Kolumne: Zinspolitik: Was ist gerecht?

Von Marco Bonacker

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, stammt als Italiener aus dem Land, in dem die älteste Bank der Welt, „Monte dei Paschi“, ihren Sitz hat. Die Bank, die im Jahr 2013 nur durch eine Finanzspritze des italienischen Staates über 4,1 Milliarden Euro gerettet werden konnte, und zugleich auf eine wechselhafte Geschichte zurückblicken kann, wurde als Leihhaus „Monte di Pietá“ 1472 in Siena gegründet. Die Gründungsidee war dabei keineswegs von Profitorientierung geleitet, sondern von der Idee der Wohltätigkeit. Es mutet zunächst überraschend an, dass gerade die Institution, die das gesamte Bankenwesen, das wir heute kennen, mitgeprägt hat, sich als wichtigstes Ziel die Nächstenliebe auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie war das möglich? Im christlichen Europa des Mittelalters galt das Nehmen von Zinsen doch als sündhaft und wurde sogar kanonisch bekämpft. Schon im Alten Testament wird das Nehmen von Zinsen beschränkt (Ex 22, 24) beziehungsweise ganz verboten (Lev 25, 35–37). Für die Kirchenväter wurde diese Ansicht im Neuen Testament bestätigt (Lukas 6, 35). Auch später wurde die kritische Haltung der Kirche zur Zinsnahme mehrfach wiederholt: Beispielhaft ist hier Papst Innozenz III., der im Decretum Gratiani von um 1140 das Zinsnehmen verbietet.

Die Montes Pietatis jedoch, die erste wurde 1462 in Perugia gegründet, gehen ausdrücklich auf die franziskanische Idee zurück, dass den Menschen konkret geholfen werden muss und dies eben auch finanziell. Das, was wir heute jubelnd und zuweilen differenziert lobend als Mikrokredite in Entwicklungsländern wahrnehmen, die Kleinunternehmer fördern und die Selbstständigkeit vieler Menschen gewährleisten, wurde durch die Idee der Franziskaner im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit bereits vorweggenommen: Gegen geringe Zinsen oder auch nur gegen Pfand erhielten Bedürftige kleine Kredite. So wurde einerseits verhindert, dass diese in die Arme von Wucherern gerieten und andererseits, dass die Armen nicht arm bleiben mussten. Sie konnten sich mit dem geliehenen Geld nicht selten eine Existenz aufbauen und sich persönlich entfalten. Zudem fungierte das franziskanische Leihhaussystem der Montes Pietatis als Absicherung in schlechten Zeiten, durch finanzielle Engpässe und persönliche Notlagen. In jedem Fall waren sie als Mittel der Armutsbekämpfung geschaffen und als solche trugen sie dazu bei, eine Antwort auf den Pauperisierungsprozess in der Unter- und Mittelschicht in italienischen Städten zu finden.

Die franziskanischen Frühformen der Genossenschaftsbanken verbreiteten sich schnell über Italien hinaus. Besonders Bernhardin von Feltre machte sich für ihre Etablierung stark. Das strikte Zinsverbot jedenfalls bröckelte, auch wenn der Widerstand noch lange nicht vollständig gebrochen war. Zinsen, und dies ist die Überleitung zur Gegenwart, waren also immer schon ein wesentlicher Faktor der Auseinandersetzung um wirtschaftliches Handeln und seine Rahmenbedingungen.

Auch heute findet eine Zinsdebatte statt – allerdings unter etwas anderen Vorzeichen: Mario Draghi als personalisiertes Sinnbild der gegenwärtigen europäischen Zinspolitik hat diese Woche verlauten lassen, dass die niedrigen Zinsen Europa noch länger begleiten werden. Das Zinsniveau ist auf einem andauernden Tiefstand: 2001 lag der Leitzins in der Eurozone bei über 4,5 Prozent, nach einem Zwischenhoch 2009 noch einmal über 4 Prozent. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise jedoch ging der Leitzins in den Keller. Bereits Mitte 2009 war er auf 1 Prozent geschrumpft, seit Mai 2013 lag er bei 0,5 Prozent. Vor wenigen Wochen dann das Rekordtief: 0,05 Prozent.

Die Folgen dieser Krisenstrategie sind in Europa sehr unterschiedlich. Kurz gesagt: Gewinner sind die Schuldner. Sie kommen leichter an neue Kredite und damit an frisches Geld. Die großen Verlierer sind die Sparer, also jene, die gut mit ihrem Geld haushalten, die auf Sicherheit setzen und auf lange Sicht planen. Gerade aus deutscher Sicht ist diese Entschuldungspolitik der EZB über den Leitzins folgenreich: Nach einem Vergleich der Zinssätze der letzten zehn Jahre, den Analysten der Allianz vorgenommen haben, kostete die Niedrigzinspolitik der EZB die deutschen Sparer 23 Milliarden Euro. Je höher die Verschuldung, desto günstiger wirkt sich die Zinslage auf private Haushalte aus. Sie werden insgesamt stark entlastet. Je höher die Spareinlagen, desto größer ist der Verlust. Dies betrifft vor allem sichere Spareinlagen, die in Deutschland durchschnittlich nur 0,7 Prozent bringen. Diese Form der Umverteilung durch Zinspolitik, die Deflation verhindern und die Wirtschaft in den Krisenländern stärken soll, lässt zumindest einen neuen Aspekt im langen Streit um die richtigen Zinsen deutlich werden. Ist eine europäische Zinspolitik gerecht, die gerade vorausschauendes Handeln in Form von Spareinlagen bestraft? Oder ist es gerade eine Form höherer Gerechtigkeit, wenn durch Zinspolitik ausgeglichen wird, wofür in Schuldnerländern keiner etwas kann? In jedem Fall wäre es problematisch, wenn gerade der vorausschauende Sparer für die sehenden Auges begangenen Fehler anderer zahlen müsste. Falsch verstandene Solidarität darf nicht die Notwendigkeit der Subsidiarität aushöhlen.

Der Autor ist Wissenschaftlicher Referent der Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

Themen & Autoren

Kirche