Münster

Sich selbst Regeln geben

Erholungsforscherin Carmen Binnewies empfiehlt: Im Urlaub herausfinden, was für einen gut ist.

Urlaub in Krisenzeiten
Professor Carmen Binnewies: Die eigenen Ansprüche im Urlaub in Krisenzeiten zu reduzieren, setzt viel Selbstkontrolle voraus. Foto: Michael Mücke

Arbeit hat für die Deutschen immer noch einen hohen Stellenwert, und viele definieren sich nach wie vor über sie. Doch Professor Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin an der Universität Münster, weiß auch: Es ist ganz entscheidend, wie man mit der Arbeit und dem damit verbundenen Stress umgeht. „Der Urlaub bietet die Möglichkeit, die Batterien aufzuladen und sich psychisch zu erholen“, erklärt die Erholungsforscherin.

„Aus Sicht der Psychologie ist es das wichtigste Merkmal der Ferien, dass man abschalten und den Alltag ablegen kann.“ Ob das etwa durch Stricken, Meditieren, Yoga oder das Hören von Musik geschehe, darüber gingen die Meinungen und Einstellungen weit auseinander. Im Hinblick auf die Länge des Urlaubs gebe es Hinweise, dass sie für den Erholungswert keine entscheidende Rolle spiele.

Projekt „Erholung“

1979 in Hildesheim geboren, machte Binnewies 1999 ihr Abitur und studierte von 1999 bis 2004 an der Technischen Universität Braunschweig Philosophie auf Diplom. „Ich wollte Neues herausfinden und mein Wissen an andere weitergeben“, begründet die alles andere als professorale Expertin ihre Berufsausrichtung. „Da ist es toll, wenn man das in einem Beruf vereinen kann.“ Nach dem Diplom hatte Binnewies zunächst vor, in eine Firma zu gehen, folgte dann aber ihrer Professorin, die an die Universität Konstanz wechselte, als Wissenschaftliche Hilfskraft. Dort wurde dann ein Projekt zum Thema „Erholung“ ausgeschrieben, das die junge Wissenschaftlerin sehr ansprach, und sie entschloss sich zur Promotion. Binnewies: „Sonst hätte ich mich selbstständig gemacht und wäre in die Beratung gegangen.“

Während der Arbeit an der Dissertation zum Verhältnis von Leistung und Erholung entwickelte sich ihr Interesse an einer wissenschaftlichen Laufbahn. Als sie für ihre Promotion, erfolgreich beendet im Jahr 2008, zwei wichtige Preise gewann und in einem größeren Interview der Deutschen Presse-Agentur zu Urlaub und Erholung befragt wurde, war ihre Zukunft geebnet. Seitdem wird die charmante, lockere und umgängliche Professorin immer wieder zu diesen Themen interviewt und freut sich darüber. 2009 bis 2012 war sie als Juniorprofessorin an der Universität Mainz mit Schwerpunkt Arbeit und Gesundheit tätig. „Wenn man als Frau mit 30 Jahren Professorin wird, verstößt das gegen Normen, und man muss sich beweisen“, urteilt die Professorin schmunzelnd. „Es ist eben immer noch nicht egal, welches Geschlecht und welches Alter man hat.“

Vorteil durch Homeoffice

Im Hinblick auf ihr Forschungsgebiet, das Thema „Arbeit“, hält Binnewies es für einen Vorteil, dass die Corona-Krise die Möglichkeit zu mehr Homeoffice eröffnet habe. Allerdings komme es darauf an, wie man die Heimarbeit gestalte und strukturiere. Auf der einen Seite könne man dadurch Zeit sparen und Beruf und Familie besser in Einklang bringen, auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, dass man die Lebensbereiche zu stark miteinander vermische. Den ganzen Tag ohne Pause zu arbeiten sei völlig falsch; vielmehr komme es auf einen klaren Beginn und ein klares Ende der Arbeit an.

