Nur Friede entschärft die Fronten

Der libanesische Erzbischof Flavien Joseph Melki zur Syrienkrise: „Mentalität im Nahen Osten muss sich radikal ändern“
Foto: dpa | Millionen sind auf der Flucht: Ein syrischer Junge mit Essenspaket.
Foto: dpa | Millionen sind auf der Flucht: Ein syrischer Junge mit Essenspaket.

Flavien Joseph Melki ist emeritierter Erzbischof der mit Rom unierten Syrisch-antiochenischen Kirche. Im Interview mit Berthold Pelster vom weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ spricht der im Libanon lebende Geistliche über die Situation in Syrien und über die Rolle des Auslands im syrischen Bürgerkrieg

Herr Erzbischof, Millionen von Menschen aus Syrien sind auf der Flucht, viele sind in den Libanon geflüchtet. Wie geht es den Flüchtlingen dort?

Nach dem, was ich gelesen habe, sind aktuell drei Millionen syrische Flüchtlinge im Land. Nach einer Zählung des Kommissariats der Vereinten Nationen sind es 1,2 Millionen Flüchtlinge, wobei noch gar nicht alle gezählt sind. Es gibt noch viel mehr Flüchtlinge, die aber nicht in den von den Vereinten Nationen erfassten Flüchtlingslagern leben. Unter den Flüchtlingen sind etwa 10 000 christliche Familien, die allen orientalischen Kirchen angehören. Darunter sind etwa 3 000 Familien aus unserer Kirche. Wir bemühen uns, ihnen einen Unterschlupf zu bieten und sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Für uns Christen und alle, die unter der Kriegssituation in ihrem Land leiden, ist es eine Katastrophe.

Der Krieg in Syrien ist für manche Beobachter ein Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Kann man das so sagen?

Am Anfang war es kein Religionskrieg, aber je länger der Krieg andauert, desto mehr wird er den Hass zwischen den Konfessionen vertiefen. Zu Beginn war es ein Schrei nach Freiheit, Gleichheit und Teilhabe an der Macht. Aber je länger der Konflikt andauerte, hat er sich zu einem Krieg zwischen der muslimischen Mehrheit und Minderheit entwickelt. Die Sunniten kämpfen gegen die Alawiten. Andererseits gibt es auch Angriffe auf Christen.

Welche Rolle spielen in diesem Konflikt regionale Mächte wie etwa der Iran oder Saudi-Arabien?

Diese Länder spielen eine große Rolle, weil sie gegensätzliche Interessen haben. Wir wissen, dass Syrien schon seit langer Zeit, schon zu Zeiten von Baschar al-Assads Vater, einen Friedensvertrag und ein Bündnis mit dem Iran geschlossen hat. Syrien ist der Verbündete Irans. Und auch schon seit langer Zeit wird die sozialistische Baath-Partei aufgrund ihrer politischen Nähe zu Russland von den Russen mit Waffen beliefert.

Wie groß ist speziell die Gefahr für den Libanon, dass der Krieg übergreift?

Der Libanon gehört zu dieser Region, und das, was in dieser Region passiert, hat auch einen Einfluss auf den Libanon selbst, der sich aus verschiedenen Konfessionen zusammensetzt. Wir wissen, dass die Hisbollah, ein Teil der schiitischen Armee, 500 000 Mann stark, die Macht Assads und der Baath-Partei stützt. Diese Situation hat eine Gegenreaktion bewirkt. Die Sunniten haben sich vereint, um zu zeigen, dass auch sie ein Recht auf ihre Milizen haben. Weil die Schiiten, die Armee der Hisbollah, Kämpfer nach Syrien entsendet, senden die Sunniten jetzt auch Waffen und Soldaten, um gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Als Auswirkung gibt es auch im Libanon unter den beiden Konfessionen Auseinandersetzungen. Das verursacht Aufruhr und Unsicherheit im ganzen Land. Die libanesische Armee hat versucht einzugreifen, die Waffen einzusammeln, aber es gelingt ihr nicht. Das Ausland, unter anderem Saudi-Arabien, unterstützt diese Unruhen finanziell und mit Waffen.

Was könnte getan werden, um diesen Konflikt einzudämmen?

