„Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“

Früherer US-Präsident Ronald Reagan wäre morgen 100 Jahre alt geworden Von Thomas Emons
Foto: dpa | Ronald Reagan bei seiner berühmten Rede vor dem Brandenburger Tor 1989, rechts Alt-Kanzler Helmut Kohl.
Foto: dpa | Ronald Reagan bei seiner berühmten Rede vor dem Brandenburger Tor 1989, rechts Alt-Kanzler Helmut Kohl.

Würzburg (DT) Der 2004 verstorbene Ronald Reagan wäre morgen, Sonntag, 6. Februar, 100 Jahre alt geworden. Er steht für vieles. Der amerikanische Präsident der Jahre 1981 bis 1989 steht für den amerikanischen Traum des sozialen Aufstiegs. Bis zu seiner Wahl im November 1980 hätte man wohl nicht geglaubt, dass ein ehemaliger Sportreporter und Schauspieler Präsident der USA werden könnte. Er selbst sagte aber einmal als Präsident: „Es gab Zeiten in diesem Amt, in denen ich mich gefragt habe, wie man es überhaupt ausüben kann, ohne Schauspieler zu sein.“

Der am 6. Februar 1911 in Tampico/Illinois geborene Reagan steht auch dafür, dass es nie zu spät ist, noch einmal neu anzufangen. In 53 Filmen hat Reagan als Schauspieler mitgewirkt. Doch die Rolle seines Lebens fand er erst spät. Bei seiner ersten Wahl zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten war er mit 69 Jahren der älteste Präsident der amerikanischen Geschichte. Damals war nicht abzusehen, dass er zwei volle Amtszeiten im Weißen Haus überstehen würde. Reagan sollte der erste Präsident seit Dwight D. Eisenhower (1953–1961) sein, dem dieser Erfolg vergönnt war.

Obwohl Reagan in den letzten Jahren seines Lebens an Alzheimer litt – er schrieb 1994 in einem Brief an das amerikanische Volk: „Ich habe die Reise angetreten, die mich nun in den Sonnenuntergang meines Lebens führen wird“ –, konnte er als Präsident trotz seines Alters eine Vitalität ausstrahlen, die auf viele seiner Landleute unwiderstehlich wirkte, auch wenn sie vielleicht nicht jede seiner konservativen politischen Ansichten teilte.

Dem großen Kommunikator Reagan, der immer wieder betonte, dass Amerika seine besten Tage noch vor sich habe, gelang es, die uramerikanische Eigenschaft des Optimismus anzusprechen. Dass der Republikaner Reagan die Präsidentschaftswahlen von 1980 und 1984, mit jeweils deutlicher Mehrheit, erst gegen den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter und vier Jahre später gegen dessen früheren Vizepräsidenten Walter F. Mondale, für sich entscheiden konnte, wäre ohne die Wechselwähler der sogenannten Reagan-Demokraten nicht möglich gewesen. Reagan selbst hatte sich im Laufe seines Lebens vom liberalen Demokraten zum konservativen Republikaner gewandelt. 1964 unterstützte der politische Konvertit den selbst in der Republikanischen Partei umstrittenen konservativen Präsidentschaftskandidaten Barry M. Goldwater. Mit ihm teilte Reagan die Ansicht, dass Amerika nicht nur in Vietnam militärische Stärke beweisen müsse und dass die Freiheit der Bürger einen höheren Stellenwert habe als die Stärke des Staates. Wie Goldwater wollte der spätberufene Republikaner Reagan die Steuerlast der Bürger reduzieren, die Rechte der Gemeinden und Bundesstaaten stärken und die Verstaatlichung von Banken und Eisenbahngesellschaften verhindern.

Mit diesem politischen Credo wurde der Republikaner mit Hollywood-Vergangenheit 1966 zum Gouverneur von Kalifornien gewählt. Nicht zuletzt, weil er auch die Geheimdienste einsetzte, um die Proteste gegen den Vietnam-Krieg einzudämmen, wurde der konservative Republikaner zur Zielscheibe der linksliberalen Studentenbewegung. Reagan nahm es mit Humor: Als junge Demonstranten dem Gouverneur einmal ein Plakat entgegenhielten, auf dem stand: „Wir sind die Zukunft!“, hielt er ihnen einen Zettel entgegen, auf dem er kurzerhand notiert hatte: „Wenn das stimmt, verkaufe ich noch heute alle meine Aktien.“ Reagans Aktien als Politiker schwankten und standen mehrfach vor dem Totalabsturz. 1968 und 1976 scheiterten seine Anläufe auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur an Richard Nixon und Gerald Ford. Bereits 1975 war seine Amtszeit als Gouverneur von Kalifornien zu Ende gegangen. Doch dann kam das Jahr 1980 und das Geiseldrama in der amerikanischen Botschaft von Teheran. Noch mehr als die damals schlechten Wirtschaftsdaten verübelten viele Wähler dem amtierenden Präsidenten Jimmy Carter von den Demokraten diese nationale Demütigung. Carters später Versuch, die Geiseln militärisch befreien zu lassen, scheiterte und ließ Reagans Siegeschancen steigen. Der forderte, Amerika müsse auch militärisch wieder erstarken. Das fiel bei der Mehrheit der amerikanischen Wähler auf fruchtbaren Boden.

Seine Politik, die sogenannte Reagannomics mit hohen Rüstungsausgaben, aber niedrigen Steuern und Sozialausgaben, war umstritten und bescherte den USA ein extrem hohes Haushaltsdefizit. In Europa galt Reagan vielen Kritikern als Sinnbild des Kalten Kriegers, der die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ sieht. Doch Reagan, der 1981 ein Attentat überlebte und auch vor Militäraktionen gegen missliebige Regime, wie 1983 auf Grenada oder 1986 gegen Libyen, nicht zurückschreckte, wandelte sich in seiner zweiten Amtszeit zum unerwarteten Friedenspräsidenten.

Mit dem nicht zuletzt unter dem finanziellen Druck des Rüstungswettlaufes reformbereiten sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow begann er 1985 Abrüstungsverhandlungen, die 1987 in der Unterzeichnung eines Abkommens mündeten, in dem die Abrüstung der amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen vereinbart wurde. Im selben Jahr hatte Reagan bei seinem Deutschland-Besuch vor dem Brandenburger Tor an den sowjetischen Staatschef appelliert: „Kommen Sie zu diesem Tor! Öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ Damals konnte wohl selbst der amerikanische Präsident nicht ahnen, dass sich seine Vision schon zweieinhalb Jahre später am 9. November 1989 erfüllen sollte.

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