Nairobi

Ohne Schutz?

Das Coronavirus hat längst auch die Armenviertel Afrikas erreicht.

Corona in Afrika
Auch Kinder gehören in Afrika zu den Leidtragenden der Pandemie. Foto: Miserior

Es ist ein unsichtbarer Stadtteil, auf manchen offiziellen Stadtplänen existiert dieser Dschungel aus Wellblechdächern und Lehmhütten nicht. Nur ein paar Kilometer entfernt vom glitzernden Stadtzentrum Nairobis, versteckt vor den Blicken der Touristen und den Einwohnern der kenianischen Hauptstadt, drängen sich im Mathare Valley-Slum etwa 500 000 Menschen auf kleinster Fläche zusammen. Ohne Strom oder fließendes Wasser, mit Abwasserrinnsalen im rötlich lehmigen Boden zwischen den Hütten, die in der Regenzeit zu stinkenden Bächen voller Unrat werden.

Hygienestandards schwer einzuhalten

Das Coronavirus hat längst auch die Armenviertel Kenias erreicht. Körperliche Distanz und Mund-Nasenbedeckung, Anzahl von Kontaktpersonen reduzieren, Husten- und Niesen-Etikette praktizieren sowie regelmäßig und gründlich die Hände waschen: Kaum möglich ist es, diese hierzulande üblichen Hygienekonzepte in die Tat umzusetzen. Mit Blick auf die Coronavirus-Pandemie stehen die Menschen in Afrika nach Angaben des Bischöflichen Hilfswerks Misereor vor drei immensen Herausforderungen: In Schulen sind die Hygienemaßgaben kaum umzusetzen. Zudem ergeben sich im Alltag viele weitere Situationen, in denen Mindestabstand und Hygiene kaum eingehalten werden können. Schließlich gibt es neben Covid-19 eine Reihe von weiteren Krankheiten, die für die Menschen bisher noch weitaus bedrohlicher sind – deren Bekämpfung nun aber in den Hintergrund tritt.

Erkrankte Menschen meiden den Weg zum Arzt

Jutta Himmelsbach, Referentin für Wasserversorgung und Wasserwirtschaft bei Misereor, erinnert daran, dass in Afrika Schulkinder vielfach unter Bedingungen unterrichtet werden, die einen Schutz vor dem Virus kaum möglich machen. „Oft müssen sie sich zu viert eine Bank teilen, sitzen mit 60 Mitschüler/innen oder mehr in einem Klassenraum. Und dort gibt es keinen Mindestabstand, keine Masken und kein Wasser zum Händewaschen, von Desinfektionsmittel ganz zu schweigen.“ Aus diesem Grund bleibe den Regierungen in der Regel nur die Möglichkeit, den Schulbetrieb zu schließen, die für sämtliche Entwicklungsprozesse so wichtige Bildung komme somit zum Erliegen. Schon frühzeitig haben Länder wie Ruanda, die Demokratische Republik Kongo oder Nigeria zumindest zeitweise ihre Bildungseinrichtungen geschlossen – ohne wirkliche Möglichkeiten des Hausunterrichts aufbauen zu können. Die Alternativen hier sind also, ein hohes Infektionsrisiko in Kauf zu nehmen oder den Zugang zu Bildung einzuschränken. Bei Letzterem ist damit zu rechnen, dass hauptsächlich Mädchen die Leidtragenden sein werden.

Wasser und Strom sind oft Mangelware

Probleme sieht die Expertin auch in zahlreichen Krankenstationen afrikanischer Staaten, in denen es gleichfalls häufig an Wasser und Strom mangelt und eine Toilette oft für zwanzig und mehr kranke Personen reichen muss.

Viele Gesundheitseinrichtungen stehen deshalb vor der Frage, wie sie hier ausreichende Hygiene gewährleisten können. Genau wie es in Deutschland festgestellt wurde, gibt es Anzeichen, dass erkrankte Menschen derzeit tendenziell Gesundheitseinrichtungen meiden, um sich vor einer Ansteckung zu schützen – mit all den daraus erwachsenden Gesundheitsproblemen, ob in der Mutter- und Kindbehandlung oder in der medikamentösen Versorgung von chronisch Kranken. Krankheiten aber werden nicht warten.

