Erfurt

Keine schlimmen Verratsfälle

Matthias Wanitschke hat sich mit der Stasi und ihrer Beziehung zur Kirche beschäftigt.

Stasi-Experte
Katholik und Stasi-Experte: Matthias Wanitschke. Foto: BV

Herr Wanitschke, Sie sind katholischer Theologe und haben über das Menschenbild der DDR-Staatssicherheit promoviert. Wie kam es zu diesem Thema?

Nach meinem Studiums-Abschluss begann ich 1993 beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) in Erfurt im Bereich Akteinsicht zu arbeiten. Mich erstaunte die eschatologische Funktion der Stasi als „Jüngstes Gericht“, das Volk aktuell in gute „Schafe“ und böse „Böcke“ zu scheiden. Die „Positiven“ waren dann anzuwerben und die „Negativen“ zu „liquidieren“, das heißt im Gefängnis mittels Strafe umzuerziehen oder gesellschaftlich unschädlich zu machen, sprich zu „zersetzen“. 1995 bin ich dann zum Landesbeauftragten gewechselt und habe dieses funktionale Menschenbild für mich nochmals auf den Punkt gebracht.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit ehemals hauptamtlichen Mitarbeitern der Staatssicherheit gemacht? Was sind das, aufs Ganze gesehen, für Menschen?

Vorweg: Auch Stasi-Offiziere sind keine Teufel, sondern (nur) Menschen (wie du und ich). Bei der Stasi konnte man sich nicht bewerben, sondern die Stasi kam auf die DDR-Bürger zu, die leistungsstark, aber vor allem ideologisch „linientreu“ und ohne Westverbindungen sein sollten. Vor allem in der Ego-Literatur gleich nach dem Zusammenbruch beklagten die Stasi-Mitarbeiter ihre Enttäuschung über die Enge und die Angst. Jedem war klar, dass er nur via Sarg aus diesem Geheimbund herauskam. Wer sich aber an der geliehenen Gewalt über die Anderen zu berauschen wusste, der konnte vielleicht seine innere Ohnmacht kaschieren. In Filmen wird dieser ambivalente Typ gut beleuchtet.

„Wer sich aber an der geliehenen Gewalt über die Anderen zu berauschen wusste, der konnte vielleicht seine innere Ohnmacht kaschieren.“

Nur von zwei Erfahrungen mit ehemaligen Hauptamtlichen kann ich berichten. Einen mich sehr beeindruckenden Menschen lernte ich 2006 kennen, als wir Zeitzeugen suchten, um die Stasi-Untersuchungshaft in Erfurt mit Leben zu erfüllen, damit das Gebäude am Erfurter Domplatz nicht abgerissen würde. Heute ist das die „Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße“. Für die Besucher wirkte das nachhaltig, einen geläuterten Stasi-Offizier zu erleben: Nachdem ich der Menge von fünf bis 50 Interessierten, in einer der Zellen oder vor dem Hafttrakt stehend, die allgemeinen Fakten erzählte, berichtete der Stasi-Hauptmann seine Erlebnisse und endete damit, dass die Freiheit zwar nicht leicht, aber besser als jede (Versorgungs-)Diktatur sei. Manchen bekannte er auch seine spätere Taufe und seinen aktiven christlichen Glauben.

Der andere Hauptamtliche wollte seine Geschichte gern Schülern erzählen. Ich solle mal seine Autobiografie lesen. Offenherzig schildert er darin sogar, dass ihn seine Mutter der Stasi als Spitzel empfohlen hatte und dass sein Opa dem Jugendlichen erfolgreich verbot, sich in die Pastorentochter zu verlieben.

Nach Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft gab es in der DDR rund 400 inoffizielle Staatssicherheitsmitarbeiter in Reihen der Katholischen Kirche. Wo kamen die her? Und vor allem: Wie kamen die zur atheistischen Staatssicherheit?

