Konfettiregen

Fastnacht am Rhein: Das närrische Volk in Mainz ist wieder gerüstet. Von Robert Luchs
Proklamation des närrischen Grundgesetzes in Mainz
Foto: dpa | Bereits am 11.11. um 11 Uhr 11 wurde die Fastnachtssaison in Mainz eröffnet: Jetzt steuert alles auf den närrischen Höhepunkt am Rosenmontag zu.

Fastnacht am Rhein: Das närrische Volk in Mainz ist wieder gerüstet

Wird in Mainz von der „fünften Jahreszeit“ gesprochen, dann kündigt sich Elementares an. In die scheinbar unverrückbare Gesetzmäßigkeit des jahreszeitlichen Ablaufs drängt sich ein Volk mit blankgeputzten Säbeln und bunten Schellenkappen und eröffnet, wohl versehen mit den Insignien der Narrheit, die „Kampagne“. Schon vor über 150 Jahren, zur ersten „ungeheueren Generalversammlung“, vermeldete der Chronist, es sei wieder soweit: „Am Anfang war der Geist, und der Geist wurde Narrheit!“ Und als seine Vehemenz, der Vorsitzende, dem Prinzen Carneval das Wort erteilte, verkündete dieser vielverheißend sein Umschwungprogramm, das für die nächsten Wochen und Monate alles auf den Kopf stellen sollte. Nichts ist stabiler in Mainz, der Rheinland-pfälzischen Hauptstadt, als diese Tradition mit Konfettiregen und Flitterglanz. Das ist über viele Jahre so geblieben, auch nachdem der inzwischen verstorbene, überaus beliebte und volksnahe Oberbürgermeister Jockel Fuchs die Amtskette weitergegeben hatte. Kein Zweifel, die Fastnachtsgarden und närrischen Korporationen am Rhein haben sich auch diesmal wieder äußerst ernsthaft auf die neue Session vorbereitet. Wie rief doch Herbert Bonewitz, früher einer der bekanntesten Mainzer Humorstrategen und Fastnachtskritiker zugleich: „Spaß beiseite, genug gelacht, Freunde. Es ist Fassenacht.“ Immerhin stimmen ihm bei dieser Einschätzung 84 Prozent der Mainzer zu: Für die meisten Aktiven ist die Fastnacht am Rhein eine ernste Angelegenheit. Dafür aber tragen nach des Volkes Meinung die Funktionäre selbst die Verantwortung.

Viele von ihnen haben sich von der Parodie auf die Mächtigen und Herrschenden, einem Wesenszug der Mainzer Fastnacht, gelöst und sich selbst zu Mächtigen oder zumindest Einflussreichen ernannt. Der Präsident der tollen Tage führte diesen Titel auch im Sommer, der Gardegeneral begann, Beziehungen auch zur Bundeswehr zu pflegen, wurde gespöttelt.

Die Prinzengarde im Mainzer Ortsteil Mombach weiß davon ein närrisches Lied zu singen. 1952 stand über Nacht der kom-mandierende „General“ nicht mehr zur Verfügung. Da aber die anderen Gardemitglieder nicht über die für den Offiziersrang vorgeschriebenen elf Jahre Aktivität verfügten, sahen sich die Mombacher gezwungen, anderweitig nach einem gedienten Kommandanten Ausschau zu halten. Also inserierte man in der Mainzer Zeitung: „Bei der Prinzengarde soll die freie Planstelle des Generals neu besetzt werden. Bewerbungen sind schriftlich einzureichen…“ Der Wellenschlag von der Narrenbühne auf die politische Bühne ließ den Fastnachtern die Augen übergehen: Denn Kritiker ordneten den Vorgang humorlos in das „Wettrennen um die künftigen Generalplanstellen in Adenauers Ami-Armee“ ein. Trotz der farbenfrohen Umzüge fliehen viele echte „Määnzer“ vor monatelang einstudierter Heiterkeit. Dennoch gibt es einen harten Kern, der in dieser turbulenten Zeitmehr als 400 bis 500 Euro verjubelt. Es handelt sich zumeist um eine Bevölkerungsgruppe, die im restlichen Jahr jeden Euro zweimal umdrehen muss. Die Sitzungen prominenter Vereine sind oft seit Wochen ausverkauft, und die Weinpreise klettern just in der Kampagne in die Höhe, als habe es die magerste Weinernte seit Jahren gegeben.

Bei dem geselligen Mainzer Typus überwiegen die Verheirateten und die Angehörigen der katholischen Konfession. Es sei kein Zufall, dass sich die Fastnacht gerade in katholischen Gegenden so prächtig entwickelt habe und dort bis heute zuhause sei, stellt der Psychologe Professor Peter Glanzmann fest. Der Katholik müsse „das ganze Jahr über gut sein“, meint Glanzmann. In der Fastnachtszeit sei dieses Gebot aufgehoben; „da darf der Katholik mal die Sau rauslassen“. Neben der Auflehnung gegen die Religion sei die Fastnacht auch ein Protest gegen die politische Obrigkeit. In Mainz, erinnert Glanzmann, sei das Fest in der Zeit der französischen Besatzung entstanden. Aus dieser Zeit stamme auch die Vorliebe der Fastnachter für Uniformen der unterschiedlichsten Art. Das Verkleiden und Maskieren begünstige die Möglichkeit, aus dem Alltag auszubrechen und einmal im Jahr über die Stränge zu schlagen.

In Mainz ist die Verbindung zwischen Fastnacht und der katholischen Kirche besonders eng. Kein Wunder, da ein prominenter Mitarbeiter im Mainzer Bischöflichen Ordinariat in der närrischen Zeit die Seiten wechselt und nicht nur bei der Korporation „Eiskalte Brüder“ den Saal zum Toben bringt. Der seit Jahrzehnten der Fastnacht verbundene Andreas Schmitt tritt als Obermessdiener auf, und dirigiert als Sitzungspräsident mit lockerer Hand die Fernsehsendung „Mainz, wie es singt und lacht“. Kaum einer der Zuschauer vermutet, dass Schmitt im Alltag im Schatten des Doms wichtige Funktionen im Referat 3 des Bischöflichen Ordinariats wahrnimmt.

Aber auch die Schattenseite der Mainzer Fastnacht soll nicht unerwähnt bleiben. In jedem Jahr gibt es Hunderte von „Alkoholleichen“, und manche – vor allem Jugendliche – kommen nur knapp mit dem Leben davon. Todesfälle gab es seit der Einrichtung einer Ausnüchterungszelle für volltrunkene Narren aber nicht mehr. Ein Fortschritt.

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