„Nie aus der Beziehung fallen“

Für ein Sterben in Würde: Bundesweite Eröffnung der Woche für das Leben in Hamburg. Von Peter Winnemöller
Foto: KNA | Von links: Bischöfin Kirsten Fehrs, Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof Stefan Heße, und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm mit der pflegerischen Leiterin, Cornelia Hlawatsch, beim Besuch der Palliativstation des ...
Foto: KNA | Von links: Bischöfin Kirsten Fehrs, Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof Stefan Heße, und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm mit der pflegerischen Leiterin, Cornelia Hlawatsch, beim Besuch der Palliativstation des ...

Sterben in Würde“ lautet das Thema der diesjährigen Woche für das Leben, die am Samstag bundesweit eröffnet wurde. In Hamburgs Hauptkirche St. Katharinen fand hierzu ein ökumenischer Gottesdienst statt. Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender der EKD, Erzbischof Stefan Heße (Hamburg) und Bischöfin Kirsten Fehrs (Evangelische Kirche Hamburg-Lübeck) stellten damit die gesellschaftliche und politische Debatte über den assistierten Suizid sowie den Umgang mit schwer kranken und sterbenden Menschen in dem Mittelpunkt. Sowohl die katholische Kirche als auch die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sprachen sich deutlich gegen alle Maßnahmen aus, die geeignet sind, Leben vorzeitig durch aktive Maßnahmen wie Euthanasie oder Beihilfe zum Suizid zu beenden.

In seiner Einführung zum Gottesdienst wies Kardinal Marx auf die Notwendigkeit einer breiten gesellschaftlichen Debatte zum Thema Tod und Sterben hin. Weitestgehend aus dem privaten Umfeld verdrängt, finde Sterben heute in Kliniken und Pflegeheimen statt. Kritik übte der Kardinal an einer Kultur, die sterbenden Menschen, unter „Vorspiegelung einer Autonomie bis zuletzt, den Schierlingsbecher zu trinken als Akt der Humanität“ anbiete. „Wir brauchen“, so betonte er, „Ärzte, die Menschen heilen und bis zum Tod begleiten, aber keine Ärzte, die Menschen töten.“

Eine Kultur des Sterbens, die nicht von Angst geprägt sei, forderte Landesbischof Bedford-Strohm in seiner Predigt. „In Würde zu sterben, heißt eben nicht alle Optionen zu haben, sich jederzeit selbst töten zu können.“, so Bedford-Strohm, „In Würde zu sterben heißt nie, aus der Beziehung zu Gott und den Menschen herauszufallen.“

Der Gottesdienst in St. Katharinen war gut besucht, mehrere hundert Gäste aus Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften nahmen daran teil. Dass das Thema derzeit viele Menschen beschäftigt, zeigte sich auch in dem anschließenden Podium, das in der Katholischen Akademie vor voll besetztem Auditorium stattfand.

Auf dem Podium begrüßte der Moderator Christian Geyer (FAZ) Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Reinhard Kardinal Marx, Prof. Dr. Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Universität München, und Dr. Michael de Ridder, Notfallmediziner und Geschäftsführer des Klinikkonzerns Vivantes. Floskeln könnten in der Frage nach einem Sterben in Würde nicht helfen, betonte Erzbischof Heße als Gastgeber zur Einführung der Diskussion. Hier sei die Aufgabe, mit den Menschen auszuhalten, auch bis zum bitteren Ende. Schon der Name Gottes („Ich bin der ich bin da“) verpflichte die Kirche dazu, ebenfalls „da“ zu sein, so der Erzbischof.

Armin Nassehi stellte in seinem ersten Beitrag fest, dass es ein „Paradoxon der Selbstbestimmung“ gebe. Menschen redeten immer dann von Selbstbestimmung, wenn diese an Grenzen komme. Grenzen, so der Soziologe, einmal in Bereichen, wo Selbstbestimmung fraglich sei (zum Beispiel bei Sterbenden) und dort, wo wir erwarten, dass die Menschen selbstbestimmt das Richtige tun. Landesbischof Bedford-Strohm ergänzte dies durch eine Kritik am Begriff Selbstbestimmung, indem er betonte, dass das Reden davon auch immer den gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen müsse. Als Beispiel nannte er Menschen, die öffentlich den Wunsch äußerten, sich aus Angst vor Demenz selbst töten zu dürfen, weil sie nicht verblöden wollten. Dies sei ein vernichtendes Urteil über Menschen, die sich genau in dieser Situation befänden und das ganz anders empfänden: nämlich nicht, dass sie mit verblödeten Menschen zusammenlebten.

Michael de Ridder behauptete, die Würde des Menschen sei zwar im Grundgesetz festgeschrieben, jedoch nicht definiert. Die Definitionshoheit stehe nur dem einzelnen Menschen als Grundrechtsträger zu. Damit begründete er die für ihn notwendige Zulassung der Hilfe beim Suizid, wenn ein Mensch dies wolle. Dem widersprach Kardinal Marx, indem er betonte, die Konzeption von Würde eines Menschen sei unabhängig vom Einzelnen. Nur weil jemand zum Beispiel verkünde, wenn er dement werde, verliere er seine Würde, gebe uns dies nicht das Recht, ihn zu töten. Armin Nassehi, betonte daraufhin, man müsse Dissens zulassen. Er forderte die Kirchen auf, im gesellschaftlichen Dialog ihre Positionen offensiver zu vertreten.

Im Schlusswort zu der zum Teil sehr emotional geführten Diskussion forderte Bischöfin Fehrs den Mut, das Sterben eines Menschen „unbeschreiblich zu lassen“. Den letzten Schritt gehe jeder Mensch für sich. „Die Würde des Sterbens braucht diesen Raum der Individualität“, betonte sie. Sie forderte „eine Ars moriendi 2015, die den Mut hat zu wissen, dass mein Leben endlich ist trotz aller Medizin“. Nach der Diskussion besuchten Marx, Bedford-Strohm, Heße und Fehrs noch gemeinsam eine Palliativstation in einer Hamburger Klinik.

Die Woche für das Leben findet jährlich statt und wird gemeinsam von DBK und EKD veranstaltet. Der Bundestag wird voraussichtlich im Herbst über Gesetzentwürfe zur Sterbebegleitung und Suizidbeihilfe entscheiden.

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