Staatlich organisierter Raub

Finanzbeamte und -ämter ermöglichten während des Nationalsozialismus die finanzielle Vernichtung der Juden. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Mit der „Arisierung“ begann die Entrechtung der Juden. Auch Finanzämter und Beamte waren beteiligt.
Foto: dpa | Mit der „Arisierung“ begann die Entrechtung der Juden. Auch Finanzämter und Beamte waren beteiligt.

Würzburg (DT) Marianne Winter hatte als einziges Mitglied ihrer Familie die Vernichtungslager der Nazis überlebt. Als die 26-jährige junge Frau 1945 in ihr Heimatdorf Hemmerden (heute ein Vorort von Grevenbroich) zurückkehrte, wohnten Fremde in ihrem Elternhaus. Der Besitz ihrer Familie war nach der Deportation an Nachbarn und Bewohner aus der Umgebung versteigert worden. Völlig mittellos musste sich Marianne Winter an denselben Finanzbeamten wenden, der das Eigentum ihrer Familie wenige Jahre zuvor „arisiert“ hatte. Und so akkurat, wie der Finanzbeamte Josef Krüppel die Familie Winter enteignet hatte, so akkurat nahm er nun die Rückgabe vor. Denn Krüppel konnte nicht nur auf die Liste zurückgreifen, in der Familie Winter vor ihrer Deportation detailliert ihr Eigentum hatte anführen müssen, sondern auch auf Listen, die ebenso penibel die Versteigerungserlöse für Hausrat, Möbel und Kleider und die Namen der Käufer nannten und damit dokumentierten, wer was wann zu welchem Preis gekauft hatte. Ehe Marianne Winter aber ihr Eigentum zurückerhielt, ging der Finanzbeamte daran, den Kaufpreis an die Ersteigerer des „arisierten Besitzes“ zurückzuzahlen. Das dauerte Marianne Winter zu lange und sorgte für Konflikte, zumal ihr eines Tages auffiel, wie der Finanzbeamte auf dem Fahrrad ihrer Familie unterwegs war, das er selbst seinerzeit ersteigert hatte.

Dieser Fall, den die WDR-Autoren Gert Monheim und Stefan Röttger im Fernseh-Feature „Mariannes Heimkehr“ dokumentiert haben, illustriert die absurde Kontinuität, mit der Finanzämter nach 1945 weiterarbeiteten: Man sah sich als unpolitische Behörde, die Gesetze und Verordnungen umsetzen musste, die die nationalsozialistischen Machthaber beschlossen hatten, mitverantwortlich am Holocaust fühlte man sich nicht. Dabei haben deutsche Finanzbehörden bei der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik aktiv mitgearbeitet, wie erste Ergebnisse einer Studie zeigen, die eine Historikerkommission unter Leitung des Kölner Wirtschaftshistorikers Hans-Peter Ullmann vergangene Woche vorgestellt hat. 2009 vom damaligen Bundesfinanzminister Steinbrück berufen, steht die Arbeit dieser Kommission parallel zur Studie über die Verstrickung des Auswärtigen Amtes in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Doch während das Auswärtige Amt die nationalsozialistische Judenpolitik in ganz Europa durchsetzte und beim Wiederaufbau hoch belastete Mitarbeiter wieder einstellte, liegt das Verbrechen des Reichsfinanzministeriums in der finanziellen Vernichtung der Juden und in der Ausplünderung der besetzten Gebiete.

Als erste öffentliche Verwaltung machte die Steuerverwaltung die nationalsozialistische Weltanschauung 1933 zur offiziellen Richtlinie. Juden wurden grundsätzlich in die höchste Steuerklasse 1 eingestuft und waren seit 1940 von sämtlichen Freibeträgen ausgenommen. Eine 1931 eingeführte Steuer für Auswanderer wurde als „Reichsfluchtsteuer“ auf ein Viertel des Vermögens angehoben, das die zumeist jüdischen und antifaschistischen Flüchtlinge dem Nazireich überlassen mussten. Ihr übriges Vermögen konnten sie nur mit großen Verlusten umtauschen, sodass zu Kriegsbeginn der vom Staat einbehaltene Wert rund 96 Prozent betrug. Nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 kassierte das Reich nicht nur alle Versicherungsleistungen für die zerstörten Geschäfte und Wohnungen, die Juden wurden auch gezwungen, die Schäden aus eigener Tasche zu bezahlen. Überdies wurde ihnen eine pauschale „Sühne“ von einer Milliarde Reichsmark abverlangt: Jeder deutsche Jude, der ein Vermögen von mehr als fünftausend Reichsmark besaß, musste ein Fünftel davon abführen. Nach Kriegsbeginn dehnte das Reichsfinanzministerium seinen Raubzug auf die besetzten Gebiete aus. Und als im November 1941 die Deportationen in die Vernichtungslager begannen, versteigerten die Finanzämter das Eigentum, das die Deportierten zurücklassen mussten – staatlich organisierte Leichenfledderei. Schätzungsweise 119 Milliarden Reichsmark – ein Drittel der Aufwendungen der Wehrmacht – kamen aus den Raubzügen während des Krieges zusammen. Zumindest auf der Ebene der westlichen Besatzungszonen sei nach 1945 personell und organisatorisch die Tradition des Reichsfinanzministeriums nicht abgerissen, heißt es im Forschungsauftrag der Kommission. Die Finanzbehörden pflegten das Selbstbild einer neutralen Verwaltung, die sich von nun an in den Dienst des Wiederaufbaus stellte und die finanziellen Erfolge des Wirtschaftswunders für den Fiskus einstrich. Dass Finanzämter auch während der Hitler-Diktatur Ermessensspielräume besaßen, wurde vertuscht. Ohne die Finanzämter hätten die Deportationen unübersehbare wirtschaftliche Komplikationen geschaffen. Finanzbeamte registrierten und veräußerten, was zurückgelassen wurde. Es gibt Hinweise, dass die Vernichtungspolitik zumindest einem Teil der Behördenmitarbeiter im Finanzministerium und in den Finanzämtern bekannt war. Jedenfalls scheinen sich weder Finanzbeamte noch Käufer gefragt zu haben, weshalb die Opfer, die angeblich nur in die sogenannten „Ostgebiete“ umgesiedelt werden sollten, keinerlei Möbel, Gebrauchsgegenstände oder Wäsche mehr brauchten.

Weit stärker als bei anderen Ministerien berührte der Pakt der Finanzministeriums mit dem Nationalsozialismus damit das Alltagsleben: Wer etwa die Ausstellung „Legalisierter Raub“ besucht, die, vom Fritz Bauer Institut und dem Hessischen Rundfunk organisiert, derzeit in Korbach zu sehen ist, kann sich ein Bild machen, wie gut öffentliche Versteigerungen besucht waren, auf denen der beschlagnahmte Besitz der Deportierten veräußert wurde. Aber wunderten sich die Schnäppchenjäger nicht, weshalb die angeblich umgesiedelten Mitbürger ihre Habe nicht mitnehmen durften? Wussten sie wirklich nicht, welches Schicksal die Deportierten erwartete?

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