Mit dem Atheismus hat dieser, von einem inoffiziellen Mitarbeiter (IM) gewünschte Fremd- und Selbst-Verrat gar nichts zu tun. Staat und Kirche einigten sich faktisch, über Gottesbeweise nicht zu streiten. Der Staat wurde nur „sauer“, wenn Christen politisch wurden. Die katholische Kirche war unpolitisch. Ganz anders die evangelische, weil sie größer war und nicht so hierarchisch organisiert war und ist. Jeder Verräter hatte seine (intimen) Motive. Die IM-Vorgänge waren von einer „deutschen Behörde“ verfasst worden, müssen natürlich gedeutet werden, sind aber zur Beantwortung der Frage sehr gut geeignet. In einem „Vorlauf“ forschte die Stasi nach intimen „Ansatzpunkten“ der Verführung. Psychologisch gesprochen, suchten die Führungsoffiziere nach ich-schwachen Männern (nur zehn Prozent waren Frauen), die letztlich aus niederen Beweggründen wie Neid (auf den Vorgesetzten) oder Angst (vor der eigenen Bedeutungslosigkeit) den geheimen Pakt mit der (eigentlichen) Staats-Macht eingingen. Es wäre so einfach gewesen, sich unbrauchbar zu machen, indem man den Stasi-Anwerbe-Versuch öffentlich gemacht hätte. Aber das war sehr selten.

„Dass aber heimliches Kungeln mit der Stasi-Macht immer zum Selbst-Verrat führte, wird immer noch nicht thematisiert.“

Kirchlichen Mitarbeitern war es kategorisch verboten, überhaupt mit dem Staat, schon gar nicht mit der Stasi zu sprechen. Vor meinen Ferien war das immer der letzte Punkt der Anweisungen: „Wenn die Stasi anklopft, nicht reden und sofort zum Bischof!“ Heute wissen wir, die Stasi beklagte durchgehend einen Informationsmangel über den katholischen Raum. Ich kenne keine schlimmen Verratsfälle durch Katholiken, die zur Inhaftierung von Andersdenkenden führten. Ideologisch sahen sich Kirche und Staat als Feinde, die sich gegenseitig belauerten. Dass aber heimliches Kungeln mit der Stasi-Macht immer zum Selbst-Verrat führte, wird immer noch nicht thematisiert. Aus dem Eichsfeld kenne ich drei IM-Priester-Akten, die das Kontaktverbot ihres Bischofs missachteten: Warum? Was sagen diese Akten? Für (banale) Informationen erhielt der eine seine Funker-Lizenz zurück, dem anderen konnte durch Westreisen geschmeichelt werden. Beim dritten stellt sich das komplexer dar: Ihm wurde zunächst vorgegaukelt, einen Jugendlichen seiner Gemeinde, der dann selbst angeworben werden konnte, vor dem Zugriff des SED-Justiz retten zu müssen. Dieser patriarchale „Ansatzpunkt“ scheint die Verbindung der beiden Männer, die sich vielleicht sogar mochten, gewesen zu sein. Schließlich traf man sich heimlich im Pfarrhaus, um über die Gretchenfrage zu diskutieren. Eindeutig hatte dieser Pfarrer das Kontaktverbot seines Bischofs übertreten. Aber warum? Was war(en) sein(e) Motiv(e)? Einsamkeit?! Dünkel?! Die Stasi jedenfalls verbot dem Führungsoffizier weitere Treffen mit dem Priester, weil keine nützlichen Informationen flossen. Die Akte wurde geschlossen. Alle drei IM-Priester sind leider schon verstorben.

Was sagen Sie denjenigen, die heute behaupten, die DDR sei ein sozialer Wohlfühlstaat gewesen, in dem politische Freiheiten ein wenig eingeschränkt gewesen seien?

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren“, sagte Benjamin Franklin. „Nach Kant darf keiner mehr gehorchen“, sagte Hanna Arendt. Als Verfassungspatriot glaube ich an die Freiheit (des Menschen) und die offene Gesellschaft. Platons, aber auch Thomas von Aquins Traum einer geschlossenen, perfekten Gesellschaft halte ich für unmenschlich: „Wer den Himmel auf die Erde zwingen will, schafft die Hölle.“

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