Sport ist keine Nebensache

Eine EM der anderen Art: Portugals Priester kicken sich zum Fußballeuropameister Von Wolfgang Zarl
Foto: Wolfgang Zarl | Schlachtruf „Halleluja“: Das österreichische Team schwört sich auf das Spiel ein.
Foto: Wolfgang Zarl | Schlachtruf „Halleluja“: Das österreichische Team schwört sich auf das Spiel ein.

Für St. Pölten war es wohl ein Rekord: Niemand konnte sich erinnern, dass jemals so viele Priester in der niederösterreichischen Hauptstadt waren wie in der Woche vom 23. bis 27. Februar. Da war zum einen die diözesane Priesterstudientagung mit über 100 Geistlichen, die sich mit der diözesanen Initiative „Bibel.bewegt“ beschäftigten. Und da war ein „Jahrhundertereignis“ wie manche Medien schrieben: 220 Priester aus 16 Nationen kickten um den Halleneuropameisterschaftstitel.

Organisator war Johann Wurzer, ein sympathischer, baumlanger, bärtiger Priester mit langen Haaren. Der Pfarrer von Ybbs/Donau ist auch Kapitän der österreichischen Auswahl und Tormann. Traditionell schwört er seine Mannen mit einem dreifachen „Halleluja“ ein. Doch im St. Pöltner Sportzentrum Niederösterreich hört man auch von vielen anderen Nationen liebevolle „Schlachtrufe“. Besonders lautstark waren die Polen und die Kroaten, die gleich mit einem ganzen Betreuerstab angereist sind. Sie können aus einem besonders großen Pool an jungen Priestern „fischen“. Demgegenüber hat Montenegro angeblich nur 24 katholische Priester im ganzen Land – und dennoch brachte das Land ein Team zusammen und erreichte sensationell Platz 8.

Die besten Chancen wurden also den Titelverteidigern aus Polen zugerechnet. Es hätte fast geklappt – das Endspiel ging knapp 0:1 gegen Portugal verloren. Das Resultat spiegelte sich meist an der Bedeutung des Katholizismus in den jeweiligen Ländern wider. So waren also jene Länder zu favorisieren, die jeweils einen hohen Anteil an katholischen Christen vorweisen.

Zu sagen, Sport sei die Nebensache, stimmt nicht ganz. Natürlich wollten sich die Priester näher kennenlernen, natürlich wollten sie gemeinsam feiern, natürlich ist der Aspekt der Völkerverständigung ganz wichtig. Aber Priester, die um einen Europameisterschaftstitel kämpfen, sind auch immer ehrgeizig. Der St. Pöltner Bischof Klaus Küng bat die Kicker beim Eröffnungsgottesdienst „bitte aufzupassen, wir brauchen Euch ja nach der Europameisterschaft wieder als Seelsorger“. Dennoch: Die Schiedsrichter mussten auch schon mal Gelbe Karten verteilen, es gab hitzige Diskussionen – und Blut floss ebenfalls. Letzteres aber immer unabsichtlich. Dennoch, abends war wieder alles vergeben und vergessen – und man feierte miteinander und fand wieder den Roten Faden: Freude am Spiel, Gemeinschaft und gemeinsamer Glaube. Sepp Eppensteiner von der Diözesansportgemeinschaft Österreichs zeigte sich erfreut: „Einer breiten Öffentlichkeit konnten wir damit eine vielfältige und fröhliche Kirche präsentieren.“

Für hiesige Ohren haben manche teilnehmenden Nationen durchaus etwas Exotisches an sich: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Italien, Kasachstan, Kroatien, Mazedonien, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Ukraine, Ungarn, Weißrussland. Genau: Deutschland: heuer war das Team erstmals dabei. Oder Kasachstan: manche Kommentatoren wollten in der EM schon erfreut eine Weltmeisterschaft sehen. Viele Zuschauer zeigten sich erfreut, dass Länder wie Albanien oder Weißrussland, wo sie wenig Katholiken vermuten, Mannschaften stellen konnten. Weißrussland organisierte im Vorjahr das Priesterturnier, das seit 2004 (fast) jährlich gespielt wird, und erhielt viel Lob für das Rahmenprogramm. Denn natürlich ist immer auch ein wenig Nationalstolz dabei und die Gastgeber wollen sich präsentieren. Am spielfreien Tag ging es deshalb für Österreich standesgemäß in das altehrwürdige Benediktinerstift Melk, einem der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Niederösterreichs. Weiters wurde das verhinderte Atomkraftwerk in Zwentendorf besichtigt, aus österreichischer Sicht auf alle Fälle ein Kuriosum. Österreichs Demokratie erhielt Lob, denn die Ablehnung ging von der Bevölkerung aus und wurde von der Politik umgesetzt. Das sei in so manch anderem Land nicht üblich.

