Kinderarbeit – Streit um den richtigen Schutz

Bewegungen arbeitender Kinder in Lateinamerika kritisieren Programme gegen Kinderarbeit

Würzburg (DT) Ein trauriger Tag, der aktuelle Welttag gegen Kinderarbeit. Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO müssen weltweit über zweihundert Millionen Kinder und Jugendliche arbeiten: Hundert Millionen von ihnen verrichten gefährliche oder gesundheitsschädliche Tätigkeiten und können nicht zur Schule gehen. Neun Millionen Kinder werden als Kindersoldaten, Zwangsprostituierte oder Schuldknechte ausgebeutet. Und immer noch wird über eine Million Kinder als Sklaven verkauft und zur Arbeit gezwungen.

In zwei Konventionen unter dem Dach der Internationalen Arbeitsorganisation haben sich die Bestrebungen zur Abschaffung der Kinderarbeit niedergeschlagen. In der Konvention 138 wird jede Erwerbstätigkeit unter einem bestimmten Mindestalter – etwa dreizehn, fünfzehn oder achtzehn Jahre je nach Art der Tätigkeit und „Entwicklung“ des Landes – untersagt. In der Konvention 182 werden die Vertragsstaaten zusätzlich verpflichtet, die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ sofort zu unterbinden. Diese Konventionen werden durch ein unter dem Dach der Internationalen Arbeitsorganisation angesiedeltes „Internationales Programm zur Beseitigung der Kinderarbeit“ (IPEC) untermauert. Dieses Programm wurde 1992 auf Initiative der Bundesregierung eingerichtet und ist mit Aktionsprogrammen in 88 Ländern vertreten.

Doch unter dem Einfluss der Weltbank, mit der die Internationale Arbeitsorganisation und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen eine „weltweite Bewegung gegen Kinderarbeit“ anstreben, werden die arbeitenden Kinder in erster Linie unter der Perspektive von „Humankapital“ betrachtet. Damit wird eine Sichtweise bestimmend, die sich einseitig an den Verwertungsinteressen der Wirtschaft orientiert, dem Recht der Kinder auf eine menschenwürdige Gegenwart aber keinen Raum lässt. Die Internationale Arbeitsorganisation setzt bei ihrem Kampf gegen die Kinderarbeit auf ein strategisches Bündnis von Gewerkschaften und Geschäftswelt. Weniger werden dabei die schädlichen Folgen bedacht, die mit vielen Maßnahmen gegen die Kinderarbeit einhergehen. So werden etwa in Peru, Kolumbien oder Mexiko Kinder, die auf der Straße Süßigkeiten oder kunsthandwerkliche Produkte verkaufen, unter Verweis auf die ILO-Konvention 182 häufig von der Polizei vertrieben. Außerdem sehen sich Mütter, die von ihren Töchtern und Söhnen bei der Arbeit auf dem Markt begleitet werden, gezwungen, sie zu verstecken, um nicht wegen Verletzung der Aufsichtspflicht bestraft zu werden. Maßnahmen zum „Schutz“ der Kinder vor den „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ dienen unter der Hand oft der Legitimation sozialer Säuberungen.

Tatsächlich fühlen sich Bewegungen arbeitender Kinder und Jugendliche aus Afrika, Asien und Lateinamerika diskriminiert: Statt eines Verbots der Kinderarbeit fordern sie menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Dass die Internationale Konferenz gegen Kinderarbeit „Global Child Labour Conference“ Mitte Mai in Den Haag nur im Kreis von Erwachsenen stattfand, kritisierte die lateinamerikanische Bewegung der arbeitenden Kinder: Die ausschließliche Anwesenheit von Erwachsenen, „die in ihrer Mehrheit von unserer Lebensrealität weit entfernt sind“, bestätige aufs Neue, dass „die Partizipation der Kinder allein auf die Verkündung guter Absichten und juristische Dokumente beschränkt bleibt“, sagten sie. Die Meinungen zur Kinderarbeit gehen also auseinander. Konsens lässt sich wohl nur schaffen, wenn man sich darin einigt, dass das Problem der Kinderarbeit nur zu lösen ist, wenn die sozialen und ökonomischen Verhältnisse verschwinden, die zur Ausbeutung der Menschen führen – egal, ob sie minderjährig oder schon erwachsen sind.

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