„Leistung statt Herkunft“

Einst ein Zisterzienserkloster, beherbergt die Landesschule Pforta (Sachsen-Anhalt) heute ein Internat. Von Benedikt Vallendar

Naumburg (DT) Schon die Anfahrt hat es in sich. Und wäre Harry Potter in Deutschland zur Schule gegangen, wäre dies sicherlich hier gewesen. Gelegen in einer malerischen Talebene zwischen Saale und Unstrut, unweit der Landesgrenze zu Thüringen, verkörpern die Gebäudekomplexe der Landesschule Pforta noch immer das, was sie früher einmal waren: ein katholisches Kloster, das im 16. Jahrhundert in die politischen und religiösen Umwälzungen der Reformation geriet und als Bildungsstätte zu neuer Blüte gelangte. Der mittelalterliche Charme der Anlage, der das Campusleben bis heute prägt, begann vor fast tausend Jahren, als Mönche des Zisterzienserordens 1137 die Abtei Sankt Marien zur Pforte errichteten, die in der Folgezeit mehrere Umbauten erfuhr.

Bis in Sachsen-Anhalt, dem Ursprungsland der Reformation, zu Beginn des 16. Jahrhunderts politische Kräfte ans Ruder kamen, die zahlreichen Klöstern die Existenzgrundlage entzogen und die klösterlichen Liegenschaften einer neuen Bestimmung zuführten. „Schon früh erkannte Martin Luther, dass Wissensvermittlung und christlicher Glaube zusammengehören, dass Glaube ohne Bildung eine leere Hülle bleibt, die das Fundament der Kirche gefährdet“, weiß die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer. Luthers Bemühungen um Bildung auch für Nichtkleriker sollten rasch Wirklichkeit werden, sagt Krämer. 1543 ging vor den Toren Naumburgs die Landesschule Pforta als eine der ersten staatlichen höheren Schulen Deutschlands an den Start. Aus dem Kloster war ein Gymnasium geworden; und der Grundsatz „Leistung statt Herkunft“ von jeher das Eintrittsbillet für neue Schüler, die inzwischen aus der ganzen Bundesrepublik kommen. Ab Klasse neun können sie die Zweige Musik, Sprachen oder Naturwissenschaften belegen, bevor sie nach Klasse zwölf zur Abiturprüfung antreten.

Die Schulzeit in Pforta gilt als Qualitätssiegel für den weiteren Ausbildungsweg, was auch an dem harten Auswahlverfahren liegt, dem sich alle Bewerber unterziehen müssen. „Für begabte Kinder aus sozial schwachen Familien gibt es Stipendien“, sagt Jenny Krämer. Damit begegnet die Schule dem oft gehörten Vorwurf, sie sei ein Ort sozialer Auslese.

Nietzsche hatte Probleme im Fach Mathematik

Wo heute gelernt, gelesen, diskutiert und experimentiert wird, haben über Jahrhunderte katholische Zisterziensermönche gebetet, gearbeitet und nicht zuletzt den Weinanbau an Saale und Unstrut kultiviert. Das milde Klima machte es möglich. Und längst ist die Marke „Rotkäppchen“ aus dem nahe gelegenen Naumburg ein weltweiter Exportschlager geworden, der fast der deutschen Wiedervereinigung zum Opfer gefallen wäre. Ebenso die Landesschule Pforta, die im Dritten Reich eine Nationalpolitische Lehranstalt (Napola) und zu DDR-Zeiten eine Spezialschule für Musik und Sprachen beherbergte. Der marode Zustand vieler Gebäude nach vierzig Jahren SED-Diktatur ließ die Schule 1990 in eine unsichere Zukunft blicken. Doch rasch fanden sich in den neunziger Jahren Freunde und Förderer, die dem Gymnasium zu neuem Glanz verhalfen.

Was in Pforta mit dem Auszug der letzten Zisterzienser begann, war ein halbes Jahrtausend deutscher Bildungsgeschichte, das Geistesgrößen wie Leopold von Ranke und Johann Gottlieb Fichte hervorgebracht hat. Auch der Philosoph und Gottessucher Friedrich Nietzsche ging in Pforta zur Schule, wo er 1861 konfirmiert wurde. Jahre bevor er sich verzweifelt vom Christentum abwandte, seine nihilistische Weltsicht zum Dogma erklärte und daran jämmerlich zugrunde ging. „Nietzsche galt als vielseitig interessierter Musterschüler, der den Schulstoff mit Leichtigkeit erfasste und doch fast wegen unzureichender Mathematikkenntnisse durchs Abitur gefallen wäre, was wir aus seiner Schülerakte wissen“, sagt Historikerin Krämer. Darin findet sich auch eine mehrtägige Karzerstrafe, nachdem der 19-jährige Nietzsche mit einem Klassenkameraden betrunken auf dem Schulcampus herumgepöbelt hatte. Von seinem späteren Ruhm hat Nietzsche indes nur wenig mitbekommen. Seit frühester Jugend quälten ihn chronische Kopfschmerzen, die später in ein unheilbares Nervenleiden umschlugen, das ihn kurz nach der Jahrhundertwende das Leben kostete. In der Landesschule Pforta erinnert heute eine Tafel im Eingangsbereich an den berühmten Alumnus.

Gelernt wird in Pforta bis heute nach den neuhumanistischen Bildungsidealen des preußischen Schulreformers Wilhelm von Humboldt, wonach allein die Beschäftigung mit komplexen Unterrichtsstoffen zu dem führe, was man schlechterdings als „Bildung“ bezeichnet. Allein ein Blick in die hochkarätig besetzten Veranstaltungsreihen aus Kultur-, Natur- und Sozialwissenschaften verrät, wie sehr Humboldt in Pforta weiter präsent ist; ebenso durch die Teilnahme der Schule an internationalen Austauschprogrammen und Schülerwettbewerben wie „Jugend forscht“, bei denen deutlich wird, dass Elitenbildung nicht zuletzt eine Frage von Leistung, persönlichem Engagement und Begabung ist.

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