Alexanderdorf

Kloster Alexanderdorf: Backen und beten

Bei den Benediktinerinnen in Alexanderdorf: Wie sich ein Kloster in einer schwierigen Zeit mit Knusperbrot zu helfen weiß.

Hostienbäckerei
Üblicherweise werden in dem Kloster Hostien wie diese gebacken. Die Corona-Pandemie machte die Nonnen erfinderisch. Foto: Nicolas Armer (dpa)

Noch liegt der Wintermorgen grau und schwer über Alexanderdorf, einem kleinen Ort südlich von Berlin. In dieser strukturschwachen Region in Brandenburg fährt nur ab und an ein Auto durch die Dörfer. Außer dem Schulbus gibt es kaum öffentlichen Nahverkehr.

Doch im 1934 gegründeten Benediktinerinnenkloster sind die 22 Ordensschwestern schon seit fünf Uhr auf den Beinen. Es befindet sich am Ortsausgang in einem 200 Jahre alten Gutshof. Um sechs Uhr versammeln sich die Nonnen zu einer Andacht. Um halb sechs hat jede Schwester Zeit für ein stilles Gebet. „Da ist es möglich, eine Tasse Kaffee oder Tee zu trinken“, sagt Schwester Ruth. „Und dazu gibt es Hostienbruch.“ Das ist Gebäck aus der klostereigenen Bäckerei, das nicht gelungen ist und deshalb nicht verkauft werden kann. Der Hostienbruch, erzählt Schwester Ruth weiter, sei sehr beliebt: „Die Schwestern mögen das.“

Sinn und Struktur

Schwester Ruth hieß Gabriele Lazar und wohnte im Ostberliner Bezirk Pankow, ehe sie 1983 in das Kloster eintrat. Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat. Das Klosterleben gebe ihrem Alltag Sinn und Struktur, sagt sie. Ihre Wurzeln in der Hauptstadt sind ihr noch anzumerken; sie berlinert etwas. Kluge Augen blitzen hinter der Brille. Mit ihren 60 Jahren gehört sie zu den Jüngeren hier. Die jüngste Nonne ist Mitte 30, die älteste 95 Jahre alt.

Hostienbäckerei schon in der DDR

Schwester Ruth erzählt von der Geschichte des Klosters: Es wurde von Berliner Krankenschwestern gegründet. Sie wollten nach den Grundsätzen der Benediktiner leben und suchten dafür einen geeigneten Ort jenseits der Großstadt. „Anfangs lebten sie in sehr ärmlichen Verhältnissen“, sagt Schwester Ruth. Zunächst brachten sie den heruntergekommenen Gutshof auf Vordermann. Weil sie in Alexanderdorf nicht mehr in ihrem alten Beruf tätig sein konnten, richteten die Nonnen schon kurz nach der Gründung des Klosters im ehemaligen Stall eine Hostienbäckerei ein. Selbst in der DDR-Zeit konnten sie damit ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. Vor der Pandemie verarbeiteten die Schwestern an einem Backtag 84 Kilo Mehl zu etwa 80 000 Hostien. Damit belieferten sie katholische Gemeinden in ganz Ostdeutschland, im Süden und Westen des Landes. Hinzu kamen einige evangelische Kunden und die deutsche Militärseelsorge in Afghanistan. Etwa 85 Prozent der Hostien gehen normalerweise an Kunden aus der katholischen Kirche, schätzt Schwester Ruth.

Schwester Ruth.JJ
Zuversicht, die aus dem Glauben kommt: Schwester Ruth.JJ Foto: Foto:

Doch wegen Corona können jetzt nicht mehr so viele Menschen an den Gottesdiensten teilnehmen wie bisher. Einige Gemeinden verzichten vorerst ganz auf die Eucharistiefeiern. Die Hostienbestellungen in Alexanderdorf sind daher um ein Viertel zurückgegangen. Auch die Kurse in Ikonenmalerei wurden abgesagt, und das Gästehaus des Klosters ist leer. „Es geht ja nicht nur darum, dass wir weniger Umsatz haben“, sagt Schwester Ruth. Auch das Schicksal der weltlichen Mitarbeiter liege ihr am Herzen. Anders als andere Klöster unterhalten die Benediktinerinnen keinen Klosterladen, weil Alexanderdorf so schlecht erreichbar ist und es deswegen keine Laufkundschaft gibt.

Knusperbrot aus Hostienteig

Dass der Hostienbruch den Schwestern so gut schmeckt, brachte die Äbtissin des Klosters, Schwester Bernadette, auf eine Idee: Einen Teil des Teigs aus Mehl und Wasser verarbeiten die Schwestern nach wie vor zu Hostien, den Rest aber zu einem weltlichen Klosterknusperbrot von der Größe eines Knäckebrots. Es kann pur gegessen, mit Marmelade bestrichen oder mit Käse verspeist werden.

