Feldgeistliche

Priester und Helden

Während die drei U.S. Militärkapläne, die ihr Leben für ihre anvertrauten Soldaten ließen, in Europa unbekannt sind, genießen sie unter amerikanischen Katholiken einen Heiligenstatus.

Pater Emil Kapaun stützt gemeinsam mit einem Soldaten einen verwundeten Kameraden
Dieses Originalbild ist vom koreanischen Schlachtfeld. Es zeigt Pater Emil Kapaun (links), der gemeinsam mit einem Soldaten einen verwundeten Kameraden stützt. Foto: youtube

Sie unterstehen zwar einem Bischof, doch der führt kein geografisch umrissenes Bistum, sondern das so genannte Militärordinariat. Sie haben höchstwahrscheinlich eine militärische Ausbildung genossen, doch kämpfen sie nicht mit konventionellen Mitteln, sondern sie haben die Waffenrüstung Gottes angelegt: Ausgestattet mit dem Schild des Glaubens, dem Helm des Heils, dem Schwert des Geistes erfüllen sie ihre seelsorgerische Pflicht gegenüber den ihnen Anvertrauten, ob in einer Kaserne, im Friedenseinsatz, auf hoher See oder im Feld. Dabei sind sie für alle Soldaten – ob katholisch oder atheistisch – ständige Ansprechpartner in spirituellen Belangen.

Die „Vier Kapläne“

Gerade in Kriegszeiten, etwa während der Schrecken des Zweiten Weltkrieges, in Korea oder im vietnamesischen Dschungel, wuchsen einige von ihnen über sich hinaus und gaben das eigene Leben hin für das ihrer Kameraden. In den Vereinigten Staaten werden Kriegsschiffe nach ihnen benannt, dort ist sogar Vieren von ihnen ein eigener Festtag gewidmet, genannt „Four Chaplains Day“, der jährlich am 3. Februar begangen wird. Bei diesen vier Kaplänen handelte es sich um einen Katholiken, einen Rabbi, einen Methodisten und einen Reformierten der Church of America, die an eben jenem Tag im Februar des Jahres 1943 auf einem ursprünglich zivilen Schiff, das aber für den Transport von Soldaten umgewidmet worden war, ihren Dienst taten, als die SS Dorchester vom Torpedo des deutschen U-Bootes U 223 vor Neufundland so empfindlich getroffen wurde, dass es zu sinken begann.

Pater Kapaun ist im Seligsprechungsverfahren

Die Vier sorgten dafür, dass alle an Bord geordnet und zuverlässig in die Rettungsboote steigen konnten, verteilten vorsorglich die Schwimmwesten, verschenkten ihre eigenen, als das Kontingent erschöpft war und blieben auf dem sinkenden Schiff, um keinen Platz in den Booten zu beanspruchen. Augenzeugen berichten, dass sie einander in den Armen hielten und sangen, wobei auch der lateinische Gesang des Katholiken und der hebräische des Rabbis zu hören war.

So standen sie vereint im Angesicht der Vernichtung und beteten inständig – doch nicht für ihre eigene Errettung, sondern für die schiffbrüchigen Männer in den Rettungsbooten. Ihre Namen lauteten George L. Fox, Rabbi Alexander D. Goode, Father John P. Washington (der Katholik) und Reverend Clark V. Poling. Sie werden die „Unsterblichen Kapläne“ genannt, denn ihr Heldenmut und ihre Aufopferungsbereitschaft haben Generationen von US-Amerikanern als leuchtendes Vorbild gedient. Sie wurden unter anderem für die „Medal of Honor" vorgeschlagen, doch diese Auszeichnung wird nur an Kombattanten, also an Gefechtsteilnehmer, verliehen. So erschuf man im Congress eine besondere Auszeichnung für die vier tapferen Kapläne.

Mit dem Leben bezahlt

Pater Kapaun verwendete die Militärautos als Altar
Pater Kapaun verwendete die Militärautos als Altar für die Feier der Heilige Messe. Foto: youtube

Dabei steht das Beispiel, das diese Männer gaben, bei weitem nicht allein. Für Father Emil Kapaun, als Sohn tschechischer Einwanderer in Kansas geboren, wurde sogar ein Seligsprechungsverfahren eingeleitet. In der Zwischenzeit trägt er den Titel „Ehrwürdiger Diener Gottes“. Jahrzehnte nach seinem Tod an Lungenentzündung in einem Gefangenenlager in Nordkorea verlieh ihm Barack Obama am 2013 posthum als insgesamt neuntem Militärkaplan in der Geschichte die Medal of Honor, denn Father Kapaun hatte Feindkontakt gehabt und sich inmitten eines aussichtslos scheinenden Feuergefechtes zwischen US-amerikanischen und chinesischen Soldaten bei Unsan in Nordkorea ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben für seine verwundeten Kameraden eingesetzt, die er auf seinen Schultern in einen schützenden Unterstand aus Rohr und Stroh trug und dort versorgte.

