Petershagen

Kreativ und katholisch

Im brandenburgischen Petershagen hat eine katholische Grundschule einen sehr guten Ruf – auch dank der engagierten Schulrektorin Anja Wuttke-Neumann.

Lehrerin mit Seele: Schulrektorin Anja Wuttke-Neumann.BV Foto: Foto:

Ich bin seit zwei Jahrzehnten Kunstlehrerin mit Leib und Seele und seit 13 Jahren Schulleiterin“, erzählt Anja Wuttke-Neumann gleich am Eingang des modernen Schulgebäudes. Sie würde auch im Leben nichts mehr anderes machen wollen und sei „sehr froh, dass der Kunstunterricht so einen schönen Ausgleich zu meiner Verwaltungstätigkeit darstellt“. Sie ist für den Kunstunterricht von der Dritten bis zur Sechsten Klasse komplett allein verantwortlich.

„Corona führte zu vielen Einschränkungen im öffentlichen und persönlichen Leben – zum Glück leidet die Kreativität nicht, sondern wird eher angespornt. Auch unsere Kinder lassen sich in diesen Zeiten nicht unterkriegen, sie überraschen und erfreuen mit fantasievollen Kunstwerken“, erklärt Frau Wuttke-Neumann.

Man kann den Kindern mehr Kreativität zutrauen

Wenn sie gelegentlich hört: „Na, so ein bisschen malen, das kann ja jeder!“ mag das stimmen, aber sie plädiert für eine fachliche, fundierte Ausbildung und Anleitung der Kinder. „Manche meinten, so ein Sechsjähriger kann nur ein Männchen und eine Sonne malen. Das ist aber einfach nicht so!“ Man solle den Kindern mehr zutrauen und zumuten im Kunstunterricht. Sie traf schon ehemalige Schüler, die jetzt erwachsen sind, „und die wissen immer noch, wie der Hund von Picasso hieß, weil sie bei mir Kunstunterricht hatten“, sagt sie schmunzelnd.

Anja Wuttke-Neumann leitet die katholische Grundschule St. Hedwig in Petershagen am Rande Berlins, die 1993 gegründet wurde. Die Schule wird vom Berliner Erzbistum getragen. Ihre Vorgängerin war noch eine Ordensschwester. An der Schule arbeiten zwölf Lehrerinnen sowie fünf Erzieherinnen und ein Erzieher. Für die 160 Kinder in den sechs Klassen gibt es auch eine eigene Hortbetreuung. Aber begonnen hat Frau Wuttke-Neumann an einer anderen Schule im Land Brandenburg, die sich ebenfalls in Trägerschaft des Berliner Erzbistums befindet: an der katholischen Schule Bernhardinum in Fürstenwalde. Hier absolvierte sie erst ihr Referendariat, war dort zwei Jahre als Lehrerin und später stellvertretende Schulleiterin tätig. Studiert hat sie Grundschulpädagogik in Potsdam und wurde damals mit gerade mal 25 Jahren die jüngste ausgebildete Lehrerin im Land Brandenburg.

In der DDR mit Studienverbot bedroht

Geboren wurde Anja Wuttke-Neumann 1975 in Dresden. „Schon in der 5. Klasse war für mich ganz klar: Ich möchte später Deutsch- und Kunstlehrerin werden.“ Den Hefter, wo sie ihren Berufswunsch verewigte, hat sie immer noch. Doch so einfach sollte sich ihr Traumjob in der DDR nicht realisieren lassen, „weil man herausgefunden hatte, dass meine Familie mit der Kirche zu tun hat. Da wurde ich in der 7. Klasse – ich werde den Tag nie vergessen – zum Direktor aus dem Unterricht geholt.“ Ihr wurde nahegelegt, wenn sie in der DDR auf Lehramt studieren möchte, „dann müsste ich auf jeden Fall auch in allen Organisationen sein und auch die Jugendweihe in der 8. Klasse mitmachen“ – andernfalls drohe ihr ein Studienverbot.

