Reichtum auf Sand gebaut

Die Sterberate war hoch: Vor hundert Jahren wurde der erste Diamant in Namibia gefunden

Bonn (DT) Eine Eismaschine inmitten der Einöde. Vielleicht beschreibt dieses Bild am besten den Wahnwitz, der mit dem Namen Kolmanskuppe verknüpft ist – jener Geisterstadt in Namibia, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einer der wohlhabendsten Flecken des ganzen Kontinents galt. Und das, obwohl die von deutschen Kolonisten erbaute Siedlung inklusive Kegelbahn, Kraftwerk und Krankenhaus mit dem ersten Röntgenapparat des südlichen Afrikas an einer der unwirtlichsten Gegenden des Landes entstand: der Wüste Namib.

Ihre Existenz und den sagenhaften Reichtum verdankt die Ortschaft im Hinterland der Lüderitzbucht einem Ereignis, das sich in diesen Tagen zum 100. Mal jährt: Dem Fund des ersten Diamanten in Namibia durch den schwarzen Hilfsarbeiter Zacharias Lewala im Jahr 1908. Ganz sicher sind sich bei dem genauen Datum selbst Spezialisten wie der Historiker Jürgen Zimmerer nicht. Aber dass der Zufallsfund eine ganze Kette von folgenschweren Ereignissen nach sich zog, steht für den Experten von der Universität Sheffield außer Zweifel.

Die Wüste eroberte die Häuser

Denn für den Abbau des begehrten Minerals wurden billige Arbeitskräfte benötigt. Und die hatten die deutschen Kolonialherren in ihrem blutigen Krieg gegen die Völker der Herero und Nama gerade selbst empfindlich dezimiert. Deswegen wurden Wanderarbeiter unter anderem aus dem nördlich gelegenen Ovambo-Gebiet angeworben, um die neu entdeckten Diamantenvorkommen auszubeuten.

Während die bis zu 400 meist deutschstämmigen Bewohner in Jugendstilhäusern ein Leben beinahe wie in der alten Heimat führen konnten, fristeten die einheimischen Billiglohnkräfte ein tristes Dasein in lagerähnlichen Unterkünften, den sogenannten compounds. Unterernährung und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Die 12-Stunden-Schichten an sieben Tagen der Woche forderten ihren Tribut: In den Minen bei Kolmanskuppe lag die Sterblichkeitsrate teilweise bei über zehn Prozent. Prinzip der Wanderarbeit und die damit verbundene monatelange Trennung junger Männer von ihren Familien hatte aber auch noch ganz andere Konsequenzen. In diesem Umfeld nahmen Prostitution und Vergewaltigungen zu und trugen so zur Ausbreitung von Krankheiten bei. Weil Wanderarbeit bis auf den heutigen Tag praktiziert wird, sehen Experten wie Zimmerer darin eine der Ursachen für den dramatischen Verlauf der Aids-Epidemie in Afrika. Aktuell betroffen seien etwa Gebiete im Kongo. Auch dort lagern bedeutende Rohstoffvorkommen. Und auch dort herrscht wegen Kriegen und Landflucht ein großer Arbeitskräftemangel.

Zacharias Lewala scheint nach seinem spektakulären Fund von den schlimmsten Auswirkungen des Diamantenbooms zumindest vorerst verschont geblieben zu sein. Auf dem einzig bekannten Foto blickt ein Mann im dreiteiligen Anzug selbstbewusst in die Kamera. An der Hand führt er ein Pferd, das möglicherweise seinem Chef August Stauch gehörte. Der gebürtige Thüringer hatte als einer der ersten einen Claim in dem Gebiet abgesteckt und beschäftigte Lewala eine Zeit lang als Kutscher. Als britische Truppen während des Ersten Weltkriegs in die damalige Kolonie Deutsch-Südwestafrika einmarschierten, verlor sich Lewalas Spur.

Stauch, seinen Geschäftsfreunden und Mitkonkurrenten hingegen bescherten die Diamantvorkommen rund um Kolmanskuppe über das Kriegsende hinaus ein einträgliches Auskommen, auch als sie in den 1920er Jahren ihre Anteile mehrheitlich an den späteren DeBeers-Konzern verkauften. Die anschließende Weltwirtschaftskrise ging jedoch an vielen Beteiligten nicht spurlos vorüber. Manche hochfliegenden Pläne schmolzen wie Schnee in der Sonne. Mitte der 50er Jahre verließen die letzten Bewohner den Ort. Und die Häuser eroberte der Wüstensand zurück.

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