Dank Klosterknusperbrot können die Ordensschwestern nach wie vor zwei bis drei Backtage pro Woche abhalten. In der Hostienbäckerei sitzt Schwester Theresia in grauer Arbeitstracht vor einem Computer und kümmert sich um Bestellungen und Rechnungen. Das Internet lässt ja in Teilen Brandenburgs zu wünschen übrig. Doch da das WLAN im Kloster erneuert wurde, kann die zierliche Frau zügig arbeiten. Sie bedaure es sehr, dass viele Gläubige zur Zeit nicht an Eucharistiefeiern teilnehmen können, sagt Theresia: „Das ist eine Begegnung mit Gott, mit Jesus.“

Das Kloster schafft in der Region Arbeitsplätze

Während die Hostien ausschließlich an Gemeinden und Geistliche geliefert werden, wird das Klosterknusperbrot zunehmend von Privatleuten bestellt. Viele gehören zum Unterstützernetzwerk des Klosters oder sind durch Veröffentlichungen auf das neue Produkt aufmerksam geworden. „Ich würde sagen, die allermeisten haben einen christlichen Hintergrund“, sagt Schwester Ruth.

Eine Mühle aus dem Nachbarort Kummersdorf liefert regelmäßig schwere Mehlsäcke an. Der Hostienteig besteht traditionell aus Mehl und Wasser – keine Gewürze, keine Konservierungsmittel. Die Mitarbeiterin Birgit Tietzsch sitzt an dem Backautomaten, den das Kloster 1991 angeschafft hat. Die Maschine presst den Teig zu dünnen gelblichen Platten. Tietzsch nimmt sie von den Backformen ab und legt sie zum Auskühlen auf ein Metallgestell. Für die Hostien werden sie über Nacht in einem gekachelten Raum mit Wasserdampf bestäubt, damit sie nicht brechen. Dann stanzen die Frauen kleine, runde Formen aus. Doch heute arbeiten sie an dem Klosterknusperbrot: Eine weitere Mitarbeiterin schneidet aus den Platten rechteckige Formen aus, die dann in durchsichtigen Plastiktüten verpackt werden.

Das Kloster schafft Arbeitsplätze

Eine Mitarbeiterin und eine Nonne sind in der Hostienbäckerei in Vollzeit tätig, dazu mehrere Frauen in Teilzeit. Das Kloster schafft also in dieser strukturschwachen Region Arbeitsplätze – und verarbeitet mit dem Mehl zudem ein Produkt aus der Gegend. Es stellt also einen Wirtschaftsfaktor dar – und zudem ein geistliches Zentrum. Wegen den Benediktinerinnen haben sich rund um Alexanderdorf etliche katholische Familien angesiedelt, erzählt Schwester Ruth. Wenn nicht gerade wieder Lockdown ist, kommen sie wochentags gern zur Andacht in die Kirche des Klosters. „An den Sonntagen fahren aber gerade die Familien mit Kindern lieber zum Gottesdienst nach Zossen, weil dort auch andere Kinder sind“, sagt sie. Zossen ist die etwa 13 Kilometer entfernte Kleinstadt, die Anschluss an das Bahnnetz hat.

Während der DDR-Zeit ließ die Staatsmacht die Nonnen in ihrer kleinen Enklave weitestgehend in Ruhe. Sie tolerierte auch die regen Kontakte des Klosters zu zahlreichen Partnern in Westeuropa, vor allem in der Bundesrepublik. „Mit der politischen Wende und der Wiedervereinigung hat sich dann auch für uns einiges geändert“, sagt Schwester Ruth. Das neue Land, das das Kloster nun umgibt, garantiert in seiner Verfassung Religionsfreiheit. Und die Schwestern durften reisen, wohin sie wollten. Sie fuhren unter anderem zu Begegnungen mit Ordensleuten aus anderen Benediktinerklöstern. Schwester Ruth pilgerte zweimal auf dem Jakobsweg durch Spanien. Jede Nonne in Alexanderdorf hat drei Wochen Urlaub im Jahr.

Trost und Halt im Glauben

Die Nazizeit, die DDR, die Umbrüche nach 1990 – die Ordensschwestern sind also geübt darin, schwierige Zeiten zu überstehen. Sie finden Trost und Halt in ihrer Gemeinschaft und im Glauben. Dass immer mehr Menschen die großen Volkskirchen verlassen, irritiert Schwester Ruth dann doch: „Als Christ zu leben, gibt mir Lebenskraft, Lebensfreude. Und das können diese Menschen eben nicht erfahren oder haben es nie erfahren. Oder es ist ihnen abhanden gekommen.“

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