Münster

Kompetenz mit Vaterunser

Chefarzt Anton Gillessen findet nicht nur in Corona-Zeiten Halt in seinem Glauben.

Katholik, Chefarzt und Menschenfreund: Anton Gillessen
Katholik, Chefarzt und Menschenfreund: Anton Gillessen. Foto: GF

Dass ein Chefarzt sich offen zu seinem Glauben bekennt, ist heutzutage ganz selten geworden. Der offene, umgängliche und joviale Dr. Anton Gillessen, seines Zeichens Chefarzt für Innere Medizin des Herz-Jesu-Krankenhauses in Münster-Hiltrup, räumt dagegen mit großer Selbstverständlichkeit ein, dass der Glaube für ihn eine wichtige Stütze in seinem Leben ist. „In Situationen, in denen ich nicht mehr kann oder sprachlos bin, bete ich gern ein Vaterunser“, erklärt Gillessen. „Das gibt mir Halt.“

Auch habe er noch nie erlebt, dass ein Patient negativ oder gar böse reagiert habe, wenn er ihn gefragt habe, ob er einen Seelsorger oder die Krankensalbung brauche. „Das ist mein Angebot, mein Lösungsvorschlag für bestimmte Lebenslagen, und wenn jemand zu erkennen gibt, dass er das nicht möchte, weil er mit der Kirche nichts am Hut hat, akzeptiere ich das“, hebt der Mediziner, der mit dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (Zdk), Prof. Dr. Thomas Sternberg, eng befreundet ist, hervor.

„Der Shutdown war superwichtig für uns, damit wir nicht bei einem plötzlichen Ansturm überfordert werden.“  Dr. Anton Gillessen

Keinen Hehl macht er auch daraus, dass er mit seiner katholischen Überzeugung und seinem kirchlichen Engagement selbst an dem traditionell katholischen Herz-Jesu-Krankenhaus unter den Ärzten und Pflegekräften nicht viele Gleichgesinnte findet. „Einstellungsvoraussetzung sind auch bei uns fachliche Eignung und menschliche Qualitäten und nicht zuerst die katholische Grundhaltung“, erläutert er. „Unter den Ärzten und den Krankenschwestern sind etliche Muslime, und dagegen ist auch nichts zu sagen. Mit manchen bin ich gerne befreundet.“

Schon früh Interesse an Theologie

Geboren ist der überzeugte Rheinländer im westfälischen Holtwick (heute Rosendahl) in der Nähe von Münster. Aufgewachsen aber ist er in Aachen, wo er 1979 am traditionsreichen Kaiser-Karls-Gymnasium das Abitur ablegte. Danach wollte er eigentlich Katholische Theologie studieren, um Priester zu werden, entschied sich aber wegen des Zölibats doch anders und studierte in Aachen, Münster und London Medizin. Nach dem Examen 1987 an der Universität Münster wurde er Assistent und Oberarzt von Prof. Ulrich Gerlach am Uniklinikum Münster, bevor er ans Marienhospital Herne wechselte.

1997 habilitierte er sich an der Ruhr-Universität Bochum und ist seit 2003 am Herz-Jesu-Krankenhaus in Münster-Hiltrup tätig. Darüber hinaus kann Gillessen auf ein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement für die katholische Kirche verweisen: 15 Jahren im Pfarrgemeinderat der damals selbstständigen Aachener Innenstadtpfarrei St. Foillan folgten 25 Jahre in der früher selbstständigen Pfarrei St. Theresia in Münster. Heute ist er in dieser Gemeinde noch als Lektor und Kommunionhelfer aktiv – und als begeisterter Sänger im Projektchor, kann er doch immerhin auf eine erfolgreiche Karriere im renommierten Aachener Domchor (1969 bis 1975) zurückblicken.

Covid-19 hat vieles verändert

Durch die Covid-19-Bedrohung aber habe sich im Herz-Jesu-Krankenhaus viel verändert, erklärt er in seinem charmanten rheinischen Tonfall. Angst, sich anzustecken – ja die habe er auch, genau wie alle Ärzte und Pflegekräfte, denn es sei gerade für die jungen Leute eine völlig neue Situation, dass man sich jederzeit anstecken und selbst zum Patienten werden könnte. „Deshalb sind wir uns unserer Verantwortung voll bewusst und achten auf das Tragen von Schutzkleidung“, unterstreicht der Arzt mit Nachdruck.

