Pilgern ohne Tunnelblick

Eine Tagung auf Burg Rothenfels beschäftigt sich mit dem Thema „Jerusalempilger – Eintreten in die Erinnerung“. Von Johannes Zang
Foto: Zang | Fortbildung in Sachen Jerusalempilgern: Interessierte auf der Tagung auf Burg Rothenfels am Main.
Foto: Zang | Fortbildung in Sachen Jerusalempilgern: Interessierte auf der Tagung auf Burg Rothenfels am Main.

Der Pilgerin Egeria erklärt ihr einheimischer Reiseführer die Pyramiden im vierten Jahrhundert als die Kornspeicher, die Josef für die sieben mageren Jahre habe bauen lassen. Die fromme Nonne aus Westeuropa beschränkt sich bei ihren Reisen auf Christliches, auf Kirchen, Gottesdienste, Mönche und „baut alles in ihr christliches Koordinatensystem ein“. Das erklärte Georg Röwekamp, Direktor und theologischer Leiter des Reiseveranstalters Biblische Reisen den knapp 100 Tagungsteilnehmern. Was er ihren „selektiven Blick“ nannte, umschrieb Professor Klaus Bieberstein von der Universität Bamberg so: „Der Okzident hat sich den Orient nach seinen Bedürfnissen geschaffen.“

Vier Tage lang tauchten knapp 100 Interessierte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol in die Geheimnisse Jerusalems ein, hörten aus Pilgerberichten, ließen sich mit jüdischer und muslimischer Perspektive auf die Heilige Stadt konfrontieren, erfuhren aber auch unter der Fragestellung „Lalibela – ein christliches Jerusalem in Äthiopien?“ etwas über die nordäthiopische Stadt mit ihren Felsen- und Höhlenkirchen. Eingeladen zur Tagung hatte die Burg Rothenfels, in Kooperation mit der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ sowie dem Reiseveranstalter Biblische Reisen, gefolgt waren ihr fast ausnahmslos Interessierte jenseits der 50.

Die alle durch Power-Point-Präsentationen unterstützten Vorträge der „hochkarätigen Tagung“ (Röwekamp) brachten Universitätsniveau in die alten Burggemäuer. Tief tauchte man bei den zwei Vorlesungen von Professorin Angelika Neuwirth von der Freien Universität Berlin in die Bedeutung der Pilgerfahrt und die von Al-Quds, wie die heilige Stadt auf Arabisch heißt, ein. In ihrem Fall waren es tatsächlich Vorlesungen, denn die Referentin hatte krankheitsbedingt absagen müssen. Der stellenweise schwer verständliche Text hielt jedoch auch Amüsantes bereit: Wer weiß schon, dass der Prophet Mohammed bei seiner nächtlichen Himmelsreise von Jerusalem aus bis in den siebten Himmel auf jeder Himmelsstufe einen biblischen Propheten traf? Als der Prophet endlich Gott begegnet, legt ihm dieser – so die Überlieferung – 50 Gebete auf. Beim Abstieg trifft Mohammed Mose, der ihm rät, Gott noch einmal aufzusuchen, um eine Reduzierung zu erwirken, denn seine Gemeinde sei doch „schwach“ und zu 50 Gebeten nicht in der Lage. Mohammed tut, wie ihm geheißen und erreicht schließlich eine Verringerung der täglichen Gebetszahl auf fünf. Selbst diese Zahl hält sein Ratgeber Mose für zu hoch und empfiehlt weiteres Feilschen. Doch Mohammed schämt sich und so bleibt es bei der Fünferzahl.

Immer wieder warteten die Referenten mit für viele Teilnehmer verblüffenden Tatsachen auf, wie etwa diese von Professor Bieberstein, der insgesamt viermal auf der Tagung referierte: In seinem Vortrag „Vorbilder oder Abbilder? Das Heilige Grab und seine Nachbauten“ zeigte oder erläuterte der Bamberger Alttestamentler Nachbauten in Konstanz, Eichstätt, Görlitz oder bei Krakau. Allein in Österreich habe es über 100 Nachbauten des Heiligen Grabes gegeben. Kurios mutete vielen im Publikum dieser Satz aus dem Munde des Professors an: „Alle diese Nachbauten sind älter als das Original in Jerusalem.“ Dieses stammt aus dem Jahre 1808.

Tagungsteilnehmer Klaus Schmitt aus Mainz, früher in der Kirchenredaktion des ZDF tätig, nahm vor allem aus Biebersteins Referaten Anregungen mit. Für ihn hat der Bamberger Theologe „die Erinnerungslandschaften, als die ich auch Galiläa und Jerusalem bezeichne, theologisch, soziologisch und philosophisch so fundiert, dass ich mich sicher fühle, wenn ich das im Heiligen Land an Mitreisende weitergebe.“ Frau Gundula Benoit aus Karlsruhe schätzt an den Tagungen der Burg Rothenfels gerade die Nahbarkeit der Referenten, sie seien „sehr ansprechbar“. Die Tagung insgesamt findet sie nicht „akademisch abgehoben“, gleichwohl jedoch „sehr fundiert“.

Helga Kaiser aus der Redaktion von „Welt und Umwelt der Bibel“ sprach zum Thema des Pilgerns in der Bibel, erklärte dabei gut verständlich die drei jüdischen Wallfahrtsfeste Pessach, Shavuot und Sukkot, die sie als „Infrastrukturmotor” für die Stadt Jerusalems bezeichnete. Heinzgerd Brakmann trat als Referent zweimal in Erscheinung: Jerusalemer Liturgie lautete sein erstes Referat, die Kreuzzüge sein zweites. Auch er sorgte für etliche Aha-Erlebnisse im Publikum: Dass sich etwa Kaiser Wilhelm II. in der Tradition von Kaiser Konstantin sah und an denselben Orten evangelische Kirchen errichten ließ wie jener 1550 Jahre zuvor: in der Nähe des Heiligen Grabes die Erlöserkirche, die „Weihnachtskirche“ in Bethlehem sowie eine evangelische Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg.

Bei allem Blick auf die Geschichte kam die aktuelle Lage in und um Jerusalem nicht zu kurz: Bernhard Schäfer von Brot für die Welt/Berlin ging ebenso auf das Völkerrecht sowie das Leben der Palästinenser unter Besatzung ein wie Sozialgeograph Professor Horst-Günter Wagner.

Die von Achim Budde wortgewandt moderierte Tagung findet eine Fortsetzung – im Herbst und vor Ort, sprich durch eine Reise nach Israel und in die Besetzten Palästinensischen Gebiete. Dabei, versicherte Röwekamp, werde man nicht die Pilgern Egeria nachahmen, sondern den Tunnelblick verlassen, sprich: auch mit einheimischen Christen wie etwa Pfarrer Mitri Raheb in Bethlehem ins Gespräch kommen.

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