„Mir taten die Geiseln einfach leid“

Ein ehemaliger Kindersoldat über seine Zeit als Guerilla-Kämpfer der kolumbianischen Farc

Du bist bei einer kirchlichen Organisation untergebracht. Hat der katholische Glaube eine besondere Bedeutung für dich?

Natürlich. Meine Eltern ließen mich katholisch taufen und seit ich nicht mehr bei der Farc bin, besuche ich auch die Gottesdienste. Der Priester, der uns hier betreut ist ein sehr guter Mensch, ein echtes Vorbild.

Du warst 15 Monate lang Farc-Kämpfer im Dschungel Kolumbiens. Wie kam es dazu?

Ich meldete mich freiwillig. Meine Familie ist arm, ich habe fünf Geschwister, die alle jünger sind als ich. Mein Vater arbeitete tageweise als Knecht in der Landwirtschaft, meine Mutter kümmerte sich um unseren kleinen Garten und um uns Kinder. Seit Jahren rekrutieren Farc und Paramilitärs in unserem Dorf neue Kämpfer. Sie wissen, dass wir nichts haben. Und sie zahlen gut.

Wieviel verdient man bei der Farc?

Ich bekam 150 000 Pesos (umgerechnet 53 Euro) im Monat. Sie erlaubten mir, mein Geld regelmäßig nach Hause zu senden. Ich ging zu den Guerilleros, weil ich meine Familie unterstützen wollte. In unserem Dorf gibt es wenig Arbeit und die ist schlecht bezahlt. Für manche meiner Kameraden und Kameradinnen war das Geld weniger wichtig. Die ließen sich von der Farc rekrutieren, weil die Paramilitärs deren Familie vertrieben oder einen Verwandten ermordet hatten. Da ging es eher um Rache.

Bei dir ging es lediglich um Geld?

Ja, grundsätzlich wollte ich Geld verdienen. Und Abenteuer erleben. Ich war 13 Jahre alt und wollte endlich aus meinem Dorf raus. Eine Guerilla-Truppe hielt sich damals gerade in unserer Region auf. Ich ging zum Kommandanten und bat ihn, beitreten zu dürfen. So wurde ich rekrutiert.

Was waren deine Aufgaben?

Ich musste meistens auf unsere entführten Geiseln aufpassen. Wir brachten sie im Dschungel von Camp zu Camp. Während der langen Fußmärsche war die Fluchtgefahr besonders groß, deshalb war ich bei den Überstellungen immer dabei. Ich hatte eine Pistole und ein Gewehr. Damit hielt ich die Geiseln in Schach. Außerdem schickte man mich oft zu den Familien der Entführten, um Lösegeld einzukassieren.

Habt ihr viele Menschen entführt?

Ich war nie bei einer Entführung dabei. Nachdem ich mich dem offiziellen Militär gestellt hatte, sagte man mir, die Farc hätte mehr als 3 000 Geiseln unter ihrer Kontrolle. Dass es so viele sind, hatte ich vorher nicht gewusst, auch nicht, dass sehr prominente Menschen darunter sind. Die Menschen, die ich bewachte, kamen aus einfachen Dörfern. Ich weiß auch nicht, nach welchen Kriterien sie entführt wurden. Mir taten die Geiseln einfach leid: sie hatten furchtbare Angst.

Hattest du keine Angst?

Eigentlich nicht. Ich habe mich nur vor dem Kommandanten gefürchtet. Wenn jemand etwas Verbotenes getan hatte, waren die Strafen ziemlich brutal. Wir mussten zum Beispiel auch die riesigen Kokaplantagen der Farc und die dazugehörigen Drogenlabors bewachen. Da sind sie besonders streng. Auf Kokainkonsum steht die Todesstrafe. Aber auch sonst mussten wir vorsichtig sein. Einmal hatte ich mich mit einer Geisel ein wenig angefreundet. Ich wurde dabei ertappt, als ich mich länger mit ihr unterhielt. Damals sperrten sie mich für 15 Tage ein.

Hast du deshalb die Waffen niedergelegt?

Nein. Nachdem ich bestraft worden war, diente ich in etwa noch ein knappes Jahr. Die Strafe hat mir nichts ausgemacht. Aber mir wurde langweilig. Ich war ja auch zur Farc gegangen, um etwas zu erleben. Irgendwann reichte es mir mit den ständigen Märschen durch den Dschungel.

Standest du hinter den politischen Ideen der marxistischen Farc?

Politik hat mich nie besonders interessiert. Unser Kommandant schimpfte manchmal auf die Politiker Kolumbiens. Mir war das ziemlich egal. Hauptsache, ich erhielt meinen Sold. Das war aber auch nicht immer der Fall. Über Politik machten meine Kameraden und ich uns generell wenig Gedanken.

Warum hast du der Farc letztendlich den Rücken gekehrt?

Irgendwann hörte ich von diesem Programm für ehemalige Guerilleros, an dem ich jetzt teilnehme. Da bekommt man eine neue Identität, Geld und eine Ausbildung. In Zukunft hoffe ich, meine Familie mit einem richtigen Job besser unterstützen zu können.

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