Schicksale von Flüchtlingskindern

Mit insgesamt 49 Projekten unterstützt das Kinderhilfswerk „Die Sternsinger“ Flüchtlingskinder in aller Welt
Foto: dpa | Flüchtlingskinder brauchen dringend Hilfe.
Foto: dpa | Flüchtlingskinder brauchen dringend Hilfe.

Hamit* liebt es, Theater zu spielen, Nahla geht gerne zur Schule, und Tido ist ein leidenschaftlicher Fußballer – drei Kinder, drei Leben, und im ersten Moment hört sich alles ganz normal an. Doch Hamit, Nahla und Tido sind drei von fast 60 Millionen Flüchtlingen weltweit; mehr als die Hälfte ist noch nicht volljährig. 86 Prozent dieser Vertriebenen leben in Entwicklungsländern, als Binnenflüchtlinge im eigenen Land oder in Lagern fern der Heimat. Zahlen wie diese machen fast täglich in den Medien die Runde, und hinter jeder noch so unfassbaren Zahl stecken Schicksale von Menschen, von Kindern – Hamit, Nahla und Tido sind drei davon. Kinder wie sie sind im vergangenen Jahr in insgesamt 49 Projekten, die das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ unterstützt, unter anderem in Malawi, Kolumbien, Südafrika, dem Libanon, dem Sudan und in Myanmar aufgefangen und umsorgt worden. Das sind ihre Geschichten.

Hamit ist erst zehn Jahre alt und hat den Krieg in Syrien hautnah miterlebt. Zusammen mit seiner Familie musste er vor der Gewalt in Syrien fliehen. Im libanesischen Kafar Zabad fand die völlig mittellose Familie Zuflucht. Heute besuchen alle fünf Geschwister das Schulzentrum des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Für Hamit war der Anfang ganz besonders schwer. Der Zehnjährige kommt aus einer sehr konservativen Familie und weigerte sich, in der Schule neben einem Mädchen zu sitzen. Mittlerweile hat er sich sehr gut in die Klasse integriert, ist sehr fleißig geworden und stolzes Mitglied der Theater-AG. In andere Rollen zu schlüpfen, das ist sein größter Spaß. Da macht es ihm auch mittlerweile nichts mehr aus, wenn er mit einem Mädchen zusammen Theater spielt.

Viel zu kraftlos, um mit anderen Kindern spielen zu können – in diesem Zustand erreichte der fünfjährige Marwan mit seinem Vater das Flüchtlingslager in Yida im Südsudan. Eine ausreichende medizinische Versorgung konnte im Lager niemand garantieren, und so haben die Mitarbeiter der Diözese El Obeid einen Transport in das Mother-of-Mercy Krankenhaus in den Nuba-Bergen organisiert. Auf den ersten Blick ein Segen für Marwan, läge das Krankenhaus nicht mitten in einem Kriegsgebiet. Für den Fünfjährigen war es jedoch die einzige Chance auf eine schnelle Behandlung. Auf der über 20-stündigen Fahrt war sein Vater immer an seiner Seite. „Ich mache mir keine Sorgen“, so der über zwei Meter große Mann. „Ich habe so viele Kilometer hinter mich gebracht, um meinen Sohn in Sicherheit zu wissen. Ich werde ihn überall hin begleiten, wenn dort nur Hoffnung ist.“ Seit April 2014 ist Marwan nun im Mother-of-Mercy Krankenhaus. Schnell wurde eine entzündliche Knochenkrankheit bei ihm diagnostiziert. Drei Monate nach der ersten medizinischen Behandlung verbesserte sich sein Gesundheitszustand. Marwan wurde der Sonnenschein der ganzen Belegschaft im Krankenhaus und ist ständig auf der Suche nach neuen Freunden. Trotzdem weint er oft, und wenn er weint, sind alle anderen auch traurig. Denn man kann nur ahnen, wie viel Leid der kleine Junge verarbeiten muss und wie sehr er seine Mutter und sein Zuhause vermisst.

