Soldaten nehmen ein Bibelfrühstück

Besuch beim katholischen Militärseelsorger Andreas Ginzel in Sachsen-Anhalt. Von Josefine Janert
Foto: Janert | Wird von jungen Soldaten auch schon mal gefragt „Was macht denn die Kirche hier?“ – der Priester Andreas Ginzel.
Foto: Janert | Wird von jungen Soldaten auch schon mal gefragt „Was macht denn die Kirche hier?“ – der Priester Andreas Ginzel.

Burg (DT) Ein Freitagmorgen in Burg, einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt: In der Clausewitz-Kaserne bereiten Andreas Ginzel und seine Mitarbeiter das Bibelfrühstück vor. Rund 1 300 Soldaten sind hier stationiert, zwanzig davon sind Rekruten. Einige Soldaten waren schon in Afghanistan und im Kosovo eingesetzt. Jeder, der möchte, kann zum Bibelfrühstück oder zu anderen kirchlichen Veranstaltungen kommen, auch wenn er nicht christlich ist oder gar nicht an Gott glaubt. Das Bibelfrühstück gestaltet der katholische Priester Andreas Ginzel im Wechsel mit seinem Kollegen, einem evangelischen Pfarrer. „Militärseelsorge hat ihre ganz eigenen Chancen, an Leute heranzukommen, die von sich aus nicht als Erstes ihren Weg in die Kirche finden würden“, sagt Ginzel.

Zum Bibelfrühstück versammeln sich die Teilnehmer um einen großen Tisch im Büro der beiden Geistlichen auf dem Kasernengelände. Sie essen und trinken, zwischendurch singen sie und reden über eine Stelle aus der Bibel. Heute geht es um das Lukasevangelium, um die beiden weisen Alten Simeon und Hanna, die das Jesuskind im Tempel von Jerusalem treffen. Ein Mann liest die Stelle vor, dann diskutieren die Teilnehmer. Andreas Ginzel moderiert. Zunächst sprechen sie darüber, dass es für die Alten die Erfüllung ihres Lebens ist, dem Kind zu begegnen. Dann gehen sie zu Sinn-Fragen über: Was bedeutet es, ein erfülltes Leben zu führen? Was ist Schicksal?

Zehn Männer und zwei Frauen sitzen am Tisch. Zum Bibelfrühstück kommen vor allem die höheren Offiziere, Menschen ab vierzig. „Wir haben schon alles Mögliche probiert, junge Leute für diese und andere Veranstaltungen zu begeistern“, sagt ein 53-jähriger Hauptmann. Viel Elan und Schwung hätten sie eingesetzt. Obwohl die Jüngeren bislang weitgehend ausblieben, gefällt dem Hauptmann das Bibelfrühstück. Hier könne er von den Erfahrungen der anderen profitieren. „Entweder sind es Themen aus dem Dienstbetrieb oder aus dem Alltag oder manchmal auch Gedanken zur Politik“, sagt er. „Der Militärpfarrer versucht dann, das Ganze auf den christlichen Glauben, auf das Wort der Bibel zu reflektieren.“

Seelsorger wollte sich in der DDR als Bausoldat melden

Andreas Ginzel hat inzwischen langjährige Erfahrungen darin. Vor zehn Jahren ernannte ihn der Bischof von Magdeburg zum Militärseelsorger. „Ich wäre von mir aus nie auf die Idee gekommen, weil ich vorher keine Berührung mit dem Militär hatte“, sagt der 1967 geborene Mann, während die Diskussionen am Tisch in private Unterhaltungen übergehen. Ginzel stammt aus Wolmirstedt, einem Ort in der Nähe. Zur Nationalen Volksarmee, der NVA, wollte er als Jugendlicher in der DDR nicht. Er wollte sich bei den Bausoldaten melden. So hießen die wenigen Wehrdienstverweigerer, oft junge Männer aus christlichem Elternhaus, die vom DDR-Staat argwöhnisch beobachtet wurden. Die Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern, gab es in der Sowjetunion und in vielen anderen sozialistischen Ländern vor dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht. Die DDR sah diesen Lebensweg immerhin vor – und war damit im Vergleich beinahe fortschrittlich. Gleichwohl hatte ein Mann, der Bausoldat wurde, fortan mit Nachteilen im Beruf zu rechnen.

Diskussionen über das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten

Als 1989 die Wende kam, wurde Andreas Ginzel gar nicht erst zum Militärdienst eingezogen. Er studierte Theologie und wurde 1993 zum Priester geweiht. Zwar war ihm die Bundeswehr anfangs fremd, doch da sie eine Armee in einem demokratischen Staat ist, hat er grundsätzlich eine andere Einstellung zu ihr als zur NVA. Seine Aufgaben in Burg sind vielfältig. Neben der Seelsorge organisiert der Priester Gottesdienste und Rüstzeiten für die Soldaten und ihre Familien. Im Auftrag der Bundeswehr gestaltet Andreas Ginzel den sogenannten lebenskundlichen Unterricht. „Das ist im Grunde genommen Ethikunterricht für die Soldaten“, sagt er. Er wolle ihnen helfen, mit dem, was sie im Dienst erleben, umzugehen. Was verändert sich in der Familie, in freundschaftlichen Beziehungen, wenn der Soldat im Einsatz ist? Was geschieht, wenn er verletzt oder getötet wird?