Um die Situation zu ändern, muss man mit dem Konflikt aufhören. Solange der Konflikt andauert, ist es umso schwieriger, einen Waffenstillstand zu erzwingen. Die Verantwortung geht wieder zurück an die, die den Krieg begonnen haben.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass nach einem Sturz von Assad ein islamistisches Regime an die Macht kommt?

In keinem arabischen und islamischen Land gibt es Demokratie. Dieser Grundbegriff bleibt der Mentalität dieser Region fremd. Während der gesamten Geschichte des modernen Syrien ist das Assad-Regime dasjenige, das Minderheiten am meisten respektiert. Niemand wurde bevorzugt, aber allen wurden ihr Recht und ihre Würde zugesprochen. Wir können sagen, dass die Christen während der letzten 40 Jahre in Syrien Freiheit und Gleichheit genossen haben: Weil die syrische Baath-Partei, ein laizistisches Regime, sich niemals in Religionsangelegenheiten einmischt, jegliche Glaubensrichtung respektiert. Sie bevorzugt keine Religion vor der anderen. Und das gefällt vermutlich einigen Ländern nicht.

Sehen Sie irgendwo in der islamischen Welt eine politische Alternative zum fundamentalistischen politischen Islam?

Ich glaube, die arabisch-muslimischen Länder sind noch nicht soweit, Religion und Staat auseinanderzuhalten. Die Religion wird immer der politischen Macht übergeordnet, weil die Scharia im Gesetz verankert sein muss. Solange es das islamische Gesetz gibt, gibt es keine Religionsfreiheit. Ein Christ kann sich unter diesen Umständen niemals Muslimen entgegenstellen, es sei denn, er wird selbst Muslim. Ein Muslim kann niemals Christ werden. Diese Mentalität muss sich im Nahen Osten radikal ändern. Das kann nur durch die zukünftigen Generationen verwirklicht werden. Die Ignoranz und der Analphabetismus regieren noch in all diesen Ländern. Die Ignoranz ist der Feind jeglichen Fortschritts. Es ist unmöglich voranzuschreiten, solange die Bevölkerung ignorant ist.

Würden Sie also sagen, dass der Islam reformiert werden müsste?

Der Islam kann nicht reformiert werden, weil der Islam sich auf den Koran gründet, und der Koran ist unantastbar. Er ist für den Islam ein Buch, das von Gott inspiriert ist. Das, was im Koran gesagt ist, kann daher nicht verändert werden. Aber man kann eine Veränderung bei der islamischen Bevölkerung erhoffen, sofern man Religion und Politik nicht vermischt.

Viele junge Menschen wollen auf diese Veränderung nicht warten und wandern aus. Was bedeutet das für das Christentum im Orient?

Christen, die die ursprünglichen Einwohner dieses Landes sind, die schon lange vor dem Islam da waren, verlassen ihr Land nicht leichten Herzens. Aber wegen der Gewalt, des Krieges und der Armut werden sie gezwungen, ihr Land zu verlassen. Aber solange wir Hirten und verantwortlich für die Christen sind, ermutigen wir die Jugendlichen, ihre Heimat nicht zu verlassen, weil wir noch eine religiöse Mission erfüllen müssen.

Am 7. September hat Papst Franziskus tausende Gläubige eingeladen, mit ihm zusammen auf dem Petersplatz in Rom für den Frieden zu beten. Welchen Eindruck hat diese Gebetsaktion auf Sie im Orient gemacht?

Die Initiative war eine Überraschung für die ganze Welt. Wir Christen sind unserem Heiligen Vater sehr dankbar, dass er uns ermutigt hat, Gott um Hilfe zu bitten, um das Wirken des Heiligen Geistes zu bitten in diesem Konflikt, der eine ganze Region destabilisiert. Nicht nur die Christen sind dankbar, sondern auch die syrischen Muslime. Selbst der Mufti in Damaskus hat seine Gläubigen gebeten, mit den Christen solidarisch zu sein, zu beten und zu fasten für den Frieden. Und der Papst hat weder die eine noch die andere Seite unterstützt, er hat einzig einen Waffenstillstand eingefordert. Solange dieser sinnlose, absurde Krieg fortdauert, gibt es noch mehr Tod, noch mehr Leiden, noch mehr Zerstörung und noch mehr Böses. Ich denke, die USA und Europa haben die Stimme des Papstes gehört. Sie sind aufgefordert, die Lage nicht mehr weiter aufzustacheln und nicht mehr zum Krieg aufzurufen.

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