„Medien sind süchtig nach Breivik“

Die norwegische katholische Professorin Janne Haaland Matlary über den Attentäter-Prozess
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Frau Matlary, seit beinahe zwei Wochen wird in Norwegen dem Attentäter Anders Breivik der Prozess gemacht. Unmittelbar nach dem Attentat war er mit christlichem Fundamentalismus in Verbindung gebracht worden. Ist das noch Thema?

Nein, überhaupt nicht, religiöser Fundamentalismus spielt in dem Prozess keine Rolle. Breivik ist so verrückt, dass niemand mehr behauptet, er habe irgendeinen ernstzunehmenden christlichen Glauben.

Sind während des Prozesses bisher Themen wie das „absolute Böse“ oder metaphysische Implikationen in der norwegischen Öffentlichkeit verhandelt worden, um sich der monströsen Tat zu nähern?

Nein, das ist nicht der Fall. Die säkulare Gesellschaft in Norwegen und ihre Psychologen kennen solche Fragen nicht. Zwar wird Breivik durchaus als böse beschrieben, aber dies damit erklärt, dass er Kriegscomputerspiele spiele, ein gesellschaftlicher Außenseiter sei, sich zurückgesetzt fühle et cetera.

Helfen hier Sinnfragen überhaupt weiter – oder sollte der Fall einfach nur politisch abgehandelt werden?

Breivik sollte einfach keine Aufmerksamkeit bekommen. Das Böse ist das Nicht-Sein. Und Breivik ist auch kein politischer Akteur, das kann man ernsthaft nicht einmal in Erwägung ziehen. Seine ins Feld geführten Gründe, warum er zum Terroristen habe werden müssen, hat er sich nur deshalb so zusammengebastelt, weil ihm das die Chance eröffnet, weltweit berühmt zu werden. Er ist der ausgeprägteste Narziss, den wir jemals gesehen haben.

Wie beurteilen Sie nach zwei Wochen die Rolle der Medien weltweit, die über den Prozess berichten?

Es wird eindeutig zuviel berichtet. Die Medien sind ja regelrecht süchtig nach diesem Fall, was wiederum nur dem Narzissmus von Breivik in die Hände spielt. Der Gerichtsprozess ist gleichsam der Höhepunkt seines Lebens. Sensationslust befeuert die Medien, sie wollen Auflage. Und den Kommentatoren schmeichelt, dass es ihnen jetzt durch den Fall Breivik möglich ist, Woche für Woche alles das durchkauen zu können, was ihnen wichtig erscheint. Es werden so viele unglaublich triviale Analysen durch so viele unglaublich inkompetente Möchtegern-Experten in den Medien präsentiert – das sagt im Grunde mehr über den bedenklichen aktuellen Zustand der Medien selbst etwas aus, als über den Fall Breivik. DT/sei

Janne Haaland Matlary ist Professorin für Internationale Politik an der Universität Oslo und eine profilierte katholische Politikerin in Norwegen, die als junge Studentin konvertiert ist. im St. Ulrich Verlag erschienen von ihr zum Beispiel „Blütezeit. Feminismus im Wandel“ (2003) und „Veruntreute Menschenrechte: Droht eine Diktatur des Relativismus?“ (2006).

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