Schritt für Schritt wird vieles neu

Die Fluthilfe der NGO's in Pakistan zeigt erste Früchte – Politische Unruhen erschweren die Arbeit. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: Ernst Hisch/DAHW | Ein praller Acker dank gespendetem Saatgut. Erste Ernte 2011.
Foto: Ernst Hisch/DAHW | Ein praller Acker dank gespendetem Saatgut. Erste Ernte 2011.

Als im Juli 2010 die Flut kam, hatten die Menschen in Pakistan gerade erst begonnen, sich von den Schrecken der vergangenen Jahre zu erholen. Erdbeben, Überschwemmungen und Unruhen durch militärische Auseinandersetzungen hatten seit 2005 jedes Jahr aufs Neue das Land erschüttert. Nun waren wieder viele Familien auf der Flucht. Denn der Monsunregen hörte nicht auf. In den tiefen und engen Schluchten der hohen Gebirge rissen die Wassermassen alles mit, was sich ihnen in den Weg stellte: Brücken, Straßen, Häuser. Die Dämme brachen. Eine Fläche, mehr als halb so groß wie Deutschland, wurde überschwemmt. Es war die verheerendste Flut seit 80 Jahren. Die Ernten waren beinahe komplett vernichtet, fast 1 900 000 Häuser völlig zerstört. Knapp 2 000 Menschen starben, mehr als 20 Millionen mussten ihre Heimatdörfer verlassen. Heute, etwa drei Jahre nach der Naturkatastrophe, lohnt ein Blick zurück: Was hat sich seither getan? Ließ sich die Lage auf Dauer verbessern?

Mervyn Lobo, Geschäftsführer des Marie Adelaide Leprosy Centers (MALC), ist „gerührt und bewegt“ von dem großen Interesse an seinem Land, wie er bei einem Pressegespräch sagt. Mit zahlreichen Spenden auch aus Deutschland konnte geholfen werden. Die Mitarbeiter des MALC sind durch ihre Arbeit für die Leprakranken über das ganze Land hin gut vernetzt. Als sich die Flut durch Pakistan wälzte, war es den Teams daher ohne Zeitverzug möglich, in den betroffenen nördlichen und südlichen Regionen (Khyber Pakhtunkhwa, Gilgit Baltistan, Azad Kashmir, Sindh, Karachi und Balochistan) die Bedürfnisse der Menschen zu ermitteln. Damit war das MALC die erste NGO, die auf das Desaster antwortete: Bereits am Tag nach der Flut konnten in Zusammenarbeit mit der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) gezielte Hilfeleistungen starten. Zunächst einmal reine Nothilfemaßnahmen: Zelte, sauberes Wasser, Nahrungsmittel, Kleidung, Decken, Moskitonetze, Kochutensilien und medizinische Versorgung.

Sobald die Wassermassen etwas wichen, kehrten die Menschen von den Anhöhen in ihre Dörfer zurück. Was sie vorfanden, waren Ruinen, Dreck und Schlamm. In einer zweiten Phase wurden deshalb von den Organisationen erneut Zelte, Decken, und Nahrung zur Verfügung gestellt. Zwischen Dezember 2010 und August 2012 bekamen nach Angaben des DAHW 2 650 Familien eine neue Trinkwasserversorgung durch Handpumpen, Wasserleitungen und Zisternen. Vorher hätten die Frauen oft meilenweit das Wasser in Kanistern nach Hause zu ihren Familien geschleppt, sagt Mervyn Lobo: „Eine Familie, das sind im Durchschnitt zehn Personen.“ Über 800 Häuser wurden neu gebaut oder repariert. Etwa 400 Familien erhielten Nutztiere und finanzielle Hilfe für die Zucht, 335 andere Saatgut und finanzielle Hilfe für den Ackerbau. Rund 230 Familien bekamen Starthilfen für anderweitige Existenzgründungen.

