Neonazis gab es auch in der DDR

Schlägereien vor allem in den achtziger Jahren – Podiumsdiskussion in Berlin über Wurzeln rechter Gewalt. Von Josefine Janert
Foto: Janert | Diskutierten in Berlin über Neonazis in der DDR (von links): Patrice G. Poutrus, Anetta Kahane, Bernd Wagner, Beate Küpper.
Foto: Janert | Diskutierten in Berlin über Neonazis in der DDR (von links): Patrice G. Poutrus, Anetta Kahane, Bernd Wagner, Beate Küpper.

Berlin (DT) Welche Wurzeln hat rechte Gewalt heute in der Bundesrepublik in der damaligen DDR? Seit der Mordserie der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ aus Zwickau entbrennt erneut die Debatte über diese Frage. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und das Bildungsportal deinegeschichte.de luden am Montag in Berlin zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion dazu ein. Das Podium gab viele Antworten: Neonazis aus Ost und West ergänzten sich nach der Wiedervereinigung auf unheilvolle Weise. Sie lernten voneinander. Die in der DDR hatten es geschafft, unter Beobachtung eines rigiden Staatsapparates zu überleben. Die aus dem Westen brachten ihr organisatorisches Wissen mit: Wie nutzt man Vorzüge der Demokratie, obwohl man selbst Demokratie nicht anstrebt?

Auf dem Podium saßen die Psychologie-Professorin Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein und drei Menschen mit DDR-Sozialisation. Jeder für sich hätte einen interessanten Abend gestalten können: Der Historiker Patrice G. Poutrus, geboren 1961, beschäftigt sich seit Jahren persönlich und wissenschaftlich mit Fremdsein in der DDR. Anette Kahane kam 1954 als Kind jüdischer Eltern zur Welt. Diese waren vor den Nazis ins Ausland geflüchtet und nach dem Krieg voller Elan zurückgekehrt. Sie wollten den „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit aufbauen. Kahane verpflichtete sich als Zwanzigjährige zur inoffiziellen Mitarbeit bei der Staatssicherheit. 1982 wandte sie sich von dieser und später auch von der DDR ab. Nach der Wende war sie die erste und einzige Ausländerbeauftragte des Magistrats von Berlin. So hieß das Verwaltungsorgan der DDR-Hauptstadt. Heute leitet Anetta Kahane eine Stiftung, die nach dem ersten Todesopfer rassistischer Gewalt im vereinten Deutschland benannt ist: dem Angolaner Amadeu Antonio.

Auch Bernd Wagner, Jahrgang 1955, hatte sich in jungen Jahren für die DDR begeistert. Als Volkspolizist und Kriminologe ermittelte er in den achtziger Jahren in Ostberlin die Straftaten von Neonazis. Im Jahr 2000 gründete er mit dem ehemaligen Neonazi Ingo Hasselbach „Exit“. Diese Initiative hilft Rechten beim Ausstieg aus der Szene.

Die Psychologin Küpper präsentierte zunächst eine Studie über „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ in Ost und West. Mit dem Wortungetüm sind abwertende Haltung gemeint, die Bürger in Deutschland über andere Menschen und deren tatsächliche oder vermeintliche Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe einnehmen. Seit 2002 erhebt ein Meinungsforschungsinstitut bei Menschen ab 16 Jahren regelmäßig repräsentative Umfragen über deren Haltung zu Juden, Ausländern, Frauen, Behinderten, Obdachlosen. Das Ergebnis: Menschen aus den neuen Bundesländern denken nicht prinzipiell schlechter über ihre Mitmenschen. Antisemitismus war laut Küpper zu Beginn der Erhebung sogar weniger verbreitet als im Westen. Abwertende, sexistische Äußerungen über Frauen kommen bis heute seltener vor. Jedoch gibt es mehr Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber Sinti und Roma, Behinderten und Obdachlosen.

Küpper sieht darin unter anderem eine Folge der autoritären Erziehung in der DDR. Auch hätten Ostdeutsche immer noch weniger Kontakt zu Ausländern als Westdeutsche. Paradoxerweise zeigt sich überall in Deutschland, dass Menschen weniger fremdenfeindlich sind, je enger ihre Kontakte zu Menschen aus anderen ethnischen Gruppen sind. Die Ablehnung von Fremden ist nach Küppers Ansicht auch eine Folge dessen, dass sich viele Ostdeutsche gegenüber Westdeutschen immer noch „als Bürger zweiter Klasse“ fühlen. „Ich rutsche selber ein bisschen nach oben, wenn ich andere Menschen abwerte“, versuchte die Psychologin eine Erklärung.

