„Mit Profil in die Zukunft“

Die Katholische Militärseelsorge zwischen Strukturreform der Bundeswehr und Strategieprozess. Von Carl-H. Pierk
Foto: Archivbild: KNA | Eucharistiefeier im Camp der Bundeswehr im Norden Afghanistans.
Foto: Archivbild: KNA | Eucharistiefeier im Camp der Bundeswehr im Norden Afghanistans.

Die Reduktion der Truppenstärke, die Aussetzung der Wehrpflicht, die Schließung von Standorten, hohe finanzielle Einsparungen in Milliardenhöhe, die Konzentration auf die Einsätze und die Folgen für diejenigen, die sie durchführen und ihre Familien. Das alles ist Anlass für die Katholische Militärseelsorge, nicht nur rein organisatorisch auf diese veränderten Bedingungen zu reagieren. Die Militärseelsorge also zwischen Strukturreform der Bundeswehr und Strategieprozess – entsprechend lautete das Leitwort der 57. Gesamtkonferenz katholischer Militärgeistlicher, Pastoralreferenten und Pastoralreferentinnen vom 15. bis 19. Oktober in Bergisch Gladbach/Bensberg unter Leitung von Militärbischof Franz-Josef Overbeck: „Den Wandel gestalten! Kirche unter Soldaten: Mit Profil in die Zukunft“.

Da die Militärseelsorge in ihrer Struktur der Struktur der Armee folgt, werden die kommenden Monate und Jahre auch für die Militärseelsorge einschneidende Veränderungen bringen. Um hier Wegmarkierungen zu erhalten, hatte im Auftrag des Katholischen Militärbischofsamts das Sinus-Institut die Studie „Milieudifferenzierte Pastoral- und Bildungsangebote in der Militärseelsorge“ durchgeführt und in diesem Jahr abgeschlossen. Ziel der Studie war es, mehr über die soziokulturelle Struktur der Bundeswehr zu erfahren, um eine empirisch gesicherte Grundlage für die Entwicklung lebensweltlich orientierter Pastoral- und Bildungsangebote in der Militärseelsorge zu erhalten. Militärbischof Overbeck hatte in diesem Sinne vor einem Jahr einen Strategieprozess ins Leben gerufen, der nach gut einem Jahr während zweier Studientage im Rahmen dieser Gesamtkonferenz einen Höhepunkt erreichte. Der Strategieprozess soll unter anderem dazu führen, dass für jedes Militärpfarramt ein „Pastoralplan“ erstellt wird.

Grundüberlegungen zum geistlichen Dienst in der Militärseelsorge entwickelte Militärgeneralvikar Prälat Walter Wakenhut in seinem Bericht zur Lage der Militärseelsorge: „Wir sollten auf Bewährtes schauen, das ist wichtig. Wichtiger ist aber der Blick nach vorne in eine sich ständig verändernde Bundeswehr. Unsere Pläne müssen die nötige Dynamik haben, um immer neuen Situationen gerecht zu werden.“ Als „Hauptsorge des Militärbischofs“ bezeichnete der Militärgeneralvikar die Aufgabe, „genügend Personal für den Dienst in der Kirche unter den Soldaten zu gewinnen“.

Die Zahl der Militärpfarrämter wird im Rahmen der Strukturreform der Bundeswehr von insgesamt 192 auf 170 reduziert, wovon 75 von der Katholischen Militärseelsorge getragen werden. Mittelfristig sind nach den Worten Wakenhuts 81 Dienstposten/Planstellen zu erwarten. Da diese aber nicht durch die Diözesen und Orden besetzt werden könnten, müssten auch neue Wege der Personalgewinnung beschritten werden. Wakenhut: „Es bestehen anfanghafte Beziehungen zur polnischen Bischofskonferenz. Wie viele andere deutsche Diözesen sind wir auf deren Hilfe angewiesen.“ In diesem Zusammenhang wies Wakenhut auf die große Zahl der katholischen Diplomtheologen hin, die wegen des zeitweiligen Einstellungsstopps, den viele Diözesen verhängt hatten, nicht in ihrem Beruf arbeiten könnten. „Die gegebenenfalls ankommenden polnischen Priester und die Gruppe dieser Theologen sollen dann durch ein zertifiziertes Zusatzstudium über zwei Semester an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt für den Dienst in der Militärseelsorge qualifiziert werden.“

Auch nach dem Aussetzen der Einberufung von jungen Männern im Rahmen der Allgemeinen Wehrpflicht bleibt der Lebenskundliche Unterricht (LKU) für die Militärseelsorge von höchster Bedeutung. Es geht darum, dem Soldaten das ethisch moralische Rüstzeug mitzugeben, das ihm ermöglicht, seinen Beruf in voller Verantwortung vor seinem Gewissen auszuüben. Der Staat hat diese wichtige Aufgabe den Militärseelsorgern als dafür besonders qualifizierte Lehrkräfte übertragen. „Wir sollten uns nicht – und wir dürfen es auch nicht – dieser uns übertragenen Verantwortung entziehen. Es dürfte also nicht weniger LKU stattfinden, sondern mehr.“ Leider sei es nicht überall so, fügte Wakenhut an.

Die Reduzierung des Personalumfangs der Bundeswehr hat auch ihre Auswirkungen auf die alljährliche Soldatenwallfahrt nach Lourdes, die ohne Zweifel zu den Höhepunkten im Jahr der Militärseelsorge zählt. Da mit einem erheblichen Rückgang an Soldaten und Soldatinnen, die an der Wallfahrt teilnehmen können, zu rechnen sei, bedürften diese Teilnehmer einer umso intensiveren Betreuung, kündigte Wakenhut an. „Viele zivile Teilnehmer mit ihren logischerweise auch zivilen Interessen sind da eher ein Störfaktor.“ In Übereinstimmung mit dem Militärbischof habe man sich daher entschlossen, in Zukunft grundsätzlich nur noch Soldaten und Soldatinnen und deren Familien (Angehörige) an der Wallfahrt teilnehmen zu lassen. Man werde auch nur noch das für die Seelsorge notwendige Personal mitnehmen. „Die Wallfahrt soll wieder werden, was sie sein soll, eine intensive religiöse Maßnahme – und nicht nur Event, was sie auch sein darf“, bekräftigte der Militärgeneralvikar.

Auch wenn sich durch die Reduzierung der Soldatenzahlen und Standorte die Zahl der Militärpfarrämter verringert, die Qualität der Seelsorge soll erhalten bleiben oder gar verbessert werden.

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