Er rettete so mindestens 40 Männern das Leben. Mehr noch, Father Kapaun verweigerte den Rückzug, um bei den schwer Verwundeten zu bleiben, die nicht mehr gehen konnten. Und als die Chinesen schließlich den schützenden Unterstand mit Granaten bewarfen, handelte er einen Waffenstillstand aus. Der Preis, den er später für das Leben der verletzten Kameraden zahlte, war sein eigenes. Doch zunächst begann der zermürbende, über 100 Kilometer lange Marsch ins Lager. Father Kapaun tat für seine verletzten Männer, was er konnte, trug manchen Kameraden auf den eigenen Armen. Father Kapaun wuchs nach allen Augenzeugenberichten über sich hinaus. Er betete mit seinen Leuten und las die Heilige Messe, um sie zu stärken.

Essensrationen weitergegeben

Doch er bot seinen Kameraden nicht nur geistliche Stärkung. Bei Streitereien trat der Priester als Vermittler auf und grub mit eigener Hand Latrinen aus, denn die hygienischen Bedingungen waren verheerend. Die Ruhr ging um und die meisten Gefangenen litten unter Mangelernährung. So verteilte Kapaun seine eigene Essensration an Andere, ja er ging sogar auf Beutetour, um für diejenigen, die am meisten litten, etwas Nahrung aufzutreiben, weshalb man ihm den Spitznamen „Dismas, der gute Dieb“ gab, nach dem guten Schächer auf Golgatha. Dieser Hirte gab alles für seine Schafe: Er litt selbst schon bald an Lungenentzündung und Dysenterie, dazu kam ein Blutgerinnsel im Bein. Doch konnte er, trotz seiner eigenen körperlichen Schwäche, für seine Mitgefangenen die Osternachtsliturgie vom 25. März 1951 leiten, voll Vertrauen und im festen Glauben an die Auferstehung des Herrn. Knapp zwei Monate später, am 23. Mai 1951, verstarb Father Kapaun an Unterernährung und Entkräftung, die sich auf seine Lungenentzündung zurückführte. Beigesetzt wurde er in einem Massengrab.

Der 3. Februar ist der Gedenktag der „4 Kapläne“

Neben der erst 2013 verliehenen Medal of Honor wurde dem Militärkaplan bereits vorher eine Vielzahl weiterer militärischer Ehrenauszeichnungen verliehen, darunter auch das „Purple Heart“. Der Mann und Priester, dessen Leben und Wirken, dessen Liebe zu Gott und den Menschen selbst ein Wunder war, soll in der ersten Dekade der 2000er Jahre mindestens drei Heilungswunder bewirkt haben.

Briefmarke, die zu Ehren der vier Kapläne gedruckt wurde.
Im Bilderrahmen ist die Briefmarke zu sehen, die zu Ehren der vier Kapläne gedruckt wurde. Foto: Imago Imagine

Doch er ist nicht der einzige Militärkaplan, mit dessen Fall sich die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse beschäftigt. Father Vincent Capodanno, ein Priester aus Staten Island, New York, geboren am 13. Februar 1929, gehörte dem Maryknoll-Missionsorden an, der 1911 am gleichnamigen Ort in den USA gegründet worden war. Die Maryknoller tragen in den USA auch den respektvollen Spitznamen „Marines of the Catholic Church" (mit Marines ist die gleichnamige Teilstreitkraft der US-Armee gemeint, die für ihre Zähigkeit und Härte bekannt ist). Passend dazu meldete sich Father Capodanno, nachdem er für den Maryknoll-Orden in Taiwan und Hongkong eingesetzt war, wieder als Kaplan für den Einsatz einer Marines Infanterie-Einheit in Vietnam.

Ehrwürdiger Diener Gottes

Es war der 4. September 1967, an dem zwei Platoons seines Bataillons in ein schweres Gefecht mit einem zahlenmäßig weitaus überlegeneren Feind verwickelt und aufgerieben wurden. Father Capodanno eilte unbewaffnet auf das Schlachtfeld, um den verwundeten und sterbenden Marines zu helfen und ihnen die Sterbesakramente zu spenden. Dabei wurde er selbst verletzt, an Arm, Hand und Beinen. Die Sanitäter wollten ihn herausholen, doch er weigerte sich, den Schauplatz des Kampfes zu verlassen. Beim Versuch, drei verletzte Soldaten zu erreichen, die nur wenige Meter von einer feindlichen Gefechtsstellung zu Boden gegangen waren, fand er selbst den Tod. Father Vincent Robert Capodanno wurde neben vielen militärischen Ehrungen ebenfalls der Titel „Ehrwürdiger Diener Gottes" verliehen. Das Seligsprechungsverfahren ist eingeleitet.

Pater Vincent Capodanno
Dieses undatierte Foto zeigt Pater Vincent Capodanno. Foto: youtube

Wenn die USA am 3. Februar traditionell der „Vier Kapläne“ gedenkt, die mit der SS Dorchester untergingen, dann ist das zugleich ein Ehrentag für alle Militärkapläne, die im Dienst fielen oder ihren Dienst noch treu verrichten, ob auf Friedensmission oder indem sie das Licht der Liebe Christi hinab in die Hölle eines Schlachtfeldes zu den stöhnenden und sterbenden Menschen tragen.

 

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