Vielen Männern fällt es schwer, sich der Angst zu stellen, hat Andreas Ginzel beobachtet: „Als Soldat kann man sich schlecht im Kameradenkreis mit so einer Aussage outen.“ Er sieht seinen Job genau darin, in der Vorbereitung auf den Einsatz deutlich zu machen, dass Furcht etwas ganz Normales ist. „Auch wenn ich es als Soldat nicht will, machen sich auf jeden Fall die Freundin, die Ehefrau, die Kinder, die Väter und Mütter Sorgen. Und die Sorgen sind nicht weg davon, dass der Soldat nicht darüber spricht.“ Da die Bundeswehr die ethische Begleitung ihrer Soldaten ausdrücklich wünscht, bezahlt sie die Militärseelsorger – und nicht die Kirchen. Diese geben aber Geld für einzelne Projekte oder Veranstaltungen dazu. Dass es überhaupt Militärseelsorger gibt, verstehen manche Soldaten nicht. „Das ist eine Frage, die mir ganz oft gestellt wird, auch von Rekruten: ,Was macht die Kirche überhaupt hier?‘“, sagt Andreas Ginzel.

In den Diskussionen geht es häufig um das Fünfte Gebot aus dem Alten Testament: Du sollst nicht töten. In der Bibel ist nicht die Rede von irgendeiner Ausnahme. Andreas Ginzel bestätigt, dass das Gebot grundsätzlich für alle gilt. „Wenn sich alle daran hielten, müssten wir auch nicht darüber diskutieren“, meint er. Und erklärt seine Gedanken: In der Demokratie hat der Staat das Gewaltmonopol. Er hat auch den Anspruch, Gewalt zu minimieren und die Bürger vor Gewalt zu schützen. „Das heißt, er braucht Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen – bei der Polizei, der Armee oder wo auch immer. Diese Leute müssen sich der Gewalt entgegenstellen. Und das heißt dann, im Extremfall, auch selbst zu töten.“

Eine der wenigen jüngeren Teilnehmerinnen am Bibelfrühstück wird im kommenden Jahr möglicherweise in Afghanistan eingesetzt. Die 26-jährige Offizierin auf Zeit macht sich viele Gedanken darüber. „Man geht da mit einem gesunden Respekt ran“, sagt sie. „Ich vertraue ganz auf unsere Ausbildung im Bataillon. Wir stellen ja selbst das Kontingent, das heißt, die große Masse der Soldaten, die da hingehen, kommt aus dem Bataillon. Da weiß man natürlich genau, wie die Leute arbeiten, und kann sich darauf einstellen.“

Die Frau aus Bernburg hat sich für zwölf Jahre zur Bundeswehr gemeldet. Die Hälfte der Zeit ist schon um. Sie ist nicht getauft worden. Ihre Familie interessiert sich kaum für die Kirche. „Aber ich finde es extrem wichtig, mich mit der Religion auseinanderzusetzen“, sagt sie. „Es bringt einem ja was. Man kommt besser mit dem Alltag zurecht.“

Das Bibelfrühstück ist vorbei. Es war Andreas Ginzels letztes in Burg. Der Bischof von Magdeburg hat ihn in eine Gemeinde in Bitterfeld versetzt. In Burg ist ein Nachfolger noch nicht in Sicht. Ginzels evangelischer Kollege wird zumindest einen Teil der Arbeit allein schaffen müssen. Überall in Deutschland fehlen Militärpfarrer. Dass sich immer weniger junge Männer zum Priester weihen lassen, hat auch hier Auswirkungen. Von den 90 Stellen für katholische Militärseelsorger in Deutschland sind zehn derzeit nicht besetzt. Etwas eingedämmt wird dieser Notstand dadurch, dass einige Ämter von Pastoralreferenten ausgeübt werden.

Personalnotstand auch unter Militärseelsorgern

Andreas Ginzel bedauert den Personalnotstand. Er findet, dass die seelsorgerische Betreuung der Soldaten sowohl in Deutschland als auch im Ausland dringend notwendig ist. Er war schon dreimal in Afghanistan. „Mein Eindruck ist, dass Militärseelsorge im Einsatz ein Stückchen Heimat in der Fremde bietet“, sagt er. „Es gibt Soldaten, die einfach mal über dieses und jenes reden wollen oder die mal ausbrechen wollen aus dem normalen Dienstalltag, der ja dann sieben Tage die Woche andauert.“

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