„Selbst ein Stein würde bersten“

Im Kampf gegen IS: Karam Alyas fühlt sich verpflichtet und gründet ein Kicker-Turnier für Flüchtlingskinder. Von Barbara Wenz
Foto: Wenz | Mit dem Ball gegen Angst und Verzweiflung: Karam Alyas (vorne) weiß aus eigener Erfahrung, was jungen Flüchtlingen helfen kann.
Foto: Wenz | Mit dem Ball gegen Angst und Verzweiflung: Karam Alyas (vorne) weiß aus eigener Erfahrung, was jungen Flüchtlingen helfen kann.

Karam Alyas, 19, ist vor einigen Jahren mit seiner Familie aus dem Nordirak geflohen. Doch die dramatischen Nachrichten aus seiner Heimat ließen ihm keine Ruhe. Für einige Zeit ist er zurückgekehrt, besuchte Flüchtlingslager bei Dohuk und kämpfte an der Frontlinie gegen den „Islamischen Staat“. Seine Eindrücke von dort hat er auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht. Auch nach seiner Rückkehr ins sichere Deutschland geht Karam Alyas das Schicksal der Menschen in seiner Heimat nicht aus dem Kopf. Besonders die jesidische Minderheit wird von den Kämpfern des IS blutig verfolgt, Frauen zu Tausenden als Sexsklavinnen verschachert. Einige Beobachter sprechen von einem Völkermord. Karam Alyas hat sich vorgenommen, alles zu tun, um den Menschen in Not zu helfen.

Karam, Sie waren 13 Jahre alt, als Ihre Familie aus Mossul im Nordirak nach Deutschland geflohen ist. Wie haben Sie die Situation in Ihrer Heimatstadt erlebt? Was hat sich seither verändert?

Wir lebten in einem kleinen Dorf. Mein Vater hatte Arbeit in Mossul. Wir sind Kurden und gehören der jesidischen Minderheit an. Mein Vater hat immer wieder Drohungen erhalten, dass er verschwinden solle, sonst würde es für ihn noch schlimm enden. Wir wussten natürlich, was das bedeutet und so hat sich mein Vater entschlossen, nach Deutschland gehen. Drei Jahre später hat er uns nachgeholt. Ich habe meine Kindheit in einem Kriegsgebiet verbracht. Dass so etwas wie Deutschland existiert, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich dachte, es sei wohl überall so wie bei uns, nämlich Krieg. Am Anfang war es ein richtig komisches Gefühl in Deutschland: Ich bin rausgegangen auf die Straße, da kannte ich niemanden. Ich verstand kein einziges Wort Deutsch, alles, wirklich alles von A bis Z war völlig anders. Erst langsam haben wir uns daran gewöhnt und hier ein zweites Zuhause gefunden. Wir führen jetzt ein Leben ohne Angst und Leid. Dafür sind wir Deutschland dankbar.

Sie verfolgen die dramatischen Nachrichten aus Ihrer umkämpften Heimat intensiv. Wie kam es dazu, dass Sie kurz entschlossen ein Flugticket gekauft haben, um den Menschen in Ihrer Heimat beizustehen?

Die Heimat, also dort wo ich geboren und aufgewachsen bin, werde ich nie vergessen. Meine Wurzeln liegen doch da. Schon als Kind habe ich immer Nachrichten gehört. Ich kann nicht viel reden. Ich zeige einfach Taten. Wie es dazu kam: Letztes Jahr hat der „Islamische Staat“ bewiesen, dass es kaum noch Menschlichkeit gibt. Sie marschierten in Shingal, dem Hauptsiedlungsgebiet des jesidischen Volkes, ein und schlachteten Menschen auf offener Straße ab. Sie köpften sogar Kinder und entführten unsere Frauen. Zigtausende Jesiden und Christen haben sie in die Flucht geschlagen. Bis jetzt befinden sich annähernd sechstausend Frauen in deren Gefangenschaft, sind versklavt und werden täglich vergewaltigt. Frauen und kleine Mädchen im Alter von neun bis zwanzig Jahren werden auf einem Markt an Männer aus Saudi-Arabien und andere Länder verkauft. Dies alles passiert im 21. Jahrhundert, und weder die Großmächte noch sonst jemand reagiert auf diese unbeschreibliche Not, dieses ungeheuerliche Elend! Ich sehe diese Menschen als Mensch wie Ich und auch Sie einer sind. Hinzu kommt, es handelt sich natürlich auch um Angehörige meines Volkes. Ich konnte das alles einfach nicht mehr ertragen: Ich gehe auf Facebook, da sehe ich immer nur deren Leid. Ich schaue im Fernsehen, da ist auch nur noch Leid und ein einziger, durchdringender Hilferuf der Gepeinigten. Ich ging jeden Tag auf Demonstrationen für diese Menschen, für mein Volk, für die Frauen, und es war mir einfach zu wenig. Als Mensch fühlte ich mich dazu verpflichtet, etwas zu tun. Wissen Sie, ich meine, es kann doch nicht sein, dass ich demgegenüber in Luxus lebe, in Sicherheit: Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich kann essen, wann ich mag, ich kann duschen zu jeder Zeit, aber die Menschen dort müssen sterben, weil sie nicht einmal ein Glas mit Trinkwasser bekommen. Diese Gedanken haben mich nicht in Ruhe gelassen. So habe ich mich dazu entschlossen, dorthin zu fliegen. Ich habe mein Ticket gebucht, mein Bündel gepackt und bin für einige Wochen zurückgekehrt.