Doch der Wiederaufbau ist ein langwieriger Prozess. Die Projekte des DAHW in Zusammenarbeit mit dem MALC sind noch auf zwei Jahre hin angelegt. Bis zum August im Jahr 2015 sollen weitere 2 250 Häuser gebaut werden, flutsicher, mit hohem Fundament, Stahlträgern und leichtem Dach. Außerdem sollen noch 1 100 Familien Nutztiere erhalten, 150 weitere Existenzgründungshilfen. Auch die Infrastruktur soll verbessert werden. Dazu gehört die Installation von Handpumpen, Wasserleitungen und 30 Gesundheitsstationen, die eine medizinische Grundversorgung sicherstellen.

Doch die problematische Sicherheitssituation in Pakistan erschwert die Arbeiten, Mitarbeiter des MALC fürchten um ihr Leben, vor allem im Norden des Landes. Erst Anfang Mai gab es zwei Anschläge auf Einrichtungen der Organisation, ein Sicherheitsmann kam dabei ums Leben. „Menschen, die solches tun, kennen uns und unsere Arbeit nicht“, sagt Lobo. Bei Einheimischen sei dies nicht der Fall. Die Bevölkerung weiß, dass sie Hilfe braucht, von der Regierung aber nichts erwarten darf. Ernst Hisch, Projektreferent der DAHW und Koordinator der Fluthilfe, erzählt, wie gleichgültig die Regierung auf die Flutkatastrophe reagierte. „Die regierende Schicht hat kein Interesse an den Zuständen der unteren Bevölkerungsschichten“, sagt er und schüttelt bedauernd den Kopf. In Pakistan herrsche nach wie vor ein Feudalsystem. Wenige reiche Grundbesitzer, die sogenannten Landlords, denen etwa 80 Prozent des Landes gehören, beuteten gnadenlos die unteren Schichten aus. Bei der Flut seien abhängige Landarbeiter zum Teil gezwungen worden, an Ort und Stelle zu bleiben, um den Besitz der Lords im Auge zu behalten. Es sei sogar vorgekommen, dass die Regierung aus Machtinteressen heraus die Deiche sabotierte, um Gegnern zu schaden, so Hisch. Denn die gefährlichen Provinzen werden längst nicht mehr vom Staat, sondern von einzelnen Stämmen kontrolliert. Die Taliban haben etwa im Swat-Tal einen großen Einfluss, den sie durch Entführungen und Lösegelderpressung erzwingen.

Die DAHW fördert seit fünf Jahrzehnten medizinisch-soziale Projekte in Pakistan. Zusammen mit ihren Partnern vor Ort geht es der Organisation darum, den Menschen nicht nur zu helfen, wie Lobo mit einem ernsten Nicken sagt, sondern auch, ihnen zu helfen, auf eigenen Füßen zu stehen. „Im Großen und Ganzen hat der Wiederaufbau so gut funktioniert, dass man schon weiterdenken kann“, sagt Hisch. Es gehe um Selbsthilfe auf Dauer, um weiterführende Hilfe. Die Pakistani sollten durch stetige, tätige Verbesserung lernen, ihre Würde und ihren Selbstbewusstsein nicht zu verlieren. „Die Leute sollen unabhängig sein“, sagt Lobo. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen kennen die Menschen und die Systeme, und bleiben ständig in persönlichem Kontakt. Das Netzwerk, das im Zuge der Lepra-Arbeit entstanden ist, hat sich so auch bei der Flutkatastrophe bewährt.

Katastrophen dieser Art lassen sich nicht verhindern, aber vorbereiten, sagt Hisch: durch Strukturverbesserungen und sorgfältigen Häuserausbau. Dann könne man sich auf weitere Programme konzentrieren: Gesundheit, Leben mit Behinderung und die Stärkung eines sozialen Gemeinwesens allgemein. Damit die Menschen Schritt für Schritt lernen, in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen. Von der Regierung sei dahingehend nicht viel zu erwarten, die Unruhen nehmen zu, aber, sagt Lobo: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Themen & Autoren

Kirche