Coesfeld

Pfarrer Peter Kossen: Aufrechter Rebell

Corona als Brennglas für Missstände in der Arbeitsmigration.

Sozialpfarrer berät Arbeitsmigranten
Sozialpfarrer Peter Kossen engagiert sich für Arbeitsmigranten. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Mit Schildern wie „Moderne Sklaverei beenden“ und „Würde und Gerechtigkeit statt Ausbeutung“ hat er am vergangenen Wochenende als Ein-Mann-Demo vor dem Werkstor der Firma „Westfleisch“ in der westfälischen Kreisstadt Coesfeld (bei Münster) demonstriert: „Sozialpfarrer“ Peter Kossen aus der ebenfalls im Münsterland gelegenen Kleinstadt Lengerich engagiert sich seit langem gegen die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und in der Fleischindustrie. Die Zahl der positiv auf das Covid-19-Virus getesteten Arbeiter bei „Westfleisch“ in Coesfeld ist inzwischen auf 254 (bei Redaktionsschluss) angestiegen. Daraufhin wurde das Werk, das in den vergangenen Tagen bundesweit in die Schlagzeilen geraten ist, bis mindestens 17. Mai geschlossen.

Untragbare Verhältnisse

Für Pfarrer Kossen legt die Corona-Krise wie unter einem Brennglas die untragbaren Verhältnisse in der gesamten Fleischindustrie bloß. „Diese Menschen arbeiten sechs Tage die Woche und zwölf Stunden am Tag bis zur totalen Erschöpfung“, prangert der Sozialpfarrer an. „Durch das Ausgelaugt-Sein ist ihr Immunsystem geschwächt, so dass sie dem hoch ansteckenden Corona-Virus hilflos ausgeliefert sind, zumal Sicherheitsbestimmungen und Abstandsregeln kaum eingehalten werden können.“ Darüber hinaus ließen die oft engen Wohnunterkünfte Erholung und Regeneration nicht zu, sondern gefährdeten die Gesundheit der Arbeiter zusätzlich – genauso wie Transporte zur Arbeit in vollgestopften Bussen und Bullis. Außerdem sorgten mangelnde Sprachkenntnisse dafür, dass Sicherheitsvorschriften nur bruchstückhaft oder gar nicht bei den meist osteuropäischen Arbeitern ankämen. Bereits vor mehreren Wochen hatte er die nordrhein-westfälische und die niedersächsische Landesregierung in einem offenen Brief auf diese Missstände aufmerksam gemacht, die aber erst jetzt wirklich bundesweite Beachtung finden.

Pfarrer in Lengerich

Kossen wurde 1968 in der niedersächsischen Kreisstadt Wildeshausen geboren und legte 1988 am Gymnasium Antonianum in Vechta das Abitur ab. Von 1988 bis 1993 studierte er in Münster Katholische Theologie und besuchte von 1993 bis 1995 das Priesterseminar in der westfälischen Bischofsstadt. Im Jahr 1996 vom damaligen Bischof Reinhard Lettmann zum Priester geweiht, wurde Kossen nach zwei Anfangsstellen 2004 Pfarrer der neu geschaffenen Großpfarrei St. Christophorus in Emmerich (Niederrhein). 2011 wechselte er ins Bischöfliche Offizialat Vechta, einer weitgehend eigenständigen Einheit im Bistum Münster, um dort Ständiger Vertreter des Offizials, also eine Art Generalvikar, zu werden. Seit 2017 ist Kossen Pfarrer in Lengerich.

Sozial sensibel aufgrund seiner Herkunft

Woher kommt sein entschiedenes Eintreten für die Schwachen, Missachteten und am Rande Stehenden in der Gesellschaft? „Das Thema ,soziale Gerechtigkeit‘ spielte in meiner Familie eine große Rolle, denn meine Vorfahren haben als einfache, sogenannte ,Heuerleute‘ in der Landwirtschaft gearbeitet“, betont der aufrechte Priester. „Auch wurde mir schon früh klar, dass Schule und Bildungsstand nicht von der Begabung, sondern von der Herkunft der Eltern abhängen.“

Als Kossen Pfarrer am Niederrhein wurde, wurde er erstmals auf Fleischfabriken in den Niederlanden aufmerksam, die Arbeitsmigranten prekär beschäftigen und auf deutscher Seite dichtgedrängt in untragbaren Wohnunterkünften leben ließen. 2011 kam der streitbare Geistliche ins Oldenburger Münsterland, das früher einmal ein Armenhaus gewesen war, es aber inzwischen durch intensive Massentierhaltung zu Wohlstand gebracht hatte. „Seit dem Fall der Mauer wurden die vorherigen deutschen Stammbelegschaften der Schlachthöfe durch Osteuropäer – Rumänen, Bulgaren, Ungarn, Tschechen und Polen – mit atypischer Beschäftigung, nämlich Werk- und Leiharbeit ersetzt“, weiß Kossen.