Wo sind Sie untergekommen? Und was haben Sie dort genau gemacht?

Ich bin bei Verwandten untergekommen und war oft in den Flüchtlingslagern, um mich um die Kinder zu kümmern, mit den Menschen dort zu sprechen, zu sehen, wie es ihnen geht. Ich habe eine Art Videotagebuch gemacht, um auf deren Stimme aufmerksam zu machen und alles bei Facebook eingestellt. Ich setze diese Arbeit auch weiterhin fort.

Sie haben dort auch aktiv gegen die Terrormiliz IS gekämpft. Wie kam es dazu?

Ich habe viele verschiedene Fronten im Nordirak besucht und bewundernswerte Menschen kennengelernt. Ich habe sie unterstützt, auch mit der Waffe. Wir mussten uns ja verteidigen. Ich glaube, eigentlich will fast jeder von uns gegen diese IS-Leute kämpfen – denn sie sind die erklärten Feinde von Humanität und jeder Art menschlicher Zivilisation.

Sie haben mit den Menschen in den Lagern gesprochen. Wie ist die Zusammensetzung religiös und ethnisch? Gibt es Begegnungen in diesen Lagern, die Sie besonders berührt haben?

Es gibt Lager, in denen Christen mit Jesiden und Moslems zusammenleben. Es gab auch Lager, in denen sich nur Jesiden und Christen befanden und auch solche, in denen nur Jesiden derzeit leben müssen. Es gäbe viele dramatische Geschichten zu erzählen. Ein kleines Kind, das seine gesamte Familie verloren hatte, klammerte sich fest an mich und flehte: Nimm mich mit zu dir, ich will hier nicht mehr leben! Ich antwortete erschüttert, ich würde gerne, aber es gibt viele Gründe, warum das nicht geht. Da sagte der kleine Junge zu mir: Also, sind denn die Tiere wertvoller für euch als wir, weil ihr die mitnehmen könnt, aber uns Menschen nicht? Es gibt unzählige solcher Dinge, die mich zutiefst berührt haben und mich davon überzeugt haben, dass ich für diese Menschen – nicht nur, weil sie mein Volk sind, sondern in erster Linie, weil sie Menschen sind wie Ich und Du – einstehen muss.

Wer kämpft alles an der Front?

An der Front kämpfen nur Kurden, aber alle Religionen sind dabei: Jesiden wie Christen. Auch die Frauen kämpfen.

Sie haben sich von all diesen erschütternden Eindrücken und Erlebnissen nicht entmutigen lassen.

Wahr ist, selbst ein Stein würde zerbersten, wenn er soviel Leid und Trauer ertragen müsste... Ich hatte hier leider nicht so richtig die Möglichkeit, eine weiterführende Schule – außer dem Deutschkurs – zu besuchen und mich fortzubilden. Trotzdem tue ich alles, um meine Aufgabe als Mensch, der seinen Mitmenschen hilft, zu erfüllen. „Kick for Freedom“ – „Kicken für die Freiheit“ ist ein Benefizfußball-Turnier, das wir organisiert haben und an dem sechzehn Mannschaften teilnehmen können. Jede Mannschaft zahlt eine Startgebühr von 60 Euro, Zuschauer bezahlen 5 Euro und bekommen dafür ein Freigetränk. Außerdem werden wir auch etwas zu essen anbieten. Der gesamte Erlös kommt den Flüchtlingen vor Ort zugute. Zur musikalischen Umrahmung konnten wir zwei namhafte kurdische Sänger gewinnen, deren Repertoire auch türkisch- und arabischsprachige Songs umfasst. Unsere Benefizaktion findet am 12. Dezember in der Berufsbildenden Schule, Stettiner Straße in Varel bei Wilhelmshaven statt. Ich und mein Team werden alles in unserer Macht Stehende tun, um unseren Mitmenschen in Not zu helfen.

Ihr Team besteht aus jungen Leuten zwischen 18 und 20 Jahren, wobei sich Deutsche und Landsleute von Ihnen zusammengefunden haben.

Ja, das sind Marina, Sarah, Sami, Nadine, Payman, Berivan, Aycan und Celine, und das Gute ist, es besteht in der Mehrheit aus Frauen.

Was schätzen Sie an Frauen besonders, weil Sie sagen: Das Gute ist, die Mehrheit sind Frauen?

Für mich persönlich und auch in unserer Religion steht die Frau ganz oben. Das erste überhaupt ist: Die Frauen sind viel stärker als wir Männer; sie sind klug und barmherzig. Eine Frau ist die Zukunft und das Licht eines Mannes.

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