Langwieriger Lernprozess

Bischof Pedro Barreto aus der peruanischen Diözese Huancayo kämpft gegen die ökologische Zerstörung seiner Heimat

La Oroya (DT) Wenn Bischof Pedro Barreto, Oberhirte der Diözese Huancayo in Peru, über seine Heimatregion berichtet, klingt er ruhig und sachlich: „Die Gegend um Huancayo, in den zentralen Anden von Peru, hat, historisch gesehen, immer vom Bergbau gelebt. In der Stadt La Oroya, auf mehr als 3 700 Metern Höhe, gibt es eine Schmelzanlage für Schwermetalle, die noch aus dem Jahre 1922 stammt. La Oroya steht im traurigen Ruf, zu den zehn am stärksten verseuchten Städten der Welt zu gehören.“

Unverwüstliche Energie

Einige Zahlen machen das Ausmaß der Umweltverseuchung deutlich: In der 35 000-Einwohnerstadt La Oroya lässt die Schmelzhütte jeden Tag über tausend Kubikmeter an Giften in die Umgebung ab: Blei, Zink, Arsen, Quecksilber – eine hochtoxische Wolke liegt ständig über der Stadt. Der Fluss Mantaro, der auf einer Länge von etwa 170 Kilometern die Hochebene in diesem Teil der Anden durchquert, ist nur noch eine stinkende, braune Kloake. Nicht nur die Bleihütte von La Oroya, sondern insgesamt 25 Bergwerke in der Gegend lassen ihre Abwässer ungeklärt in den Río Mantero fließen. Chemische Rückstände aus der Landwirtschaft tun ihr übriges, um jegliches Leben im Fluss zu vernichten. „Der Río Mantaro, einst Lebensader unserer Region, ist heute tot“, stellt Bischof Barreto fest.

Hinter seinen Brillengläsern blicken die Augen des 64-jährigen Geistlichen sein Gegenüber gleichzeitig freundlich und sehr fest an. Pedro Barreto, klein von Statur, strahlt eine unverwüstliche Energie aus. Und diese Energie setzt der peruanische Oberhirte, der seit 1961 dem Jesuitenorden angehört und 2004 die Leitung der Diözese Huancayo übernahm, unermüdlich ein, um gegen die massive Umweltverwüstung zu kämpfen und das öffentliche Bewusstsein für die katastrophalen Folgen, vor allem die schweren Gesundheitsschäden bei der Bevölkerung, zu schärfen.

Bischof Barreto zog sich durch sein Engagement Proteste, Beschimpfungen, ja sogar Morddrohungen zu. Davon abschrecken ließ er sich nicht. Auf nationaler wie internationaler Ebene erhebt er seine Stimme als Vertreter einer „ökologischen Theologie“. Er gehört zu den engen Kooperationspartnern des Bischöflichen Hilfswerks Misereor und war als Botschafter seines Landes im Rahmen der diesjährigen Fastenkampagne fast drei Wochen lang in verschiedenen deutschen Diözesen unterwegs.

Eine von Barretos Forderungen lautet: drastische Reduzierung der Schadstoffemissionen durch geeignete Filteranlagen. Solche kostenträchtigen Modernisierungsmaßnahmen sind jedoch nicht im Interesse ausländischer Betreiberfirmen. Der US-Konzern Doe Run, der 1997 die Schmelzhütte von La Oroya übernahm, schafft es bisher immer wieder, Fristverlängerungen zur Durchführung notwendiger Modernisierungen durchzusetzen. Mehrfach drohte der Konzern mit einer Schließung der Anlage und setzte damit die peruanische Regierung unter Druck. Bischof Pedro Barreto bezeichnet das Verhalten des Konzerns als fehlenden Respekt vor dem Leben – wirtschaftliche Interessen würden rücksichtslos über menschliche Würde und Gesundheit gestellt.

Allerdings muss der Oberhirte von Huancayo auch in der Bevölkerung selbst Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten: Denn die Einwohner von La Oroya und Umgebung leben überwiegend vom Bergbau: sie verlassen sich auf die minimale medizinische Versorgung durch die Unternehmen und eine kleine Rente für die Zukunft, obwohl wahrscheinlich nur wenige das Rentenalter erreichen werden. So musste der Bischof immer wieder Anfeindungen auch von den Menschen in seiner Diözese hinnehmen. Das hat sich jetzt nach und nach geändert. Die Aufklärungsarbeit durch die katholische Kirche in den vergangenen Jahren, besonders durch zahlreiche freiwillige Sozialarbeiter, die an der Basis, in den Familien tätig sind, hat einen allmählichen Lernprozess in Gang gesetzt.

Nicht zuletzt lassen sich die Menschen mehr und mehr von den erschreckenden Fakten überzeugen: Der Bischof hat eine Studie zur Umweltverseuchung in La Oroya durchführen lassen. Eines der Resultate: Nahezu hundert Prozent aller Kinder in der Stadt weisen höchste Werte an Blei im Körper auf. Blei aber schädigt das menschliche Nervensystem, beeinträchtigt Kinder im Wachstum und in ihrer Entwicklung. Die Ergebnisse der Studie, die von Mitarbeitern der Diözese Huancayo in die Familien getragen werden, führen immer mehr zum Umdenken: Im Vordergrund steht jetzt weniger die Angst vor Entlassung, sondern die Sorge der Eltern um ihre Kinder. Und so wächst in der Bevölkerung der Widerstand gegen die rücksichtslose Ausbeutung ihrer Heimat durch den Bergbau.

Ein Plan zum Schutz der Umwelt

Zunehmend gelingt es der katholischen Kirche in der Region von Huancayo, diesen Widerstand zu bündeln und zu organisieren. In der Vergangenheit, so Bischof Barreto, hat es immer nur vereinzelte Stimmen gegen den ökologischen Raubbau gegeben. „Seit dreieinhalb Jahren existiert jedoch ein runder Tisch zum Umweltschutz, der erstmals alle gesellschaftlichen Gruppen und Vertreter regionaler Behörden sowie der Kommunen zusammenführt. Wir arbeiten nun alle gemeinsam an einem Mehrstufen-Plan zum Schutz der Umwelt.“

Der Bischof setzt große Hoffnungen in die derzeitige Initiative, die zwar von der katholischen Kirche ausgegangen sei, mittlerweile jedoch die Zivilgesellschaft als Ganzes erreicht habe. Der Einfluss der katholischen Kirche sei ja in erster Linie ethischer und moralischer Natur: „Wir suchen niemals direkten politischen Einfluss. Aber – wenn das Leben bedroht ist, kann die katholische Kirche, können alle Gläubigen nicht schweigen. Wir haben eine Vorstellung davon, wie man die Umwelt besser schützen kann. Und ich bin überzeugt, dass es möglich ist, die Stadt La Oroya und das Flussbecken des Río Mantaro zu entgiften – wenn sich alle zusammenschließen und einig sind. Und wenn wir alle das Gemeinwohl im Blick haben. Wir müssen alle unsere Kräfte vereinen, um Fortschritte zu erzielen.“

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