Auch auf Seiten der Patienten aber habe sich etwas geändert: Während man sich in so manchen Ländern Süd- und Osteuropas sowie im arabischen Raum als Krankenhaus-Patient gern mit der gesamten Familie umgebe, ziehe man sich in Deutschland gern in ein Schneckenhaus zurück. „Vielen wird aber gerade klar, dass das nicht der beste Weg des Umgangs mit einer Krankheit ist“, betont Gillessen. „Sie erfahren am eigenen Leib, wie wichtig es ist, dass einer sie besuchen kommt – und ausgerechnet jetzt gibt es ein Besuchsverbot.“

Krankenbesuch ist ein Werk der Barmherzigkeit

Angehörige und Freunde müssten wegen der Kontaktsperre momentan am Eingang des Krankenhauses Taschen mit Geschenken abstellen, und selbst ein Sterbender dürfe nur von einer Person besucht werden. „In vielen Zimmern, in die ich bei einer Visite komme, steht jetzt kein Blümchen“, fügt der Arzt bedauernd hinzu. Wer aber nicht besucht werden könne, der sei auf sich allein und seine Krankheit zurückgeworfen: Nicht umsonst gehöre das Besuchen der Kranken zu den sieben Werken der Barmherzigkeit.

Besonders gut erinnert Gillessen sich an einen 89 Jahre alten Covid-19-Patienten, der nicht beatmet und nicht wiederbelebt werden wollte. Seine gesamte Familie war infiziert – bis auf den Sohn des Kranken, der als schwarzes Schaf der Familie galt. „Dass er sich am Ende ausgerechnet mit diesem Sohn aussöhnen konnte, war für ihn ganz wichtig. Danach konnte er auch loslassen“, erinnert sich der engagierte Arzt. Neben diesem Patienten sind bisher noch zwei Hochbetagte im Herz-Jesu-Krankenhaus gestorben.

Ein Drittel der Betten für Corona

Derzeit liegen dort acht Covid-19-Patienten mit leichten Symptomen. „Wir haben hier ein Drittel der Betten für Corona-Kranke leergeräumt, alle Ambulanzen heruntergefahren und nur noch die absolut notwendigen Behandlungen vorgenommen“, berichtet der Arzt. Deshalb sei derzeit die Hektik weg, und Ärzte und Pflegekräfte hätten zuletzt deutlich mehr Zeit für Gespräche untereinander und vor allem mit den Patienten und Angehörigen gehabt. Doch das könne sich schnell ändern.

„Der Shutdown war superwichtig für uns, damit wir nicht bei einem plötzlichen Ansturm überfordert werden, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Menschen weitaus häufiger an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben als an Covid-19“, so Gillessen. Von daher sei es nur zu begrüßen, dass schon bald wieder mehr Betten freigegeben werden könnten. Das dürfe andererseits aber nicht zu Leichtsinn und mangelnder Vorsicht im Hinblick auf Corona führen.

Die Gnade der Gesundheit

Und was wird oder muss in Zukunft aus der Krisen-Zeit bleiben? „Vor allem die Wertschätzung des Gesundheitswesens“, unterstreicht der Arzt. „Das Machbarkeitssyndrom muss überwunden, das Gesundheitssystem darf nicht nur als Kostenfaktor, sondern als hohes Gut gesehen werden, das erhalten werden muss.“ Die Krise habe nachdrücklich vor Augen geführt, wie hoch die Gnade der Gesundheit und die Bedeutung der zwischenmenschlichen Kommunikation einzuschätzen sei. „Wie wir miteinander und mit Gott leben, das macht uns ja als gläubige Menschen aus“, fügt Gillessen hinzu. „Für mich ist die Corona-Krise eine Art Läuterungsprozess für die Kirche, und ich bin gespannt, wie sie sich jetzt aufstellt, denn dass wir den Glauben feiern, ist so unverzichtbar wie die Luft zum Atmen.“

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