes. Seine Prophezeiung, dass der Judenstaat in weniger als fünfzig Jahren existieren werde, hatte sich bewahrheitet. Herzls Traum, der Traum des jüdischen Volkes war in Erfüllung gegangen.

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