Thailand und Kambodscha streiten um einen Tempel

Preah-Vihear-Tempel ist ein Schlüsselbauwerk des Khmer-Königreiches – Mehrere tausend Soldaten stehen sich gegenüber

Die vergangenen Jahrhunderte sind reich an Beispielen, dass territoriale Ansprüche zu schwelenden Reibereien zwischen Nationen bis hin zu jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen geführt haben. Dabei ging es meist um umstrittene Grenzbereiche, Ländereien von großen Ausmaßen, aber auch um Provinzen, Fürstentümer und so weiter. Neu ist jedoch, dass die Aufregung um ein Gebiet von 4,6 Quadratkilometern zwei benachbarte Länder bis an den Rand eines bewaffneten Konflikts führt.

Die Ansprüche auf ein Juwel unter den Hindu-Tempeln, den aus dem 11. Jahrhundert stammenden Preah-Vihear-Tempel, ein Schlüsselbauwerk des Khmer-Königreiches, lässt Thailand und Kambodscha aneinandergeraten. Erbaut wurde er in den Jahren 1002 bis 1050 von König Suryavarman I. und nach ihm ist auch die nördlichste Provinz Kambodschas benannt. Preah- Vihear ist unter den Khmer-Tempeln ungewöhnlich, da er entlang einer Nord-Süd-Achse erbaut ist, im Gegensatz zum gewöhnlichen rechteckigen Bauplan mit einer Orientierung nach Osten.

Immer wieder flammt der Streit auf; die reizbaren Asiaten nutzen jede sich bietende Gelegenheit, um mit der Auseinandersetzung um das sehenswerte Heiligtum zugleich den Hass auf die jeweilig andere Nation zu schüren. Tief verwurzelt ist im-mer noch die Erinnerung an das mächtige Khmer-Reich der Könige von Kambodscha, das einst auch weite Teile des heutigen Thailand umfasste. Später herrschten dann die König von Siam, die die Tempel von Angkor Wat erobert hatten, über den größten Teil der Region. Verletzungen, die sich Nationen in ihrer Geschichte zufügen, mögen im Laufe der Zeit überdeckt werden – völlig geheilt werden sie vermutlich nie.

Als vor fünf Jahren in kambodschanischen Medien behauptet wurde, Thailand erhebe Anspruch auf die historischen Tempel von Angkor Wat, da bordete der Volkszorn über. Wie auf ein geheimes Zeichen hin rottete sich die Menge in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh zusammen und griff thailändische Einrichtungen an. Die Botschaft des Nachbarlandes – ein verhasstes Symbol schon seit langem – wurde von einem wütenden Mob niedergebrannt.

Nun hat sich der Streit erneut zugespitzt, ja, er eskalierte wie über Nacht zur echten Kriegsgefahr. Trotz inzwischen eingeleiteter Schlichtungsgespräche stehen sich im Grenzgebiet etwa 400 Kilometer nordöstlich von Bangkok mehrere tausend Sol-daten beider Länder am Preah-Vihear-Tempel gegenüber. Einige hundert kambodschanische Familien, die in der Nähe der Touristenattraktion wohnen, sind geflüchtet. Auch thailändische Dorfbewohner wurden sicherheitshalber evakuiert.

Was ist geschehen? Der Preah-Vihear-Tempel gehört seit 1962 zu Kambodscha. Das entschied damals der Internationale Gerichtshof in Den Haag, nachdem kurz nach der Unabhängigkeit von französischer Kolonialherrschaft thailändische Truppen das Tempel-Gelände besetzt hielten. Die Richter bezogen sich auf eine Landkarte, mit der die französische Protektoratsmacht in Indochina Anfang des vorigen Jahrhunderts die Grenze festlegen wollte.

Seitdem gab es immer wieder mehr oder weniger starke Querelen um die für die Buddhisten heilige Stätte. Thailand akzeptierte zwar das Haager Urteil, doch ein Gebiet von rund fünf Quadratkilometern um den Tempel wurde zum Zankapfel. Von thailändischer Seite ist der Tempel ohne Mühe über eine natürliche Rampe zu erreichen, auf kambodschanischer Seite fällt das Gelände dagegen steil wie eine Klippe ab.

Als die Regierung in Phnom Penh den Tempel als Unesco-Weltkulturerbe vor-schlug, brandete der Konflikt neu auf. Thailand protestierte zunächst – doch nachdem Kambodscha das umliegende Land aus seinem Vorschlag nahm, unterstützte es den Antrag, allerdings nur vorübergehend. Denn die Opposition in Bangkok bediente sich des Themas und schimpfte lauthals gegen einen Ausverkauf nationaler Interessen. Angeblich hatte die Regierung ebenso wie der Vorgänger Thaksin Shinawatra unter der Hand Millionengeschäfte in Kambodscha abgeschlossen. Sogar von der Konzession für den Bau eines Spiel-Kasinos in Kambodscha war die Rede.

Als die Regierung unter Druck geriet, zog sie in letzter Minute ihre Unterstützung für den kambodschanischen Antrag zurück. Zu spät: Anfang Juli wurde Preah-Vihear als Weltkulturerbe anerkannt, was in Kambodscha Stürme der Begeisterung entfachte. Hat das kleine Land, das noch immer unter den Folgen des Terror-Regimes der Roten Khmer von 1975 bis 1979 zu leiden hat, nun neben der berühmten Tempelanlage von Angkor Wat ein weiteres kulturelles Kleinod und eine attraktive Sehenswürdigkeit zu bieten.

Damit aber sind noch nicht alle Schwierigkeiten aus der Welt geschafft. Erste Verhandlungen beider Seiten zur Lösung des Grenzkonflikts blieben ergebnislos, obwohl sie nach den kambodschanischen Parlamentswahlen stattfanden, um nicht in einer vom Wahlkampf aufgeheizten Atmosphäre zu beraten. Auch Beschwichtigungsversuche halfen bisher wenig, so als der thailändische Archäologe Srisakra Vallibhotama darauf verwies, es handele sich um exterritoriales Gebiet; der Tempel sei sowohl für Kambodschaner als auch für Thais eine heilige Stätte. Zwar sei er von einem kambodschanischen König errichtet worden, doch in der ganzen Geschichte sei er ein heiliger Ort gewesen und „die Menschen aus der ganzen Region kommen dorthin, um den Göttern Respekt zu zollen“. Auch sollten beide Länder zusammenarbeiten, um den Tempel als gemeinsames Kulturerbe zu erhalten.

Nach Kooperation und gegenseitigem Respekt sieht es zur Stunde nicht aus zwischen Thailand und dem kleinen Königreich Kambodscha. Noch sind Truppen postiert, auch wenn die Drohgebärden nicht mehr ganz so martialisch sind. Ob die Befehlshaber wissen, dass der Tempel dem Hindu-Gott Shiva geweiht ist, bekannt als „der Zerstörer“?

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