„Sie arbeiten – meist für Subunternehmen – unter schwierigsten Bedingungen und werden ausgebeutet.“ Zusätzliche Dynamik habe das Thema, das viel zu lange unter der Decke gehalten worden sei, durch einen von ihm gestalteten Gottesdienst im Jahr 2012 bekommen, für den er in einer Region, die von der Fleischindustrie lebt, Zustimmung und Widerspruch geerntet habe.

Alternatives Denken und Handeln

„Im Laufe der Zeit bekam ich dann von Gewerkschaften, Betriebsräten und Betroffenen immer mehr Informationen, die sich letztlich wie ein Mosaik zusammensetzten“, erinnert sich Kossen. „Ich habe daraufhin immer stärker darauf gedrängt, dass dieser Bereich um der Menschen und der Gesellschaft willen reguliert werden muss und keine dunkle Parallelwelt sein darf.“

Im Laufe der Zeit wurden Kritik und Widerspruch gegen den „roten Pfarrer“ von Seiten der Wirtschaft, aber auch aus der CDU und der Kirche immer lauter. Der Hauptvorwurf lief darauf hinaus, dass er sich als Priester von den Gewerkschaften instrumentalisieren lasse. „Die Nische, die man der Kirche zugesteht, ist die karitative Beschäftigung, aber nicht die Infragestellung ungerechter Strukturen“, bedauert Kossen, der selbst von der politischen Theologie Johann Baptist Metz? geprägt ist. Auch in einer Demokratie und einer sozialen Marktwirtschaft dürfe die Kirche sich nicht zu schnell mit den Verhältnissen arrangieren und denkfaul einfach Vorgegebenes übernehmen. „Wir lassen uns zu sehr vereinnahmen und scheuen uns, offen unsere Meinung zu sagen“, bemängelt Kossen. „Dadurch drohen wir käuflich zu werden, statt alternativ zu denken und zu handeln.“

Würde und Gerechtigkeit

In seiner Lengericher Zeit trat eines Tages eine Erzieherin an Peter Kossen heran und wies ihn auf skandalöse Verhältnisse in Sammelunterkünften hin. Mit einer Veranstaltung im Oktober 2018, bei der über die prekären Verhältnisse von Arbeitsmigranten aus der Fleischindustrie und dem Dienstleistungssektor aufgeklärt wurde, stieß Kossen beim örtlichen Bürgermeister und bei der Kommune auf Offenheit. Daraufhin gründete er den Verein „Würde und Gerechtigkeit“, der den betroffenen Arbeitnehmern helfen, die Öffentlichkeit sensibilisieren und gegebenenfalls auch juristische Unterstützung und Beratung gewähren soll. „Die Gesellschaft übersieht allzu leicht, dass nicht nur die Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie, sondern auch in der Landwirtschaft, bei Paketdiensten, im Reinigungsgewerbe und in Privathaushalten ausgebeutet werden“, mahnt der Pfarrer.

Nicht nur in Coesfeld droht eine Tragödie

Tatsache ist: Durch die Zustände im Coesfelder „Westfleisch“-Werk und in anderen Betrieben ist inzwischen die ganze Fleischbranche in Verruf geraten. In ganz NRW hat Minister Laumann inzwischen alle 20 000 Schlachthof-Mitarbeiter auf Covid-19 testen lassen; außerdem sollen alle Sammelunterkünfte von Mitarbeitern der Fleischindustrie sowie von Erntehelfern auf die Einhaltung von Hygienestandards hin überprüft werden. „Coesfeld ist nur der Anfang, und es ist nur eine Frage von Tagen, bis weitere Unternehmen Schauplatz dieser menschlichen Tragödie sind“, warnt Peter Kossen. „Was wir brauchen, das ist ein Systemwechsel.“ Immerhin: Wie von ihm schon länger gefordert, sind jetzt auch in Niedersachsens Schlachthöfen umfangreiche Corona-Tests geplant.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .