Keine verschenkte Zeit

Kulturelles Ehrenamt gewinnt immer mehr an Bedeutung

Berlin (DT/KNA) Alles ist nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet, sagt die Bibel. Warum also nicht auch ehrenamtliches Engagement bemessen, dachten sich die Macher der Studie „Private Spenden für Kultur“, Rainer Sprengel und Rupert Graf Strachwitz. Nur selten fällt Ehrenamt ins Gewicht, wenn über Kultur in Deutschland gesprochen wird: Geschenkte Zeit ist geschenkt. Die Forscher des Berliner Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft verglichen dagegen gängige Kulturstudien und zählten das Ehrenamt in Form von Zeitspenden hinzu.

Der durchschnittliche Ehrenamtler erbringe einen jährlichen Geldwert von durchschnittlich 6 200 Euro, haben sie errechnet. Angenommen wird dabei ein jährliches Engagement von 173 Stunden mit je dreißig Euro Stundensatz. Insgesamt schätzen Sprengel und Strachwitz den Gegenwert allen ehrenamtlichen Engagements im Kulturbereich, vom Kirchenchor bis zur Laienspielgruppe, auf mindestens 9, 35 Milliarden Euro pro Jahr, maximal sogar auf 16, 7 Milliarden Euro. Diese Zahlen dürften besonders jene nicht auf der Rechnung haben, die in Sachen Kultur bislang nur auf den Staat zählten, für die Kultur nur staatstragende (und staatsgetragene) Oper und lichte Musentempel sind.

Rechnet man die – zuletzt stagnierenden – tatsächlichen Geldspenden aus privater Hand, in Form von Stiftungen, Mitgliedsbeiträgen oder Sponsoring, hinzu, kommen die Wissenschaftler auf einen Korridor zwischen zehn und zwanzig Milliarden Euro, mit dem die Bundesbürger der deutschen Kulturlandschaft weiterhelfen. Dem stehen jährlich acht Milliarden Euro von Bund, Ländern und Kommunen gegenüber, mit sinkender Tendenz. Klarer Hauptspender bei der Kultur sei der Bürger und nicht der Staat, unterstreicht denn auch der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Bundestag, Hans-Joachim Otto (FDP).

Das passt zum Loblied auf das Ehrenamt, das Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) unentwegt anstimmt. Strachwitz mahnt einen Mentalitätswechsel an. So wie der deutsche Spitzensport nicht ohne Breitensport auskomme, müssten die Kulturschaffenden und Verantwortlichen die deutsche „Breitenkultur“ noch mehr schätzen lernen. Sie sei das einzige, was im deutschen Kulturbetrieb derzeit Wachstumspotenzial habe. Nachholbedarf sehen Sprengel und Strachwitz allerdings bei der Spendenbereitschaft. Seit 1990, so die Studie, stagniert das Aufkommen an Geldspenden. Trotz 16 Millionen neuer Mitbürger, trotz florierender Fundraising-Aktivitäten und intensiver Sponsoringbemühungen geben die Deutschen nicht mehr Geld für Kultur. Im Kulturbereich steigt allein der freiwillige Zeiteinsatz.

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