Tagebuch Haiti (6): Armut vertreibt Handwerker

Port-au-Prince, den 17. Februar 2010 Unser Bauexperte ist eingetroffen. Damit können wir schon jetzt die entscheidenden Weichen für den Wiederaufbau stellen. Nach den ersten Ortsbegehungen in unserem Projektgebiet sagt er den Satz: „Ein Erdbeben tötet nicht, es sind die schlecht gebauten Häuser, die die Menschen erschlagen.“

Seiner Ansicht nach hätte das Erdbeben nicht zwingend solch große Zerstörungen zur Folge haben müssen. Jahrzehntelange Armut und politisches Chaos in Haiti sind jedoch auch am Bausektor nicht spurlos vorübergegangen. Viele Dinge haben zum Pfusch am Bau beigetragen: Architekten, Bau-Ingenieure, Maurer und Schreiner haben Haiti aufgrund der Armut in den zurückliegenden Jahren in Scharen verlassen. Das Bildungsniveau ist niedrig und die Analphabetenrate hoch. Baumaterialien sind oft nur in schlechter Qualität oder nur zu für die Menschen unerschwinglichen Preisen zu bekommen. All das hat dazu beigetragen, dass bei dem Erdbeben wesentlich mehr Menschen ums Leben gekommen sind als das in Westeuropa bei einem vergleichbaren Beben der Fall gewesen wäre.

In dem Alten- und Behindertenzentrum, das die Caritas in Leogane wieder aufbauen wird, sind die Folgen der mangelhaften Bauausführung gut zu beobachten. Die Liste der Schadensursachen, die wir im Zwischenbericht aufgelistet bekommen haben, ist lang: Von umfangreichen Planungs- und Ausführungsfehlern, minderwertigen und ungeeigneten Baustoffen, mangelnder Baukontrolle, unsachgemäßen Erweiterungsbauten und Ignoranz jeglicher Regeln des erdbebenresistenten Bauens ist da die Rede. Auch hier gilt der Satz: „Katastrophen werden oft durch Armut erst katastrophal.“ Zwölf Menschen sind durch einstürzende Gebäude allein in dem Alten- und Behindertenzentrum ums Leben gekommen. Wir fragen uns, wie viele noch leben könnten, wenn mehr Geld und besser ausgebildete Fachleute zur Verfügung gestanden hätten.

Das Abtragen einsturzgefährdeter Bauteile hat nun höchste Wichtigkeit, weil die Sicherheitsabsperrungen von den Alten, Blinden und geistig Behinderten, die derzeit provisorisch in kleinen Zelten auf dem Gelände des Zentrums untergebracht sind, nicht wahrgenommen werden. Diese Arbeiten werden dort mit unserer Hilfe relativ schnell erledigt sein. In ganz Haiti werden die Räumarbeiten jedoch wesentlich länger dauern.

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