„Man muss sich selbst Grenzen setzen und Regeln festlegen“, erläutert die Expertin. Arbeits- und Aus- oder Familienzeiten müssten auch wegen der Kinder festgelegt werden. Zu den zeitlichen sollten aber nach Möglichkeit auch räumliche Strategien hinzukommen, indem man sich in der eigenen Wohnung einen bestimmten Raum oder eine bestimmte Ecke für die Arbeit aussuche. „Sonst wird das Abschalten-Können schwierig“, merkt Binnewies an. Darüber hinaus könne man über Kommunikations- und Verhaltensstrategien viel steuern, indem man etwa unter bestimmten Telefonnummern nur privat und unter anderen nur beruflich kommuniziere beziehungsweise bestimmte Apps auf dem Smartphone zeitweise sperre oder Alarme ausstelle.

Urlaub kann Stress erhöhen

Der Urlaub nun, der wegen des unvermeidlichen Stresses bei der Arbeit große Bedeutung hat, kann auch seine Tücken haben. „Das Stressniveau ist bei vielen Paaren in der vermeintlich schönsten Zeit des Jahres tatsächlich höher als sonst“, stellt die Psychologin fest. „Wenn schon vorher Probleme da waren, kann man dem Partner in den Ferien nicht mehr aus dem Wege gehen. Nicht zufällig geht die Scheidungsrate danach oft hoch.“ Das Problem bestehe bei vielen Paaren darin, dass die Erwartungen an einen Urlaub oft völlig überzogen und unrealistisch seien – und vor allem häufig sehr unterschiedlich. Carmen Binnewies empfiehlt, rechtzeitig darauf zu achten, dass beide im Urlaub auf ihre Kosten kommen und im Zweifelsfall getrennte Wege zu gehen, da letztlich die individuelle Zufriedenheit entscheidend sei. Ob man überhaupt wegfahre oder nicht, das spiele für die Entspannung letztlich keine Rolle. „Der Vorteil ist allerdings, dass man beim Verreisen in eine andere Umgebung kommt, was eine Erleichterung darstellt.“

Eingeschränktes Abschalten

Und warum ist das Bedürfnis nach Urlaub in Corona-Zeiten besonders groß? Nach Ansicht der Psychologin, weil die Pandemie psychisch anstrengend und mit Angst und Unsicherheit verbunden ist; das bringe auch ein höheres Bedürfnis nach Erholung mit sich. Die Frage sei nur, wie man sich an den Urlaub in diesen Zeiten mit seinen hohen Hygieneauflagen anpassen könne und wolle. „Die einen empfinden das als nervig, und andere haben Angst“, betont Binnewies. „Das hängt auch stark davon ab, inwiefern man sich selbst als Risikogruppe einstuft.“ Ob man den Urlaub unter den besonderen Bedingungen dieses Sommers dann gut und entspannend finde, das sei ein Lernprozess. „Man muss ganz einfach herausfinden, was für einen gut ist“, so Binnewies. Abschalten und Entspannen sei normalerweise im Urlaub mit ganz viel Selbstbestimmung verbunden, aber unter den Vorzeichen der Pandemie sei diese Freiheit total eingeschränkt. Darauf reagierten viele ausgesprochen allergisch. Für etliche sei es auch wichtig, im Mittelmeer zu baden und nicht „nur“ in der Ostsee, und über Alternativen nachzudenken, sei für sie eine große Enttäuschung.

Eigene Ansprüche reduzieren

„Die eigenen Ansprüche zu reduzieren, das setzt eine Menge Selbstkontrolle und Selbstreflexion voraus“, hebt die Professorin hervor. Die Corona-Zeit biete die Chance, innezuhalten und zu hinterfragen, was man eigentlich wolle, sowie längerfristig nachzudenken. Die Einstellungen seien aber sehr unterschiedlich, und Gruppen, die nicht so stark auf Nachhaltigkeit achten und Rücksicht auf den Klimawandel nehmen wollten, Vorwürfe zu machen, sei problematisch. „Wer billig Urlaub machen will, der muss sich allerdings klar machen, dass er das auf Kosten einer Schicht in einem fernen Land macht, die sich das selbst nie erlauben könnte und dafür schuften muss“, unterstreicht Binnewies. „Das muss er dann mit seinem schlechten Gewissen vereinbaren.“

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