Man merkt ihr die innere Erregung bis heute an, wenn sie über diesen Erpressungsversuch und die staatlichen Zwangsmaßnahmen der kommunistischen Parteikader spricht. Alles nur, um junge Menschen von ihrem Glauben abzubringen und sie auf eine atheistische Linie zu verpflichten. Sie wusste, man beobachtet sie. Und bei der Jugendweihe stand jemand neben ihr„der mitgefilmt hat, ob ich auch dieses Gelübde oder Gelöbnis – was man damals auf die DDR schwören musste, auch tatsächlich mitspreche. Für mich war das ein ganz, schrecklicher Tag.“ Sie habe den Rest des Tages nur geweint. „Aber weil mein Wunsch so groß war, Lehrerin zu werden und zu studieren“, habe sie damals alles mitgemacht. „Und dann bin ich auch noch so ein bisschen von der Kirche bestraft worden“, weil man ihr sagte: Wer Jugendweihe mitmacht, darf nicht im gleichen Jahr auch zur Firmung gehen. Wenig später kam der Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung „und ich hätte mir das ganze Prozedere sparen können …“.

Familiäre Umgebung

Anja Wuttke-Neumann lebt heute mit ihrer Familie in Berlin-Köpenick. Sie hat zwei Söhne: Franz (14) und Paul (15). Der gute Ruf der Sankt Hedwig-Schule in Petershagen hat sich herumgesprochen. Deshalb nehmen einige Kinder auch lange Fahrtwege auf sich, um dorthin zu kommen. Einige sind mit dem von der Schule organisierten Busunternehmen, welches bei Bedarf jedes Kind von der eigenen Haustür abholt, eine Stunde oder länger pro Weg unterwegs. Trotz dieses großen Einzugsgebietes schätzt Frau Wuttke-Neumann die Atmosphäre und Stimmung in ihrer Schule als „sehr familiär“ ein. Als Schulleiterin kenne sie jedes Kind mit Namen „und ich sehe auch jedem Kind im Flur an, wenn mal irgendetwas nicht stimmt, weil ich weiß, wie jedes Kind normalerweise guckt“.

Die Nachfrage bei den Erstklässlern sei im Schnitt dreimal so hoch, wie Kinder an der Schule aufgenommen werden können. Das liegt auch an einem besonderen Umstand: „Weil wir viele Kinder haben, die besondere Betreuung brauchen: Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Das nimmt immens zu. Wenn ich ungefähr 70 Gespräche jedes Jahr führe, von denen ich dann so 25 bis 28 Kinder aufnehmen kann, sind 40 Prozent Kinder von Eltern dabei, die sich unsere Schule aussuchen, weil wir christlich sind.“ Der Notengebung und Bewertung von Leistungen in der Schule hat sie ihr eigenes System unterlegt: „Klar müssen wir ab Klasse 4 Noten geben, weil es die Vorgaben so vorsehen. Aber ich würde Kunst nie bewerten. Ich habe zu den Kindern gesagt, ich muss eine Zahl in mein Buch schreiben, aber ihr seid meine Jury.“ So legen immer ein paar Kinder die Kunstwerke aus und alle überlegen, was die Aufgabenstellung und die Kriterien waren.

Zum christlichen Glauben finden

An der Schule von Frau Wuttke-Neumann lernen gut 50 Prozent Kinder aus katholischen Elternhäusern. Das ist für ein Land wie Brandenburg, wo sich weniger als drei Prozent der Einwohner zum katholischen Glauben bekennen, sehr viel. Die andere Hälfte sind meist evangelische oder gar nicht getaufte Kinder. Aber einen Aufnahmebonus liefert die Konfession nicht: „Mir nützt es auch nichts, wenn jemand hier ankommt und sagt mein Kind ist katholisch getauft, also hat es wohl den Vorrang. Mir ist es wichtig, dass die Familien als Christen leben.“

Hin und wieder kommt es vor, dass Kinder in der Schule zum christlichen Glauben finden. Im vergangenen Jahr haben sich zwei Geschwisterkinder taufen lassen: „Gleich hier nebenan in der St. Hubertuskirche – aus der Überzeugung heraus, dass sich das gut anfühlt, wenn man mit seiner Familie zu dieser Gemeinschaft gehört“, berichtet Anja Wuttke-Neumann und fragt zum Schluss: „Was kann es Schöneres geben, wenn wir auch zusammen in der Kirchengemeinde feiern und uns der Glaube über die Schule hinaus verbindet?“.

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