Santa Fe

Scham und Würde

Die finanzielle Not treibt Frauen in Bogotá in die Prostitution. In Santa Fe, einem der größten Rotlichtviertel Kolumbiens, bieten ihnen Ordensschwestern Gespräche, Gebete und Weiterbildungen an.

Raus aus der Prostitition
Von Ordensschwestern aus der Tätigkeit als Prostituierte herausgeführt: Martha Sánchez.Héctor Collazos Foto: Foto:

Martha Sánchez bezeichnet sich selbst als „Überlebende“. „Ich bin einem System entkommen, das mir als Frau jegliche Würde geraubt hat“, sagt sie. Jahrelang prostituierte sie sich auf den Straßen der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Sie stieg mit fremden Männern ins Bett, ließ zu, dass diese ihren Körper berührten und in ihn eindrangen. Gewollt hat die 50-Jährige das nie. Im Gegenteil: „Ich ekelte mich selbst so sehr an, dass ich mich nur mit Alkohol oder Drogen ertrug.“

Martha, wie sie in diesem Text heißt, hat die Prostitution hinter sich gelassen. Weil sie seitdem angefeindet wird, trägt sie zum Schutz nicht ihren eigenen Namen. Dank einer Gruppe von Ordensschwestern hat Martha gelernt, dass es auch anders geht. „Sie haben mir gezeigt, dass ich für etwas anderes gemacht bin als Männer zu befriedigen.“ Unter dem Namen „Red Tamar“ („Netzwerk Tamar“) arbeiten die Ordensschwestern seit 15 Jahren mit Mädchen und Frauen, die sich prostituieren. Tamar, so heißt es im Alten Testament, ist von ihrer eigenen Familie missbraucht und verkauft worden. Für Menschen wie sie wollen die Schwestern da sein – dort, wo die Frauen sich verwundbar machen.

23.000 Sexarbeiterinnen in Kolumbiens Hauptstadt

In Bogotá ist das vor allem Santa Fe. Der zentral gelegene Stadtteil ist eines der größten Rotlichtviertel Kolumbiens. Wie eine Umfrage des Stadtrats von Bogotá im Jahr 2019 ergab, sind 23 000 Frauen in der Hauptstadt als Sexarbeiterinnen tätig, ein Großteil in Santa Fe. Da die Dunkelziffer hoch ist, beschreibt diese Zahl nicht das ganze Ausmaß der Prostitution.

Red Tamar“ verfügt über ein eigenes Haus mit Büro- und Gemeinschaftsräumen. Die Frauen kommen dorthin zu Gesprächen, zum Kochen oder Beten. Während der Corona-Pandemie haben 100 Frauen eine Lebens- und Hygienemittelspende für sich und ihre Familien erhalten, finanziert vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Die Ordensschwestern hoffen, dass die mehr als vier Monate andauernde Quarantäne in Bogotá bald endet. Sie wollen wieder auf die Straße zurückkehren, wo man sie vor der Pandemie angetroffen hat. Wegen der Ausgangsbeschränkungen sind laut den Schwestern weniger Menschen in Santa Fe unterwegs als vor der Pandemie. Trotzdem sind die Straßen des Viertels Ende Juli gut besucht. Vor den Bars, Hotels und Bordellen stehen Frauen, die meisten von ihnen dünn bekleidet, außer Schuhen und Leggins tragen sie nur ein Bikinioberteil oder einen BH. Während die Frauen so versuchen, Männer auf sich aufmerksam zu machen, gehen die Schwestern auf sie zu.

Auch wenn ein solches Setting für Gebete oder Gespräche ungewöhnlich ist, begegnen die Frauen ihnen in der Regel offen. „In Kolumbien gibt es nur wenige Menschen, die nicht an Gott glauben, oder überhaupt nichts mit ihm anfangen können“, sagt eine Mitarbeiterin von „Red Tamar“. Genau wie ihre Kolleginnen will sie anonym bleiben. Durch ihre Arbeit bringen sich die Schwestern in Gefahr. Prostitution ist in Kolumbien ein Geschäft, an dem sich viele bereichern. Oft stecken Netzwerke dahinter. Und es kommt vor, dass Bar- oder Bordellbesitzer enge Verbindungen zu Politikern pflegen. Die bringen die Schwestern gegen sich auf, wenn sie Frauen aus der Prostitution herausführen.

Vom Ehemann zur Sexarbeit gezwungen

Sexarbeit sehen viele als einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen. Aus Angst, die Wohnung nicht zu bezahlen, den Kühlschrank nicht zu füllen oder der Familie kein Geld schicken zu können, prostituieren die Frauen sich. Vor allem Migrantinnen, oft aus Venezuela, berichten von solchen Zwängen. Wegen der Wirtschaftskrise sind sie ins benachbarte Kolumbien geflohen. „Red Tamar“ schätzt, dass jede zweite Kontaktaufnahme in Bogotá zu einer Frau aus Venezuela erfolgt.

