Solarkraftwerke für den Frieden?

Leuchtturmprojekt mit Schattenseiten: Am Tor zur Sahara wird am weltweit größten Solarkomplex gebaut. Von Thomas Isenburg
Foto: Isenburg | Wo die Sahara beginnt, soll das größte Solarkraftwerk der Welt entstehen. Spiegel fangen die Sonnenstrahlen ein. Kritikpunkt ist der Wasserverbrauch des Werks.
Foto: Isenburg | Wo die Sahara beginnt, soll das größte Solarkraftwerk der Welt entstehen. Spiegel fangen die Sonnenstrahlen ein. Kritikpunkt ist der Wasserverbrauch des Werks.

Die weltweit größte Baustelle für Solarkraftwerke befindet sich zurzeit in der Nähe der marokkanischen Kleinstadt Ouarzazate am Tor zur Sahara im Süden des Landes. Dort baut die marokkanische Agentur für Solarenergie MASEM im Auftrag ihres Königs Mohamed VI. einen Solarkraftwerkskomplex, der einmal eine Leistung von etwa 500 Megawatt besitzen soll. Solarkraftwerke gelten als besonders effizient bei der Umwandlung der Energie aus der Sonne in elektrischen Strom. Jedoch produzieren sie den Strom noch zu teuer.

Nach Visionen aus den Schubladen des Club of Rome sollen solche Solarkraftwerke einmal aus den Wüstenregionen Nordafrikas Strom nach Europa liefern, weil dort die Sonne intensiv auf die Erde scheint. Im Gegenzug könnten die Nordafrikaner Geld für ihre Entwicklungen erhalten. Da der Strom auf diese Weise außerdem annähernd ohne Kohlendioxidemissionen produziert wird, gilt das Projekt auch als beispielhaft für die Vision, die Folgen des Klimawandels zu verringern.

Das Kraftwerk in Marokko ist ein Teil eines großen Planes von Mohammed VI. Der Monarch will bis zum Jahr 2020 42 Prozent der Energie für seine Untertanen auf der Basis von erneuerbaren Ressourcen gewinnen. Wind-, Wasser- und Solarkraftwerke sollen bis dahin jeweils 2 000 Megawatt leisten. Unterstützt wird Marokko dabei von der deutschen KfW Bank sowie anderen Entwicklungsbanken mit Krediten. Auch gibt es bereits eine Stromleitung zwischen Afrika und Europa an der Meerenge von Gibraltar, jedoch müssen die Marokkaner noch Strom aus Spanien importieren. Der erste Kraftwerkskomplex mit dem Namen „Noor1“ mit einer Leistung von 500 Megawatt steht bereits kurz vor seiner Fertigstellung.

Anfang Juli dieses Jahres ist eine Studie des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt und Energie im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und wirtschaftliche Entwicklung erschienen, die die sozialen Auswirkungen des Kraftwerks untersucht. Hierzu wurden Experten sowie Gemeinden in einem Umkreis von 160 Kilometern um das Kraftwerk herum befragt. In der Studie finden sich positive und negative Effekte für das Leben und die Umwelt der Menschen am Rande der Sahara. Während für viele erneuerbare Energien-Projekte in Europa gilt: nicht in meiner Nachbarschaft, wird der Bau von Solarkraftwerken in der Bevölkerung von Ouarzazate als überwiegend positiv empfunden. Doch es gibt auch kritische Stimmen zu dem Projekt für erneuerbare Energien mit einem Stromexport nach Europa, die meinen, es könne zu neokolonistischen und ausbeuterischen Zuständen führen. Währenddessen unternimmt MASEM große Anstrengungen, um auch mit Hilfe von Solarkraftwerken die wachsende Stromnachfrage in der Region zu befriedigen und Menschen eine Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Dennoch sind Solarkraftwerke kein Allheilmittel gegen die regionale Armut. Jedoch können Familien gestärkt und so auch Migrationsströme zurückgehalten werden.

Trotz der umfangreichen Anstrengungen von MASEM sind jedoch auch negative Auswirkungen des Projekts zu beobachten: Die Möglichkeiten, seine Existenz zu sichern, werden überschätzt und nicht transparent vermittelt. Auch der hohe Betriebswasserverbrauch ist ein Kritikpunkt, weil er zu Wassermangel an anderen Stellen, insbesondere bei fortschreitendem Klimawandel, führen kann, so das Ergebnis der Studie des Wuppertal Institutes. Der Unmut hierüber hat auch schon zu Demonstrationen vor dem Kraftwerk geführt.

Das Leben der Menschen in Ouarzazate ist noch wenig beeinflusst durch das in der technischen Welt als ein Leuchtturmprojekt bezeichnete Bauvorhaben. Auf Nachfrage erhält man Antworten wie: „Bislang hat es keinen großen Einfluss aus unser Leben. Die großen Unternehmen auf der Baustelle sind nicht aus Marokko. Manchmal fragen Mensch dort nach Arbeit.“ Sie sehen keinen großen Vorteil für sich, eher befürchten sie höhere Energiepreise.

Die Baustelle ist etwa zehn Kilometer von der Kleinstadt entfernt und wird durch einen Zaun, die Polizei und eine Schranke abgeriegelt. Eine Berichterstattung ist hier schwieriger als in Deutschland, weil die Pressefreiheit eingeschränkt ist. In der Rangliste für Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Marokko den 130 Platz. Dabei gilt dieses nordafrikanische Land im Vergleich zu seinen Nachbarländern als freiheitlich.

Insgesamt können die Solarkraftwerke wohl zu den Entwicklungen einer Region beitragen – aber nicht alle vorhandenen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme lösen. Die Erfahrungen aus der ersten Ausbaustufe können nun für die Folgenden genutzt werden: Zum Beispiel durch eine bessere Verteilungsgerechtigkeit sowie die Heranführung gut ausgebildeter Männer und Frauen an Aufgaben in dem Kraftwerkspark. Ein Rat der Studie des Wuppertal Institutes ist der Bau eines Begegnungszentrums zum Austausch der Akteure und zur Information. So könnte der Kraftwerkskomplex nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern auch für die Bevölkerung am Tor zur Sahara zu einem wichtigen Multiplikator werden.

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