Und um den Kickern aus den 15 Teilnehmerländern etwas Bodenständiges zu bieten, durfte ein Besuch beim Mostheurigen nicht fehlen. Österreich pur also. Überrascht war man freilich, dass die Spieler von dort bald wieder abdüsten: Denn sie wollten fit sein für den Finaltag. Dafür zeigten die Priester nach dem Finale und der Siegerehrung, wie großartig sie feiern können. Da wurde getanzt, gelacht und gescherzt. Kasachen, Weißrussen und Ukrainer stimmten gemeinsam ein Lied an, in dem sie allen teilnehmenden Nationen Gottes Segen und alles Gute wünschten.

16 verschiedene Nationen bedeuten viele verschiedene Sprachen. Kein Problem für die Völkerverständigung: Überraschend viele Priester aus osteuropäischen Ländern können sich auf Deutsch verständigen. Mit Russisch kam man da und dort auch etwas weiter. Mit Englisch ebenfalls. Hilfreich war sicher, dass ein Gutteil der österreichischen Mannschaft aus Polen und dem ehemaligen Jugoslawien stammt – die Kommunikation ist damit gewährleistet. Beeindruckend war eine weitere Sprache, die zwar als mehr oder weniger ausgestorben gilt, aber trotzdem von allen Teilnehmern beherrscht wird: Latein. Diese verstanden alle und diese wurde in den Gottesdiensten auch verwendet.

Doch zurück in die Halle: Star des Turniers war der Tormann der Ungarn. Seine Vorderleute bewachten nicht nur das Tor, sondern achteten auf ihren Keeper. „Die machen eine wahre Menschenmauer“, mokierte sich ein kasachischer Gegenspieler. Dabei würde der ungarische Tormann ohnehin eine gewisse Härte kennen, denn in jüngeren Jahren spielte er in der zweithöchsten ungarischen Klasse. Doch bei einem Bischof in den eigenen Reihen wollten die ungarischen Vorderleute so etwas wie einen Körperschutz darstellen. Ein Fernsehteam fragte den 59-jährigen Bischof der südungarischen Diözese Szegedin-Tschanad, László Kiss-Rigó, ob dieser sich denn einfach so eine Woche frei nehmen könne? „Ein Bischof darf alles“, ruft ein gut aufgelegter ungarischer Mitspieler in die Kamera. Der Bischof führte Ungarn schließlich auf Platz 6. Besonders interessiert waren die vielen Fans und Besucher am sportlichen Schicksal Deutschlands, das heuer erstmals teilnahm. Ergebnismäßig ist fürs nächste Jahr Luft nach oben, es wurde der 16. und letzte Platz. Ein wenig besser lief es für Österreich, das Rang 13 belegte. Der zweite Spieltag zog sich hin, die in Zeitnot geratenen Organisatoren kamen ins Schwitzen, als die Finalisten Portugal und Polen nicht aufhören wollten, heimische Lieder laut und inbrünstig zu singen. Trainiert und betreut wurden diese beiden Teams von ehemaligen Profis, da war viel von Ehrgeiz zu spüren.

Wie lief es für Johann Wurzer? Am ersten Tag entging er dem Spital trotz blutender Lippe nur knapp. Am zweiten Spieltag musste er denn doch ins Krankenhaus. Kühn warf sich der Tormann dem „Gegner“ entgegen und handelte sich eine Luxation ein. Keine zwei Stunden später war er schon wieder im Sportzentrum: Die Siegerehrung wollte er sich keinesfalls entgehen lassen. Und die Spieler aller Nationen waren ihm dankbar für alles und ließen ihn hochleben. Mehrere Nationen luden ihn zu einem Besuch in ihr Land ein. Denn für die meisten Priester war es ein toller Urlaub zum Entspannen – Sport inklusive. 2016 lädt die Slowakei zu dieser außergewöhnlichen Fußballeuropameisterschaft.

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Die Tabelle: 1. Portugal

2. Polen

3. Bosnien

4. Kroatien

5. Slowakei

6. Ungarn

7. Rumänien

8. Montenegro

9. Ukraine

10. Weißrussland

11. Slowenien

12. Italien

13. Österreich

14. Kasachstan

15. Albanien

16. Deutschland

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