Martha wurde von ihrem Ehemann zur Prostitution gezwungen. Die beiden kamen jung zusammen. Als Martha noch keine 20 Jahre alt war, begann ihr Mann, sie auf Partys seiner Kollegen zu schleppen. Der Polizist bot sie im Nebenzimmer den anderen Männern zum Geschlechtsverkehr an. „Einer nach dem anderen kam rein und hat sich an mir vergangen“, sagt Martha. Bei einer der Vergewaltigungen wurde sie schwanger. Bis heute weiß Martha nicht, wer der Vater ihres ersten Sohnes ist.

Ihr Mann nutzte das Kind als Druckmittel. Immer wieder habe er betont, wie viele Bedürfnisse so ein Kind habe. „Du musst auch was dafür tun“, habe er gesagt, bevor er Martha in sein Auto zerrte und nach Santa Fe fuhr. Der Sohn war da erst ein paar Monate alt. Die Schwester des Ehemanns passte auf ihn auf, während dieser Martha in ein Bordell brachte. „Er sagte dem Besitzer, wann er mich wieder abholen würde und bat darum, mich im Auge zu behalten“, sagt Martha. Dann war sie für Stunden im Bordell gefangen. Jahrelang ging das so. Martha prostituierte sich, weil ihr Mann sie dazu zwang. Wenn sie sich weigerte ins Auto zu steigen, drohte er mit Schlägen. Mehrmals ritzte er ihre Haut mit dem Messer auf. „Viele Stellen meines Körpers sind vernarbt“, sagt Martha.

Viele Frauen haben das Gefühl für ihren eigenen Wert verloren

Dafür schämt sie sich. Als eine der Schwestern von „Red Tamar“ sie auf der Straße zum ersten Mal ansprach, habe sie deshalb schnell einen Pullover übergezogen. Die Schwester trug ihren Habit, Martha fühlte sich schmutzig: „Dass jemand wie sie tatsächlich auf jemanden wie mich zukam, konnte ich nicht glauben.“ Selbst wenn die Schwestern Jeans und Pullover tragen, wie bei den meisten Rundgängen, reagieren viele Frauen so. „Das Gefühl für sich und ihren eigenen Wert haben sie oft verloren“, sagt eine der Schwestern. Beides will „Red Tamar“ sie wieder spüren lassen. Egal, wen sie vor sich haben – die Schwestern sehen mehr als das Äußere. „Wir blicken in sein Inneres, in Herz und Seele eines Menschen“, so eine Schwester. Die sexuelle Identität spielt dabei keine Rolle. „Red Tamar“ arbeitet mit Heterosexuellen genauso wie mit Schwulen, Lesben und Transpersonen – ein Auftrag, der sich aus ihrem katholischen Glauben ergibt. „Am Ende des Lebens wird niemand fragen, wie wir uns sexuell orientiert haben“, sagt eine Schwester. „Was zählt ist, dass wir geliebt haben.“

Aus persönlichen Gesprächen, Gebeten und einem Kosmetikkurs schöpfte Martha den Mut, sich gegen ihren Partner zu wehren: „Ich hatte solche Angst. Ich habe am ganzen Körper gezittert, doch ich habe ,Nein‘ gesagt.“ Einmal und immer wieder.

Der eigene Mann nahm ihr die Würde

2013 schlief sie zum letzten Mal gegen ihren Willen mit einem Mann. Im selben Jahr zeigte sie ihren Ehepartner wegen innerfamiliärer Gewalt an. Nicht nur sie selbst, auch ihre beiden Söhne hatte er geschlagen und mit dem Messer attackiert. Eines Tages zertrümmerte er sogar mehrere Geräte in dem Kosmetiksalon, in dem Martha nach ihrem Kurs gearbeitet hatte. Sie fing danach an, Schokolade und Kekse auf der Straße zu verkaufen.

Letztes Jahr erreichte sie endlich die Scheidung. Der Mann, der ihr die Würde nahm, zog aus. So ordnete es ein Gericht an. Zum Abschied riss er Bilderrahmen von den Wänden und schlug mit Stühlen um sich. Noch immer ist die Wohnzimmerwand beschädigt. Martha will die Löcher stopfen, sobald sie es sich leisten kann. Und dann? Soll ihr Wohnzimmer sich in eine Herberge verwandeln: für Frauen, die versuchen, die Prostitution hinter sich zu lassen. Bei Martha sollen sie Zuflucht finden, solange sie nicht wissen, wohin.