Massenheirat unter Zwang

Kambodscha: Weitere schwere Verbrechen der Roten Khmer sollen vor dem Völkermord-Tribunal verhandelt werden. Von Robert Luchs

Es gehörte zur Ideologie der Roten Khmer, durch Massenverheiratungen der Revolution mehr Kinder zu schenken. Andererseits brachten sie jeden um, der ihrer Vorstellung von einem „neuen Menschen“ im Wege stand. Zwischen 1975 und 1979 wurden unter dem Terrorregime der Roten Khmer fast zwei Millionen Kambodschaner ermordet – etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung.

Viele Opfer schweigen noch heute, häufig aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen der Täter. Der bekannte kambodschanische Psychologe Muny Sothara berichtet von Frauen, die sich zwar offenbart haben, aber nicht in der Öffentlichkeit über den Missbrauch sprechen wollen. Viele schämen sich dessen, was ihnen angetan wurde: Forscher gehen davon aus, dass während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer etwa 250 000 Frauen zwangsverheiratet wurden.

Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen – diese beiden Delikte werden im Vordergrund stehen, wenn die Verhandlungen vor dem internationalen Völkermord-Tribunal in Phnom Penh gegen den früheren Chefideologen der Roten Khmer, Nuon Chea (89), und den Ex-Präsidenten Khieu Samphan (85) noch in diesem Monat fortgeführt werden. Das teilte jetzt der Sprecher des Tribunals mit.

Die beiden hochrangigen Kader werden unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Acht Nebenkläger, drei Zeugen beziehungsweise Zeuginnen und mehrere Experten werden in einer Reihe von Anhörungen zu Wort kommen. Es ist daher nicht damit zu rechnen, dass das Tribunal, wie kürzlich angekündigt, noch in diesem Jahr abgeschlossen werden kann.

Der deutschen Anwältin Silke Studzinsky ist es zu verdanken, dass auch erstmals Nebenkläger vor dem Tribunal erschienen sind. Allein deren Zulassung am Gerichtshof ist ein Novum. Bereits vor Jahren haben sich Opfer von Zwangsverheiratungen unter dem Rebellen-Regime gemeldet. Inzwischen liegen mehrere tausend Anträge von Opfern und Zeugen des Regimes vor. Auch bei anderen internationalen Tribunalen hat es das noch nie gegeben, Opfer von schweren Verbrechen einen Parteistatus zu gewähren und ihnen dieselben Rechte wie der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft zuzubilligen.

Zwangsverheiratungen haben in ganz Kambodscha stattgefunden – mal waren es nur zwei Paare, dann wieder mehr als 100 Paare, die zur gleichen Zeit von den Rebellen zur „Heirat“ gezwungen wurden. Die Opfer hatten keine Chance; wenn sie sich gegen die Verheiratung gewehrt hätten, hätte dies ihren sicheren Tod bedeutet. Mit dem gleichen Schicksal hatten sie zu rechnen, wenn sie bei einem Fluchtversuch gefasst worden wären. Juristisch betrachtet ist das angeordnete Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Folter.

In den meisten Fällen hatten die jungen Paare sich noch nie zuvor gesehen. Sie wurden mit Gewalt zusammengebracht. Frauen berichteten von Vergewaltigungen und Misshandlungen. Von Verstecken aus wurden die Paare von den Roten Khmer beobachtet, um sicher zu sein, dass diese den Befehl der Partei auch ausführten und die „Ehe“ vollzogen.

Die Ermittlungsbehörden hatten zu Beginn des Tribunals vor zehn Jahren keine eigenständigen Ermittlungen zu Fällen sexueller Gewalt unternommen. Da ein Großteil der Akten für den Prozess aus dem kambodschanischen Dokumentationszentrum DCCAM stammt und hierin wenige Anhaltspunkte zu finden waren, waren die Untersuchungsrichter selbst nicht aktiv geworden. Sie folgten der weit verbreiteten Annahme, dass Sexualstraftaten unter den Roten Khmer streng verfolgt wurden und deshalb nicht oder in Ausnahmen stattgefunden haben. Die deutsche Anwältin Studzinsky aber war auf Unterlagen gestoßen, die Anhaltspunkte dafür liefern, dass sexuelle Gewalt kein Einzelfall war – sowohl in den über 190 bisher dokumentierten Gefängnissen und sogenannten Umerziehungslagern als auch im Rahmen der Zwangsarbeit. Die Forderung nach finanziellen Entschädigungen ist zwar früher einmal erhoben, doch bis heute nicht befriedigend beantwortet worden.

Studzinsky war an Aktivitäten beteiligt, die Bevölkerung zu ermutigen, über diesen tabuisierten Teil der Geschichte zu sprechen und diese zum Gegenstand der Verfahren zu machen. Dies geschah in Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, die sich mit dem Thema sexueller Gewalt im heutigen Kambodscha beschäftigen. Gerade in jüngster Zeit fällt die erschreckende Zunahme von Vergewaltigungen vor allem von Kindern in dem südostasiatischen Land auf.

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