„Liebenswürdig und bescheiden“

Von der Hochschule bis zur Emeritierung: Weihbischof Klaus Dick über seine „alte Freundschaft“ mit Papst Benedikt XVI. Von Regina Einig
Foto: Erzbistum Köln | Ein Kölner, der Benedikt schon immer mochte: Weihbischof Klaus Dick.
Herr Weihbischof, Sie haben Papst Benedikt als Studenten, als Kommilitonen kennengelernt. Wie war das?

In Bonn, wo ich studierte, war und ist es üblich, das dritte Studienjahr auswärts zu verbringen. Ich habe mir zusammen mit Kölner Freunden München ausgesucht, weil die Theologische Fakultät in München damals einen hervorragenden Ruf hatte. Als Kölner gingen wir dort natürlich zu dem Fundamentaltheologen Gottlieb Söhngen, der ein Kölner Priester war. In einer Seminarsitzung bei ihm, bei der Ratzinger nicht dabei war, habe ich den Namen des damals künftigen Papstes zum ersten Mal gehört. Söhngen sprach nie reines Hochdeutsch, sondern immer Kölnerisch. Einmal sagte er, „der Joseph Ratzinger eine einmalije Bejabung“. Professor Söhngen wurde mein Doktorvater, so wie er auch der Doktorvater von Ratzinger und Hubert Luthe, dem späteren Bischof von Essen, war. Daraus entwickelte es sich; wir erfuhren voneinander über unseren gemeinsamen Doktorvater. Luthe hat als Sekretär von Kardinal Joseph Frings den jungen Professor Ratzinger dem alten, fast schon erblindeten Kardinal vorgestellt. Das Ergebnis ist bekannt: Ratzinger ging mit Frings zum Konzil.

Sie haben als Studenten, Doktoranden und später sicher auch über fachliche Themen miteinander diskutiert. Erinnern Sie sich an theologische Streitgespräche mit Joseph Ratzinger?

Wir haben nicht strittig diskutiert! Damals im Seminar und später war die Übereinstimmung immer ganz selbstverständlich, weil wir unter anderem von Professor Söhngen, den wir sehr verehrten, in die gleiche Richtung geführt worden sind. Daran hat sich nie etwas geändert. Es gibt keinen Punkt im Laufe der Jahrzehnte, an dem wir verschiedener Meinung gewesen wären, wenn wir uns trafen.

Wie hat Joseph Ratzinger als junger Professor auf die Studenten gewirkt?

Unsere Verbindung wurde wesentlich gesteigert, als Joseph Ratzinger 1959 Professor in Bonn wurde; ich wurde dort kurz vorher zum Studentenpfarrer ernannt. Er war schon damals hoch geachtet und angesehen, weil er als wirklicher Kenner, als wissenschaftlich außerordentlich versierter Theologe galt und die Eigenschaft besaß, die Lehrinhalte in den Vorlesungen gut an den Mann zu bringen. Auch als Prediger – ich habe ihn öfter in die Studentengemeinde gebeten, um Vorträge zu halten – machte er auf die jungen Menschen Eindruck.

Nun haben manche Theologen Ratzinger den Vorwurf gemacht, er habe sich später gedreht. Wie bewerten Sie das?

Franz Josef Strauß hat, auf die politische Bühne angesprochen, einmal gesagt: „Die Mitte ist eine Wanderdüne.“ Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für Kirche und Theologie. Die damals zunächst sehr aufgeschlossenen, modernen Theologen haben sich durch bestimmte Entwicklungen, die sie beobachten konnten, auch bewegt. Im übrigen sage ich immer: Es wäre doch seltsam, wenn ein Professor der Theologie, der Chef der Glaubenskongregation wird, nicht neue Aspekte, andere Gesichtspunkte kennenlernt und vertritt.

Wie können Sie sich erklären, dass ein als liebenswürdig und bescheiden geltender Mensch in Deutschland das Image des „Panzerkardinals“ bekommen konnte?

Das hängt wohl mit der Gesamtentwicklung der Theologie bei uns zusammen, von der man sagen kann, dass sie nicht gerade eine günstige Entwicklung genommen hat. Bereits als Ratzinger Erzbischof wurde, war er von einer Großzahl der Theologen keineswegs besonders angesehen. Wissenschaftlich konnte man ihm nicht beikommen, dann stieg er ausgerechnet auch noch in der Hierarchie auf. Das steigerte sich durch die Berufung in die Glaubenskongregation. Ich habe schon damals gesagt: wer behauptet, er sei ein „Panzerkardinal“, der hat sicher noch keinen halben Satz mit ihm gesprochen. Ich habe ihn damals öfter mit Pilgergruppen in Rom getroffen. Das Hervorstechendste war immer seine ganz liebenswürdige, bescheidene Art, wie er den Menschen begegnete.