Seit 2010 haben die Vereinten Nationen eine gesicherte Wasserversorgung als Menschenrecht offiziell anerkannt. Jederzeit genug sauberes Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen – davon können viele Afrikaner jedoch nur träumen. Im Alltag ist der Zugang zu fließendem Wasser nach wie vor ein mühseliges Unterfangen. Dabei steht in Kenia das Recht auf Zugang zu Trinkwasser sogar in der Verfassung. Sambia ist im Vergleich zu anderen Ländern des südlichen Afrikas zwar besonders reich an Wasser. Trotzdem ist das Menschenrecht auf Wasser vor allem für die arme Bevölkerung nicht gesichert. Rund 15 Prozent der städtischen und 40 Prozent der ländlichen Bevölkerung haben keinen Zugang zu Trinkwasser.

Der lange Weg zur Quelle

In fast allen afrikanischen Ländern muss ein Großteil der Menschen sich das kostbare Nass an öffentlichen Zapfstellen holen. „Dort warten in der Regel Frauen und Mädchen in langen Schlangen, damit sie ihren Kanister füllen können. Sie können je nach Alter zehn, 15 bis zu 25 Liter tragen. Das ist die Menge Wasser, die ein Mensch pro Tag zum Trinken und für die persönliche Hygiene und den häuslichen Bedarf benötigt“, erläutert Misereor-Wasserexpertin Jutta Himmelsbach. Das bedeute, dass in Corona-Zeiten noch häufiger Wasser geholt werden müsse. „Also folgt daraus: noch längere Schlangen, noch mehr Schlepperei.

Je weiter die Wasserquelle entfernt, je unsicherer die Wasserquelle, je größer der zusätzliche Aufwand ist, die eigene Familie unter Corona-Bedingungen zu versorgen, umso weniger gewährleistet ist die notwendige Wasserversorgung der Haushalte.“ Ein regelmäßiges Händewaschen wird da illusorisch. „Was uns jetzt hier im Norden des Erdballs über die Corona-Pandemie zurück ins Bewusstsein kommt, ist für Menschen in vielen Ländern des Südens Alltagswissen: Sichere Wasserversorgung bedeutet Gesundheit“, betont Jutta Himmelsbach.

Um die Verbreitung des Virus aufzuhalten, gelten inzwischen in weiten Teilen des Kontinents Ausgangssperren – viele national, manche regional. Afrikanische Regierungen verhängen sie – wohl wissend, dass Millionen Menschen in den Armenvierteln wie in Mathare als Tagelöhner arbeiten und nun Hunger leiden. Die Gefahr sozialer Unruhen wächst und die wirtschaftlichen Folgen sind desaströs. Viele Menschen haben einhergehend mit den Lockdown-Bestimmungen überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Geld zu verdienen und sind zudem abhängig von Überweisungen Familienangehöriger aus dem Ausland. Auch diese haben nun nicht mehr die Möglichkeit, Geld zu verdienen und Angehörige finanziell zu unterstützen.

Die Ärmsten sind besonders betroffen

Doch auch wer noch Reserven hat, kann sich nicht zwangsläufig auf lange Sicht genügend Nahrung leisten. Globale Transportketten kommen aufgrund der Pandemie zum Stillstand, Lieferketten werden unterbrochen.

Beispiel Kenia: Alle Flughäfen bleiben vorerst bis einschließlich 6. Juli für den regulären internationalen Flugverkehr geschlossen. Das erschwert nicht nur, Produkte überhaupt erst an ihr Ziel zu bringen, sondern treibt auch die Preise in die Höhe. Nach Ansicht von Sabine Dorlöchter-Sulser, Ernährungs- und Landwirtschaftsexpertin aus der Afrika-Abteilung von Misereor, gibt es aus einigen Ländern schon Hinweise auf deutliche Teuerungen auf den lokalen Wochenmärkten. Besonders betroffen sind demnach diejenigen, die „von der Hand in den Mund“ lebten und keine Rücklagen hätten, auf die sie zurückgreifen könnten, sagte sie der „Tagespost“.

Im dicht besiedelten Slum sind durch Mangelernährung, Malaria oder Tuberkulose vorbelastete Menschen dem Coronavirus fast wehrlos ausgesetzt. Die engen Kontakte in Mathare innerhalb der Großfamilien machen „social distancing“ schwierig, wenn nicht unmöglich. Selbst-Isolation oder Quarantäne ist schwer denkbar. Und zum Händewaschen fehlen oft das Wasser und das Luxusgut Seife.

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