Wenn die 13-jährige Shwe San und der 14-jährige Zaw Youn morgens auf ihre Fahrräder steigen, um zur Schule zu fahren, sieht man ihnen an, wie glücklich und stolz sie sind. Anders als für viele Kinder in Europa ist die tägliche Fahrt mit dem Rad in die örtliche Schule immer noch keine Normalität für die beiden. Shwe San und Zaw Youn leben in Flüchtlingslagern in Myanmar nahe der chinesischen Grenze. Und beide verbindet das gleiche Schicksal: Sie sind mit ihren Familien aus ihren Dörfern vor dem blutigen Bürgerkrieg geflohen. Gerade nach der tagelangen, gefahrvollen Flucht erleben sie im Flüchtlingslager Sicherheit und ein Stück Normalität. Dabei hilft auch der regelmäßige Schulbesuch. Schulbücher, Stifte und die Schuluniformen haben sie von der örtlichen Hilfsorganisation Metta bekommen. Seit vier Jahren leben sie nun schon in ihrem neuen Zuhause, und beiden Kindern ist bewusst, wie viel Glück sie gehabt haben. Viele Kinder werden verschleppt und als Kindersoldaten missbraucht. Ein Zurückkehren in ihr Dorf ist unmöglich, denn es wurde niedergebrannt, und viele ihrer Nachbarn wurden brutal ermordet.

Nahla ist zehn Jahre alt, und ihre Familie kommt ursprünglich aus dem Kongo. Ihre Mutter kam mit Nahlas vier Jahre älterem Bruder über Sambia nach Südafrika – weg von der Gewalt und Armut in ihrer alten Heimat – mit der Hoffnung im Gepäck, ein besseres Leben zu führen sowie eine bessere Schulbildung für ihre Kinder zu erhalten. In Südafrika kam dann Nahla zur Welt, doch ihre Mutter bekam keine südafrikanischen Papiere für sie. Auch ihr Bruder musste zu seinem Vater zurück nach Sambia, da die Behörden ihm keine Aufenthaltsgenehmigung ausstellen wollten. „Ich vermisse meinen Bruder“, erzählt die Zehnjährige etwas traurig. Leider kann Nahlas Mutter sie nicht zu einer richtigen Schule schicken, da sie die hohen Schulgebühren nicht aufbringen kann und Fremdenfeindlichkeit den Zutritt für ihre Tochter zur Schule erschwert. In der Übergangsschule im Projekt ,Three2Six‘ hat Nahla die Chance zu lernen, außerdem bekommt sie hier täglich etwas zu essen, ein Umstand, den ihre Mutter zu Hause nicht immer garantieren kann. Der Name des Projekts ist Programm, denn Flüchtlingskinder werden dort von drei bis sechs Uhr nachmittags in den wichtigsten Fächern unterrichtet. Dafür werden die Klassenräume einer privaten Schule genutzt, die am Nachmittag leer stehen. „Mir gefällt die ,Three2Six‘-Schule, weil sie erst am Nachmittag beginnt und ich nicht so früh aufstehen muss“, sagt sie mit einem schelmischen Grinsen. „Außerdem gibt es hier immer etwas zu essen, und ich kann hier meine neuen Freunde treffen. Wenn ich fleißig lerne und zur Schule gehe, kann ich später vielleicht einmal Tierärztin werden, denn Tiere mag ich besonders gerne.“

Links täuscht er an, und mit dem rechten Fuß legt Tido den Ball sauber ins Tor. Mit Steinen haben der Siebenjährige und seine Freunde kleine Torpfosten auf dem staubigen Boden aufgebaut, die völlig ausreichen, um nachmittags nach der Schule gemeinsam zu kicken. „Am liebsten gehe ich zur Schule“, sagt der aufgeweckte Junge – einen Satz, den beeindruckend viele Kinder im Flüchtlingslager im malawischen Dzaleka sagen. Schule bedeutet Alltag, sie strukturiert das Kinderleben, und sie bietet neben der Wissensvermittlung die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen. Die Einrichtung der Jesuiten wird von den Sternsingern unterstützt. Tido stammt aus dem Kongo, hinter ihm und seiner Familie liegt eine gefährliche Flucht. Das Leben im Flüchtlingslager bedrückt die Eltern: „Wir haben ein schlimmes Schicksal“, sagt Tidos Vater. „Aber es tut gut, darüber zu berichten. Und vielleicht vergisst man uns dann nicht.“

*Zum Schutz der Kinder alle Namen von der Redaktion geändert. Protokoll: Kindermissionswerk „Die Sternsinger

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