Ein Highlight des Pontifikats von Benedikt XVI. war sicher der Weltjugendtag 2005 in Köln. Woran erinnern Sie sich, was war daran besonders?

Zum Besonderen zählt sicher die Begegnung mit Benedikt XVI. am Kölner Dom, wo der Dompropst ihn begrüßte und an den historischen Dombesuch im Oktober 1962 erinnerte. Kardinal Frings war vor dem Abflug nach Rom zum Konzil 1962 mit Ratzinger und Luthe im Kölner Dom an die Stelle gegangen, wo er mal beerdigt werden würde, um deutlich zu machen: Wenn ich hier liege, werde ich Rechenschaft ablegen müssen, was ich auf dem Konzil gemacht habe. Das hat auf Ratzinger einen sehr tiefen Eindruck gemacht. Er nickte, als er vom Dompropst 2005 darauf angesprochen wurde. Zwei andere Aspekte: Jeder vernünftige Mensch hat damals gesagt, das wird nicht klappen, dass er beim Kontakt mit der Jugend direkt an den Vorgänger anknüpfen kann. Doch Benedikt XVI. tat es. Ganz unverstellt und ohne Johannes Paul II. zu kopieren. Er stellte einen „echten“ Kontakt mit den jungen Leuten her. Der andere, auch für ihn eindrucksvollste Augenblick war der, als er vor dem Allerheiligsten kniete und die hunderttausenden Jugendliche in Stille hinter ihm mitbeteten.

Der damalige Generalsekretär, der heutige Erzbischof Koch, hat damals gesagt, das Bild vom Papst vor der Monstranz sei in der Weltpresse das zweithäufigste Foto gewesen, das gebracht wurde. Auch der Kirche distanziert Gegenüberstehende haben das beim Weltjugendtag als eindruckvoll empfunden, dass auch der Papst vor der Monstranz kniet und anbetet. Das häufigste Foto war natürlich das Bild auf dem Rhein mit dem Dom im Hintergrund bei der Ankunft des Papstes in Köln.

Wie hat der Umgang der Deutschen mit Papst Benedikt XVI. insgesamt auf Sie gewirkt?

Ich habe mich mein ganzes, nicht gerade kurzes Leben hindurch nie geschämt, Deutscher zu sein. Aber im Jahr 2011 bei dem Deutschlandbesuch des Papstes ist das der Fall gewesen. Ich bin einmal in Rom von einem polnischen Bischof angesprochen worden. Er sagte: Wie geht ihr Deutschen eigentlich mit unserem Papst um? Mit unserem!

Sie haben Papst Benedikt einige Male seit dem Rücktritt gesehen. Was sind Ihre Eindrücke?

Im Grunde hat sich nichts geändert, auch nicht auf dieser Stufe des Weges. Für mich war es eine große Freude, als er Erzbischof von München wurde und ich die Gnade hatte, ihn mitweihen zu dürfen, weil ich schon Bischof war. Dann, als er in der Bischofskonferenz – er war ja schon direkt Kardinal geworden – am Vorstandstisch Platz nahm, war das ebenso eine große Freude für mich. Die Art des Umgangs war stets dieselbe; und als ich zum ersten Mal bei ihm eingeladen war, als er Papst war, habe ich gedacht: Wenn er nicht den weißen Talar angehabt hätte, wäre das für mich genauso gewesen, wie wenn er mir im schwarzen Talar oder schwarzen Anzug gegenübersitzen würde. Wobei diese Nähe und Verbundenheit nicht einen Moment den großen Abstand geschmälert hat, den ich immer dem Papst gegenüber empfunden habe. Er hat sich mir gegenüber die ganze Zeit immer so gezeigt, wie er es in Briefen schreibt: in alter Freundschaft.

Sie haben immer noch viel mit jungen Leuten zu tun. Warum empfehlen Sie die Schriften von Joseph Ratzinger?

Weil sie von ganz besonderer Bedeutung sind: die „Einführung in das Christentum“ zum Beispiel zeigt, wie schön es ist, wenn gläubige Theologie in gut verständlicher Weise übermittelt wird. Ich kenne keinen, der die Schriften von Ratzinger gelesen hat, dem dies nicht geholfen hat, zum Glauben zu finden oder sich im Glauben zu festigen. Egal, ob jung oder alt.

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