Schlechte Karten für Hilfsbedürftige

Kranke und behinderte Menschen haben es auf Kuba schwer – Katholische Schwestern lindern die ärgste Not. Von Benedikt Vallendar
Foto: Vallendar | „Mit fließendem Wasser ist es hier so eine Sache“: Schwester Marta sammelt Regenwasser, um damit Leprakranke zu pflegen.
Foto: Vallendar | „Mit fließendem Wasser ist es hier so eine Sache“: Schwester Marta sammelt Regenwasser, um damit Leprakranke zu pflegen.

Wenn Schwester Marta morgens auf die Veranda tritt, fällt ihr Blick als erstes auf die bunten Plastikeimer. „Die sind bestimmt für die Gartenbewässerung“, wird sich so mancher Besucher denken. Doch weit gefehlt. In den Eimern und der großen schwarzen Tonne sammeln die Herz-Jesu-Missionarinnen Wasser, das sie aufkochen, bevor sie damit die Leprakranken auf ihrer Station waschen. Schwester Marta lebt mit ihren Mitschwestern in einem vom Staat überlassenen Gemeinschaftshaus am Stadtrand der kubanischen Hauptstadt La Havanna. In einem anderen Haus betreuen die Schwestern spastisch gelähmte Patienten, die andernfalls ihrem Schicksal überlassen wären. Auch diese werden mit abgekochtem Regenwasser gepflegt. „Mit fließendem Wasser ist das hier so eine Sache“, drückt sich Schwester Marta diplomatisch aus. Sie lebt und arbeitet mit vier Mitschwestern auf Kuba, das seit 1959 von einer kommunistischen Diktatur beherrscht wird. Schwester Marta ist gebürtige Kanadierin und gibt sich bedeckt, während sie spricht. Es ist ihr anzumerken, dass sie ihre Worte vorsichtig abwägt, bevor sie sie ausspricht.

Viele Jahre war die Arbeit der katholischen Kirche auf Kuba unterdrückt, religiöses Leben von den Kommunisten fast ausgelöscht worden. Bis es Ende der Neunzigerjahre zu einer Annäherung zwischen Papst Johannes Paul II. und „Comandante“ Fidel Castro kam. Seither können katholische Orden und die Amtskirche auf Kuba einigermaßen ungestört ihre sozial karitative Arbeit verrichten, doch immer unter Vorbehalt. Denn nach wie vor tun die Kommunisten so, als gäbe es keinen Gott. Wenn die Behörden, hinter denen in der Regel immer ein örtlicher Parteisekretär steht, zu irgendeinem Vorhaben der Schwestern „Nein“ sagen, haben sie kaum eine Chance, dagegen anzugehen. Es gab etwa Versuche, mit ausländischen Spendengeldern die Wasserversorgung auf dem Pflegeareal der Schwestern in Havanna zu modernisieren. Doch das Projekt scheiterte, weil die Behörden fürchteten, die Nachbarn könnten neidisch werden. Oder, noch schlimmer, in Scharen zu den Schwestern und zur Kirche überlaufen, weil es dort anders aussieht als in den verwahrlosten Unterkünften, die der kommunistische Staat der Bevölkerung zur Verfügung stellt. Aus fadenscheinigen Gründen geben die Behörden noch immer kein grünes Licht für moderne Leitungen und Pumpen. Mit der Folge, dass Schwester Marta und ihre Mitschwestern sich weiter mit Regentonnen und großen Kesseln behelfen müssen. „Wir müssen auch immer die toten Mücken aus dem Wasser sieben, bevor wir es aufkochen“, sagt Schwester Marta. Denn die eitrigen Wunden ihrer Patienten können sie nur mit ganz sauberem Wasser reinigen, sagt sie. Die Schwestern tun ihr Mögliches, um das Leid der Patienten zu lindern.

Viele der Leprösen, die die Schwestern betreuen, wurden von ihren Familien verstoßen. Wer auf der Zuckerinsel auf Hilfe angewiesen ist, hat schlechte Karten. Schon für einen Durchschnittskubaner ist das Leben hart, ganz zu schweigen von Menschen, die nicht einmal alleine zur Toilette gehen können. Zwar redet die staatliche Propaganda auf Kuba gerne vom „Arbeiter- und Bauernparadies“ – schon morgens geht es damit im Radio los –, doch die Realität ist eine ganz andere. Alte, Kranke und Schwache haben keinen Platz in einer Gesellschaft, in der es allein darum geht, sich mit allen Mitteln seinen Platz zu behaupten, auch wenn es kaum etwas zu verteilen gibt. Grund dafür ist die Planwirtschaft. Hinzu kommt die Zweitwährungspolitik, die weitere Ungerechtigkeiten hervorruft. Bürger, die auf die fast wertlose Moneda Nacional angewiesen sind, im Volksmund „dinero chatarra“ (zu Deutsch: Schrottgeld) genannt, haben es ungleich schwerer als jene, die dank Auslandsüberweisungen in speziellen Devisen-Shops einkaufen gehen können. Lebensmittelkarten, libretas, die es auf Kuba im Jahre 2013 ebenfalls noch gibt, sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden – weil es in den dafür zuständigen Läden oft keine Waren gibt, nicht einmal WC-Papier, selten Zahnbürsten und ganz zu schweigen von Butter und Milch. Schwester Marta und ihre Mitstreiterinnen haben gelernt, alles mit karibischer Gelassenheit hinzunehmen. Wie so vieles, was auf Kuba aus dem Ruder läuft.

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