Parallelwelten

Still wird es hier nie

Betriebsame Hektik 24/7. In Jerusalem kann man drei religiöse Ruhetage hintereinander erleben und doch keine Ruhe.
Jerusalem: Beten ist wichtig, aber auch das Geschäft.
Foto: Zang | In Jerusalem spürt man es täglich: Beten ist wichtig, aber auch das Geschäft.

Ahmeds Geschäft versperrt ein diagonal platzierter Besenstil, das Zeichen, dass er nur vorübergehend weg ist. Vermutlich befindet sich der palästinensische Muslim zum Freitagsgebet auf dem Tempelberg und sollte in spätestens einer Stunde wieder hier sein. Es ist Freitag, der heilige Tag der Muslime. Aber einen ganzen Tag seinen Tante-Emma-Laden nicht aufsperren, das kann sich Ahmed in Zeiten wie diesen gar nicht leisten. Schließlich hat er eine Handvoll Kinder zu ernähren, Gebühren für Schule und Universität zu bezahlen, Schuluniformen, Bücher und Transport obendrein, dazu ist die städtische Eigentumssteuer Arnona fällig und dann versorgt er noch seine Eltern.

Gewusel und Hektik

Ahmed ist nicht der einzige, dem es so geht: Fromme Muslime beten und folgen der Predigt des Freitagsgebets. Ihre Kinder haben heute ebenso schulfrei wie sonntags – den christlichen Mitschülern zuliebe. Manche Christen, Einheimische wie Pilger, gehen betend den Kreuzweg, die Via Dolorosa, nach, die im muslimischen Viertel der Altstadt beginnt.

Außerhalb derselben, nur wenige hundert Meter entfernt in West-Jerusalem, herrscht dagegen noch mehr Betriebsamkeit als in der Altstadt, fast eine wie im Schlussverkauf. Jüdische Männer tätigen letzte Einkäufe vor ihrem heiligen Tag, während ihre Frauen vermutlich mitten in der Vorbereitung des Sabbatmahls stecken. Im Laufe des Nachmittags werden israelische Stadt- und Überlandbusse den Betrieb einstellen. Dann kommen zumindest West-Jerusalem, die Neustadt und das jüdische Israel für 24 Stunden zur Ruhe. Doch noch ist es nicht so weit, noch herrscht Gewusel und Hektik. Von dieser ameisenähnlichen Geschäftigkeit ist allerdings im kleinen jüdischen Viertel der Altstadt kaum etwas zu spüren.

Irgendein Geschäft ist immer offen

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Diese von Suleiman, dem Prächtigen, ummauerte Altstadt ist ein Kosmos an Parallelwelten und kennt keinen gemeinsamen Ruhetag. Still wird es hier nie. Offen ist immer ein Geschäft in diesem großteils überdachten Basar, den die Palästinenser Suq und die israelischen Juden Schuq nennen. Man muss notfalls zum Gang in ein anderes Viertel bereit sein, um an die dringend benötigte Butter, den Reis oder die Milch zu gelangen. Spätestens jetzt kommt der palästinensisch-israelische Konflikt ins Spiel, die leidvollen Erfahrungen mit demselben und die Angstschranke in Köpfen und Herzen.

Dieser Quadratkilometer der Altstadt mit einem Dutzend heiliger Stätten, darunter die Grabes- und Auferstehungskirche, die Klagemauer und der Felsendom, ist in vier Viertel aufgeteilt. Das muslimische im Nordosten ist das größte. Westlich davon, zwischen Damaskus- und Jaffator schließt sich das christliche, genauer: das palästinensisch-christliche Viertel an. Denn südlich davon, zwischen Jaffa- und Zionstor wohnen im kleinsten Viertel das nach ihnen benannte Armenier, und die sind auch Christen. Und von dort nach Osten bis zum Tempelberg erstreckt sich das jüdische Viertel.

Laute Party als Abschluss des Schabbats

Pater Elias Pfiffi wohnt einen Steinwurf außerhalb der Altstadt auf dem christlichen Zion, völkerrechtlich betrachtet im Niemandsland. Er ist Benediktiner der Dormitio-Abtei, dem Ort der Entschlafung Mariens. Die seit 110 Jahren dort stehende Kirche samt Kloster ist von einem christlichen Friedhof, einem anderen Konvent und dem jüdischen Davidsgrab umgeben, das sich im Erdgeschoss des Abendmahlssaals befindet. Die jüdische Nachbarschaft rund um das Grab verhalte sich von Freitag- bis Samstagabend ruhig, erzählt der Geistliche, „dafür gibt es aber am Samstag von circa 21 Uhr bis Mitternacht laute Party als Abschluss des Schabbats“ – Woche für Woche, Jahr für Jahr, ohne Rücksicht auf die christlichen Nachbarn. Nach über 20 Jahren im Heiligen Land weiß Pater Elias nur zu gut, dass Ruhetage nur dort wirklich erlebbar sind, wo Juden oder Muslime die Mehrheit stellen. Angesichts der christlichen Minderheit – in Israel etwa zwei Prozent, in Palästina wie in Jerusalem nur ein Prozent der Bevölkerung – ist der christliche Sonntag für Pater Elias „nur an besonderen Orten erfahrbar“. Damit meint er den christlichen Teil der Jerusalemer Altstadt sowie Nazareth oder Bethlehem – auch wenn in den beiden Städten Christen längst nicht mehr die Mehrheit stellen.

Nur 900 erlaubte Schritte

Lea Fleischmann, 1947 in Ulm geboren, ist 1979 nach Israel ausgewandert. Für die deutsche Jüdin war die „große Entdeckung in Jerusalem“ die Erfahrung des Schabbats. Eines Samstags bemerkte sie in einem religiösen Wohnviertel den fehlenden Verkehr und war von der Ruhe begeistert. Ultraorthodoxe Juden verhindern am Sabbat mancherorts mittels Metallbarrieren die Durchfahrt durch ihre Viertel, beispielsweise in Mea Shearim. Lea Fleischmann, erst nach ihrer Einwanderung religiös geworden, suchte sich eine Synagogengemeinde, die sie zu Fuß erreichen konnte. Aufgepasst: Mehr als 900 Schritte sind von Freitag- bis Samstagabend nicht erlaubt.

Da der Tag nach dem jüdischen Kalender mit dem Abend beginnt, verhält es sich mit dem Sabbat, dem siebten Tag der Woche, ebenso. Diesen Tag empfindet Lea Fleischmann als „ein Geschenk, das ich der Umwelt, der Natur mache. Einmal in der Woche ein autofreier Tag – Sie wissen gar nicht, was das für die Menschen bedeutet.“ Insgesamt 39 Arten von „Arbeit“ sind am Schabbes, wie Fromme auf Jiddisch sagen, zu unterlassen. Dazu zählen das „Klopfen von Wolle“, „zwei Schleifen machen“ oder das „Jagen einer Gazelle“. Das alttestamentliche Lichtanzünd-Verbot heißt in die heutige Zeit übertragen: Strom ist tabu, weder telefonieren noch fernsehen ist erlaubt, keinen PC hochfahren und auch kein Auto starten. Für Lea Fleischmann ist das mitnichten eine Einschränkung, sondern Entlastung. Vor allem, dass sie sich einen Tag von den Medien „abschaltet“, genießt sie. „Wir leben in einer Zeit, in der wir keine Ruhe mehr kennen. Das macht die Menschen krank.“

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