Welche Ressentiments zeigten sich nun im DDR-Alltag? Die DDR-Führung hielt das Problem Faschismus für erledigt – seit Kriegsende. Alte und neue Nazis gab es laut DDR-Medien nur im Westen. Zu den einschlägigen Jahrestagen ließ die DDR ihre Antifaschisten hochleben. Das waren vor allem Menschen, die sich am kommunistischen Widerstand gegen die Nazis beteiligt hatten und deren Ansichten der Parteilinie entsprachen. Anetta Kahane wuchs in einer Familie auf, die in dieses Bild passte. Trotzdem habe sie sich nie heimisch gefühlt, erzählte sie. Ihr jüdisches Glaubensbekenntnis verbargen ihre Eltern weitgehend vor der Öffentlichkeit. Als junge Frau erlebte Kahane, wie Gastarbeiter aus Afrika und Flüchtlinge aus Lateinamerika ablehnend, ja feindselig behandelt wurden. Anfang der achtziger Jahre prügelten Neonazis in Ostberlin auf Schwarze und Homosexuelle ein. Kahane versuchte, in ihrer jüdischen Gemeinde Mitstreiter für eine Aktion gegen die Gewalt zu finden, jedoch ohne Erfolg.

Bernd Wagner war in den siebziger Jahren Soldat bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Ein paar junge Männer redeten sich untereinander mit SS-Dienstgraden an. Sie terrorisierten andere Soldaten – Homosexuelle und Männer, die ihrem Ideal von Männlichkeit nicht entsprachen. Sie mobbten auch Personen, die sich offen zur Politik der SED bekannten – wie Bernd Wagner. „Wir haben uns oft geprügelt“, erinnerte er sich. Erst nach langem Zögern schaltete jemand den Militärstaatsanwalt ein, der gegen die Gruppierung vorging.

Mit Anetta Kahane stimmte Bernd Wagner darin überein, dass rechte Gewalt in der DDR in den achtziger Jahren zunahm. Die Neonazis organisierten sich nicht nur in der DDR. Sie trafen ihre „Kameraden“ in einem bestimmten Lokal in Prag. In Ostberlin randalierten auch ungarische Neonazis – und zerlegten dabei eine Gaststätte.

Ihren Höhepunkt erreichte die Gewalt am 17. Oktober 1987. Rund dreißig Skinheads griffen etwa 2 000 Besucher eines inoffiziellen Punk-Konzerts an. Diese hatten sich in der evangelischen Zionskirche in Ostberlin versammelt. Stasi und Volkspolizei hatten schon vorher auf konspirativem Weg Informationen über den bevorstehenden Gewaltexzess erhalten. Obwohl sie vor Ort waren und obwohl Konzertbesucher Polizisten um Hilfe baten, griffen diese nicht ein. Einige Menschen wurden schwer verletzt. Die DDR-Justiz ging zunächst zögerlich gegen die Täter vor. Das brachte ihr sogar in den offiziellen DDR-Medien Kritik ein. In Berufungsverhandlungen erhielten die Neonazis daraufhin höhere Freiheitsstrafen.

Sofern sie sich bei ihren Gewalttaten nicht erwischen ließen und auch nicht versuchten, zu Gleichgesinnten in der Bundesrepublik Kontakt aufzunehmen, galten Neonazis bei ihren Vorgesetzten in den DDR-Betrieben als angepasste Kollegen: Sie kamen pünktlich, arbeiteten diszipliniert und fleißig. „Abgesehen von ihren Straftaten waren sie damit ideale Heranwachsende in der DDR“, sagte Patrice G. Poutrus ironisch.

In der Diskussion ging es auch darum, wie die junge Bundesrepublik die Folgen des Nationalsozialismus bewältigte. Jüdische Bürger wurden dort in den fünfziger Jahren regelmäßig angegriffen, Synagogen und Friedhöfe beschmiert. Männer mit Nazivergangenheit arbeiteten im Bundeskriminalamt. Nicht allein die Ostdeutschen hatten oder haben also ein Problem. Dennoch hatte die Psychologin Beate Küpper zuletzt Tröstliches parat: Die meisten Menschen in Deutschland wenden sich gegen Rassismus. „Da gibt es keine Unterschiede zwischen Ost und West“, sagte Küpper.

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