Klöster

Kloster Einsiedeln: Gestüt für edles Geblüt

Das Benediktinerkloster Einsiedeln ist bekannt für sein Gnadenbild – doch es gibt dort auch Pferde. Von Karl Horat

Pferdezucht im Kloster Einsiedeln
Im barocken Kloster Einsiedeln wurden Pferde gezüchtet: Die „Cavalli della Madonna“. Foto: Karl Horat

Die barocke Klosterkirche von Einsiedeln mit ihrem Gnadenbild der Schwarzen Madonna ist das wohl bekannteste Wallfahrtsziel der Schweiz. Weniger bekannt ist, dass innerhalb der Klosteranlage dieser Benediktinerabtei eine renommierte Pferdezucht anzutreffen ist, die im Laufe von wohl tausend Jahren eine eigene Pferderasse hervorbrachte. Sie sind imposante Erscheinungen – diese Warmblüter des Klosters – und sie ziehen alle Blicke auf sich. Die meisten Besucher sind so mächtige Pferde mit einer Schulterhöhe gegen die 170 cm nicht gewohnt – und bleiben darum auf respektvoller Distanz. Dabei sind die hier gezüchteten fuchsfarben oder braunen „Cavalli della Madonna“ – als die sie im Mittelalter in ganz Europa bekannt waren – in der Regel eine Seele von Pferd. Sie wurden wegen ihrer Eleganz, ihres guten Charakters, ihrem schwungvollen Gang – und auch wegen ihrer robusten Gesundheit geschätzt.

Augenfällig ist ihr ausgesprochen stabiler Körperbau. „Der Einsiedler fällt aber vor allem durch seinen guten Charakter auf: Es ist ein ausgeglichenes Pferd mit einem großen Herzen, das für seine Leute durchs Feuer geht. Es zeichnet sich durch Vielseitigkeit und Gutmütigkeit aus, ist geduldig, freundlich, lernwillig, leistungsbereit – und nicht nachtragend“, notierte der einstmalige Betreuer Pater Ulrich als Wesensmerkmale der Züchtung im Benediktinerkloster.

Die wechselvolle Geschichte von Kloster Einsiedeln

Das Kloster blickt auf eine lange, wechselvolle Geschichte zurück; parallel dazu erfuhr auch die Tierzucht des Klosters ihre Hoch- und Tiefpunkte.

Die Anfänge Einsiedelns als Kloster und Pilgerziel liegen im 9. Jahrhundert. Der Heilige Meinrad entschloss sich einst, in der Wildnis des finsteren Waldes sich als Eremit ganz Gott zu widmen. 861 soll er der Legende nach von zwei Räubern ermordet worden sein. Eberhard, Dompropst von Straßburg, kam 934 an die legendäre Stätte, um hier eine Klostergemeinschaft nach der Benediktinerregel zu gründen. Er dürfte in seinem Tross Pferde mitgebracht haben. Die ersten Mönche in der Abgeschiedenheit des Waldes waren Selbstversorger. Sie hielten auch Vieh und leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Entstehen der heute erfolgreichen Rinderrasse „Schwyzer Braunvieh“.

Vierzehn Jahre später waren die wichtigsten Baulichkeiten erstellt. Der Konstanzer Bischof Konrad I. war angereist, um die Kirche einzuweihen; auch der Augsburger Bischof Ulrich war anwesend. Am Tag der Weihe, am 14. September 948, soll sich die „Engelweihe“ ereignet haben. Als Konrad die Kirche weihen wollte, soll aus der Höhe eine Stimme erklungen sein, die gerufen habe: „Höre auf, höre auf Bruder, die Kapelle ist göttlich eingeweiht.“ Diese sich in Windeseile verbreitende Geschichte bildete das Motiv für die einsetzenden Wallfahrten.

Der erste handschriftliche Hinweis auf eine bereits namhafte Pferdezucht findet sich in der Rechtsverleihung vom 24. Februar 1064 durch König Heinrich IV.

Benediktinerkloster Einsiedeln
Durch großzügige Schenkungen gelangte das Kloster zu Reichtum. Foto: Horat

Die Abtei überstand zahlreiche Brände und dank der Ausstrahlung des Pilgerortes auch mehrere Krisen. Durch großzügige Schenkungen deutscher Fürsten gelangte das Kloster zu Reichtum. Der Klostervorsteher regiert alsbald als Fürstabt. Ab dem 13. Jahrhundert wurden nur mehr Söhne des Adels ins Kloster aufgenommen, was in der Folge zu einer kontinuierlichen Reduzierung der Mönche führt.

1314 wurde das Kloster Einsiedeln im Streit um Gemarkungen von Schwyzer Bauern erobert und geplündert. Der Herzog von Österreich Leopold I., der Schirmvogt des Klosters Einsiedeln war, griff daraufhin die Innerschweizer an, unterlag ihnen aber 1315 in der Schlacht am Morgarten. Das Kloster verlor in der Folge einen beträchtlichen Teil seines Landbesitzes.

Nach den Wirren der Reformation verließ 1526 der letzte Mönch das Stift – das Kloster war verwaist. Doch mit den zunehmenden Wallfahrten zur Schwarzen Madonna (schwarz wurde sie im Verlauf der Zeit durch den Ruß des Kerzenrauchs) – wurde es wiederbelebt – und die Zahl der Mönche stieg kontinuierlich an. Schließlich erwies sich das Kloster trotz Erweiterungsbauten zu klein für die Gemeinschaft und es wurde ein Neubau geplant. Die heutige barocke Klosteranlage war im Jahre 1734 im Wesentlichen vollendet.

Die Folgen der französischen Revolution und der Helvetik führten zur größten Zäsur in der Geschichte des Klosters: Als Napoleon 1798 die Schweiz eroberte, flüchteten die Mönche samt der Schwarzen Madonna vor seinen Truppen. Das Kloster wurde geplündert – und alles, was nicht niet- und nagelfest war, weggetragen. Nach dem Abzug der Franzosen kamen die Mönche zurück. Pferde waren keine mehr da. Die Zucht konnte später dank wiedergefundener Stuten und einem zugekauften Yorkshire-Coach-Horse-Hengst fortgesetzt werden.

Im Gegensatz zur Vergangenheit kommen die Warmblüter aus dem Klostergestüt heute weniger als Arbeits- und Zugpferde zum Einsatz; sie werden eher beim Pferdesport und zu Ausritten geschätzt. Im Kloster können Reitstunden gebucht werden – und das Gestüt ist auch zu einem Lehrbetrieb für Pferdewarte geworden. Die Wallfahrten erfuhren mit der Inbetriebnahme der Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts einen mächtigen Aufschwung. Einsiedeln entwickelte sich zum religiösen Zentrum der katholischen Schweiz. Heute besucht jedes Jahr eine halbe Million Menschen Dorf und Kloster.

Es ist nicht zu übersehen, dass junge Mönche rar geworden sind in der Benediktiner Abtei um Vorsteher Urban Federer; die meisten sind vorgerückten Alters. „Bei meinem Eintritt im Jahre 1962 zählte unsere Gemeinschaft 200 Mönche – jetzt sind wir noch 43“, erzählt der 76-jährige Pater Lorenz. „Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden die manuell arbeitenden Brüder den Patres gleichgestellt.

Bis dahin waren die Brüder, die in der Landwirtschaft, im Garten, in den Werkstätten, in der Küche oder im Hausdienst arbeiteten, Mönche zweiter Klasse gewesen.“

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