Klimawandel trifft Afrikas Bauern

Landwirte in Tansania können sich nicht mehr auf den Wechsel von Regen- und Trockenzeiten verlassen – Kolping hilft mit Beratung

Köln (DT) Seit Sonnenaufgang reißen die Bauern der tansanischen Kolpingsfamilie Kaitoki und ihre Familien das Unkraut zwischen den Bananenstauden mit den Händen aus. Die Temperaturen im Schatten der großen Bananenblätter sind angenehm; an den Kaffeesträuchern hängen dicke rote Kaffeekirschen. Offensichtlich ein schlechter Tag, um sich über die Folgen des Klimawandels zu informieren. Dabei sollen ja die Entwicklungsländer am stärksten von den globalen Klimaveränderungen betroffen sein, obwohl sie am wenigsten dafür verantwortlich sind.

Erst auf den zweiten Blick fallen die viel zu kleinen, braunen Bohnenpflanzen auf. In diesem Frühjahr sind sie auf dem Feld verfault, weil die Regenzeit nicht zum üblichen Zeitpunkt Anfang Januar aufgehört hat. Selbst Mitte Mai habe es noch geregnet, berichten die Bauern. Auch hier im Kagera-Distrikt im Nordwesten Tansanias, nicht weit von Ruanda und Uganda entfernt, leben die meisten Menschen vom Regenfeldbau, wie er in Afrika weit verbreitet ist. Die Landwirtschaft ist abhängig vom stabilen Wechsel der Regen- und Trockenzeiten, ein Kreislauf, auf den sich die Bauern seit Generationen fast immer verlassen konnten. Doch seit einigen Jahren ist diese Verlässlichkeit empfindlich gestört. Mittlerweile wird auch für die Bauern in der Kagera-Region westlich des Victoriasees die Landwirtschaft zu einem Glücksspiel. Die Verschiebung der Regen- und Trockenzeiten ist kein zufälliges Naturereignis, sondern wird von Wissenschaftlern als Trend beschrieben.

Anstieg der Temperatur begünstigt Pflanzenkrankheiten

Dr. F. P. Baijukya, der Forschungskoordinator am tansanischen Forschungsinstitut für Landwirtschaft (ARDI) in Maruku, erklärt, dass wissenschaftliche Erhebungen auf einen deutlichen Einfluss des Klimawandels hinweisen. Erste Veränderungen wurden bereits in den achtziger Jahren beobachtet. Die Abstände zwischen Naturkatastrophen in Ostafrika werden immer kürzer. Durch den nachweislichen Anstieg der Durchschnittstemperatur würden einzelne Pflanzenkrankheiten begünstigt, erklärt Baijukya. Die Panama-Krankheit und die Bananenwelke sind ebenso auf dem Vormarsch wie das Cassava-Mosaik-Virus – und Ernteausfälle sind die Folge. Das ist ein schwerwiegendes Problem, weil Bananen und Cassavawurzeln Grundnahrungsmittel sind.

„Wir können den Klimawandel nicht aufhalten“, sagt der Agrarexperte Baijukya. „Die Strategie, die wir verfolgen, heißt Anpassung.“ Mittlerweile gibt es etwa Cassavasorten, die tolerant gegen das Cassava-Mosaik-Virus sind. Die Pflanzen werden zwar von der Krankheit befallen, bringen aber trotzdem Erträge. Da das Forschungsinstitut ARDI keine eigenen Berater finanzieren kann, arbeitet es eng mit anderen Organisationen zusammen, die die Beratungstätigkeit übernehmen. Zum Beispiel das Kolpingwerk Tansania mit Sitz in der benachbarten Stadt Bukoba. Eustard Shumbusho und Geraldina Mushema, Agrarexperten von Kolping Tansania, kennen die Probleme der Kleinbauern in der Kagera-Region. Bei seinem Besuch der Kolpingsfamilie Kaitoki erkennt Eustard Shumbusho mit einem Blick die befallenen Bananenpflanzen und gibt den Bauern noch im Feld Tipps zur Bekämpfung: Die kranken Pflanzen müssten mit Macheten entfernt und außerhalb des Feldes verbrannt werden. Dasselbe gelte auch für die Bekämpfung der von der Kaffeewelke befallenen Kaffeesträucher. Erfolgreich hat Kolping Tansania bei einigen Bauern krankheitstolerante Kaffeepflanzen eingeführt. Allerdings reifen die Kirschen an diesen Sträuchern sehr ungleichmäßig, verteilt über einen längeren Zeitraum. Immer wieder müssen die Bauern in ihre Plantage, um einzelne reife Kaffeekirschen zu ernten; der Kampf gegen die Kaffeewelke und damit gegen eine der vielen Folgen der Klimaveränderung ist mit erheblicher Mehrarbeit verbunden.

Kompostierung als neuer Weg für ostafrikanische Bauern

Wichtig im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels sind neue Anbaustrategien. So hat Kolping Tansania unter anderem bei vielen Kleinbauern erfolgreich die Kompostierung als Maßnahme zur Bodenverbesserung eingeführt. „Kompost liefert nicht nur wichtige Pflanzennährstoffe, sondern speichert auch die Feuchtigkeit im Boden“, erklären Eustad Shumbusho und Geraldina Mushema den Bäuerinnen und Bauern bei einer Schulung in einer Bananen-Kaffee-Plantage. Gerade während unerwarteter Trockenperioden begünstige die gespeicherte Feuchtigkeit das Aufgehen der Saat und das Anwachsen neu gepflanzter Stecklinge. Beide Berater konzentrieren sich jedoch nicht auf diese wenige Maßnahmen, sondern bieten ein breites Spektrum an. „Wir raten den Familien zum Beispiel, möglichst viele verschiedene Kulturen auf ihrer Fläche anzubauen. Die Vielfalt lässt die Familien Ernteausfälle bei einer Kultur leichter verkraften“, sagt Kolpingberater Shumbusho.

Gleichwohl, der Wasserhaushalt wird immer mehr zum Problem. In diesem Frühjahr regnete es zuviel, aber tendenziell sinkt die Niederschlagsmenge. So berichten die Frauen und Mädchen, die für die Wasserbeschaffung verantwortlich sind, dass sie immer weiter laufen müssen, um Wasser zu holen. Flüsse, die früher während des ganzen Jahres Wasser führten, trocknen inzwischen zeitweise aus.

Traditionelle Pflanzenkulturen neu heimisch machen

Um den Wasserhaushalt zumindest lokal zu verbessern, empfehlen die Referenten von Kolping Tansania seit mehreren Jahren das Pflanzen großer schattenspendender Bäume wie Mango und Pinie. Zusätzlich setzen Kolping und die tansanischen Wissenschaftler verstärkt auf den Anbau trockentoleranter Kulturen: weg von Reis und Mais, hin zu traditionellen Kulturen, die die Menschen bereits vor der Kolonialzeit im Afrika angebaut haben. Beliebte moderne Produkte wie zum Beispiel Donuts lassen sich auch aus Cassavamehl herstellen. Der Vorteil: Cassava überdauert Trockenzeiten besser als Weizen. In einer Region, in der sich die Menschen keine kostspielige Bewässerung leisten können, ist das eine von vielen Strategien des Überlebens. Und Kolping Tansania diskutiert mit den Wissenschaftlern bereits weitere Möglichkeiten der Anpassung.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann